French Open Roland Garros 2006

Justine Henin – Star im Schatten der Sternchen

Sie lächelt. Bei Pressekonferenzen, in Fernsehinterviews, bei Siegerehrungen. Sie lächelt. Und das kannte man bisher nicht von ihr. Okay, sie wirkt immer noch etwas reserviert. Niemand kann aus seiner Haut heraus. Und Justine Henin wird nie ihr Herz auf der Zunge tragen wie eine Ana Ivanovic, die mit ihrem Charme die Fans bezirzt. Aber: Die Belgierin hat sich geöffnet. Ihr Trainer, der Argentinier Carlos Rodriguez, sagt: Ich erlebe Justine jetzt in der Öffentlichkeit so locker, wie sie mir gegenüber schon immer war.
Das neue Savoir vivre, die sichtliche Freude am Leben sie hängt wohl damit zusammen, dass Justine Henin zu ihrer Familie zurückgefunden hat. Um das zu verstehen, muss man in ihre Vergangenheit eintauchen.

Flucht von Zuhause
Es ist eine traurige Geschichte. Als Jus-tine zwölf Jahre alt ist, verliert sie ihre Mutter Francoise, die an Darmkrebs stirbt. Mit 17 zieht sie von zu Hause aus, hat sich mit ihrem Vater Jose, einem Postbeamten, den Geschwis-tern David, Thomas und Sarah völlig verkracht. Sie hat ihr Leben, wir haben unseres, beschrieb ihr Bruder David das Verhältnis einmal knapp.
Ihren Rückhalt findet Henin, die schon als Teenager bis zum Umfallen trainierte, im Tennisclub St. Gilles de Ciney in der Kleinstadt Rochefort nahe der französischen Grenze. Dort lernt sie auch Pierre-Yves Hardenne kennen, ihren späteren Ehemann, der als Clubtrainer arbeitet. Als sie im September 2000 von den US Open zurückkehrt, zieht sie zu ihm nach Marloie in den Südosten Belgiens. Die beiden, längst ein Paar, wohnen in einem Appartement über dem Fleischergeschäft der Eltern des Freundes.
Zwei Jahre später heiraten Justine und Yves. Und als die frischgebackene Madame Henin-Hardenne ein paar Jahre später auf die Hochzeit angesprochen wird, behauptet sie: Viele hielten diese Hochzeit für völlig verrückt, aber ich bin glücklich mit Yves.
Das Glück hielt keine fünf Jahre, und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass die letzten Ehejahre nicht die glücklichsten im Leben Henins gewesen sein werden. Vor Weihnachten 2006 gab Henin die Scheidung bekannt und verzichtete auf einen Start bei den Australian Open. Es sollte noch ein paar Monate dauern, bis sie wieder Kontakt zu den Lieben von einst bekam. Und passend zur Vita Henins war es ein dramatisches Ereignis, das die Familie wieder zusammenführte.
Als Justine Henin am 3. April 2007 von der Laureus Award-Verleihung in Barcelona (bei der sie leer ausging) zurückreiste, erreichte sie eine SMS ihrer Schwester: Justine, das ist wahrscheinlich die letzte Chance, deinen Bruder noch einmal zu sehen. David Henin lag nach einem einem schweren Autounfall im Koma. Als er nach zwei Tagen erwachte, saßen nicht nur die vertrauten Familienmitglieder am Krankenbett, sondern auch die
Schwester, mit der er sieben Jahre lang kein Wort gesprochen hatte.

Rückkehr zur Familie
Justine Henin war gekommen und der traurige Anlass wurde zum familiären Wiedersehen, bei dem Tränen der Freude flossen, sich alle in den Armen lagen und sich schworen, künftig alle Probleme gemeinsam durchzustehen. Der fast tödliche Autounfall er war ein Déjà vu. Justine war noch nicht geboren, da wurde die erstgeborene Tochter ihrer Eltern, die damals zweieinhalbjährige Florence, von einem betrunkenen Autofahrer überfahren. Henins Bruder David hat seinen Unfall (den er selbst verschuldete, weil er am Steuer einschlief) überlebt, und man kann nur hoffen, dass damit die unglücklichen Familienepisoden ein Ende gefunden haben.
Bei Henins French Open-Sieg wurde die neue Einigkeit gleich demons-triert. Alle Geschwister saßen auf der Tribüne, Vater Jose zitterte zu Hause vor dem Fernseher mit.
Le Bonheur Au Bout Du Court frei übersetzt: Das Glück, am Ende der Leiden auf dem Platz zu sein, heißt die Autobiographie Justine Henins. Mittlerweile scheint nicht nur die Leidenszeit im Privatleben Henins vorbei zu sein, sondern auch die auf dem Platz. Vergessen die Knieverletzung und der seltsame Virus namens Cytomegalie, der sie fast zwei Jahre ihrer Karriere kostete.
Mir ist klar geworden, sagt Henin und blickt ihre Gesprächspartner mit festem Blick aus dunklen Augen an, das alles gehört zu meinem Leben. Anders formuliert: Sie hat gelernt, mit ihren Rückschlägen klarzukommen. Wer weiß, um wieviel erfolgreicher sie ohne die Verletzungen und Krankheiten bislang gewesen wäre. 2003, vor  den gesundheitlichen Problemen, war sie die alles überragende Spielerin, gewann acht Turniere. Vier Jahre später ist sie ähnlich dominant, führt die Weltrangliste mit großem Vorsprung an. Ein gewisses Trauma ist geblieben. Vor allem ihr Magen bereitet ihr immer wieder Probleme. Sie hat Angst, wie ihre Mutter an Darmkrebs zu erkranken. Deswegen wird sie auch alle paar Wochen gründlich untersucht, verrät Coach Carlos Rodriguez.
Vielleicht ist er der wichtigste Mann im Leben von Justine Henin. Seit elf Jahren arbeiten die beiden zusammen. Rodriguez ist Coach, Manager, Ratgeber, Seelsorger. Er riet ihr auch, die Bande zur Familie wieder zu knüpfen (etwas, das ihr Ex-Mann angeblich stets unterbinden wollte).

Die Erfolgsformel
An die erste Begegnung mit seiner Schülerin erinnert er sich noch genau. Sie war 13, forsch und selbstbewusst. Ich wusste, dass sie mich gerne als Trainer verpflichten würde, und ich fragte sie, warum. Sie antwortete: Weil ich die Nummer eins werden will. Weil ich weiß, dass ich es schaffen kann, erinnert sich Rodriguez. Die Erfolgsformel des Duos: Gegenseitiger Respekt. Anders sei so eine lange Zusammenarbeit nicht möglich, sagt Rodriguz. Jeder brauche seine Intimsphäre, den Geheimnisgarten, wie es der Argentinier formuliert. Ein sehr guter Freund ist er aber auch. Und seine beiden Söhne Ratheo und Manuel sind Henins Glücksbringer. Wenn sie Turniere spielt, sitzen die Kids oft auf der Tribüne, feuern sie an. Ratheo ist sogar Henins Patenkind.
Was Rodriguez, den von Natur aus emotionalen Latino, der jedoch immer ruhig wirkt, bei seinem Schützling aufregt: Dass sie oft erst dann ihr bestes Tennis abruft, wenn sie zurückliegt. Sie muss den Lauf einer Pistole an ihrer Schläfe spüren, dann wacht sie auf, scherzt Rodriguez. Damit die Konzentration von Beginn an hoch ist und die Konkurrenz aus Russland, Serbien und den USA auf Distanz gehalten wird dafür hat der Coach inzwischen das ideale Umfeld geschaffen. Für jeden Aspekt im Spiel von Henin gibt es einen Experten Ernährungsberater, Konditionstrainer, Physiotherapeut, Arzt.
Den großen Nachteil sieht Rodriguez in der geringen Körpergröße der 1,67 Meter großen Belgierin. Ihn gelte es zu kompensieren. Sie müsse intensiver trainieren als die Gegnerinnen, und alles sei genau auf sie abgestimmt: Essen, Schlafrhythmus, Trainingseinheiten. Als Henin nach ihrer Scheidung im Februar auf die Tour zurückkehrte, war sie von Rodriguez optimal eingestellt. Wochenlang hatten die beiden an ihrer Beweglichkeit auf dem Court und am Volley gearbeitet. Das Fas-znierende bei Justine ist, dass sie ihr Spiel auf ein immer höheres Level bringen kann, schwärmt Rodriguez.

Miss Federer
Um wieviel besser kann sie noch werden? Fakt ist, dass keine auf der Tour so variantenreich spielt wie Henin. Darin ähnelt die Belgierin Roger
Federer. Ihre Rückhand, schon vor Jahren von John McEnroe als schönster Schlag im Damentennis bezeichnet, ist nicht mehr ihre Hauptwaffe. Längst baut sie ihr Spiel über die Vorhand auf. Den Aufschlag drischt sie mit bis zu 190 Kilometer pro Stunde ins gegnerische Feld.
Sechs Grand Slam-Titel hat sie bislang gewonnen, zehnmal stand sie in Finals. Bedenkt man, dass sie erst 25 Jahre alt ist, können noch viele große Siege folgen. Sie ist zur Zeit die Spielerin auf der Tour, lobt Kim Clijsters. Die Landsfrau hat ihre Karriere beendet, heiratet demnächst (und hat ihre frühere Zimmergenossin aus Jugendzeiten nicht eingeladen). Als sie noch aktiv war, konnten die Gegensätze nicht größer sein. Auf der einen Seite Clijsters, die in einer intakten Familie aufwuchs, immer so herzlich wirkte und stets Spaß zu haben schien. Auf der anderen Henin, die verschlossen und verbissen aussah, eine Streberin, deren Spiel man zwar bewunderte, aber mit der man als Person nicht viel anzufangen wusste.
Justine Henin hat sich für jedermann sichtbar gewandelt. Aber es war keine Imagekorrektur, für die sie Berater verpflichten musste, die neue Leichtigkeit des Seins kam aus ihr selbst heraus. Genial sei ihr Leben im Moment, sagt Henin, und man glaubt es ihr. Vor allem, sie wirkt authentisch, fast poetisch, wenn sie Sätze sagt wie: Ich bin ein Mädchen, das nicht so groß und nicht so stark ist wie die anderen und manchmal ein wenig zerbrechlich scheint. Es ist meine große Sensibilität, die mich manchmal sehr stark macht und bei anderen Gelegenheiten zerbrechlicher.

Kein Schlaf vor Finals
Dass sie öffentlich preisgibt, vor großen Finals kaum zu schlafen, macht die jahrelang scheinbar coole und kontrollierte Henin sympathisch. Anders als Clijsters wird ihre Welt jedoch immer Tennis bleiben. Letztes Jahr hat sie einen Club in Belgien gekauft. Parallel zur eigenen Karriere ist sie mit Coach Rodriguez dabei, eine Tennisakademie für Kinder, die Profis werden wollen, aufzubauen. Ich liebe Kinder, sagt Henin. Und lächelt.
Andrej Antic/Tim Böseler
Justine Henin wurde am 1. Juni 1982 in Liège, Belgien, geboren. Ihre Mutter Francoise starb, als Justine zwölf Jahre alt war. Mit ihrem Vater Jose und den Geschwistern David, Thomas und Sarah hatte sie sieben Jahre keinen Kontakt, bis sie sich im Frühjahr wieder mit der Familie versöhnte. Von Pierre-Yves Hardenne ließ sich sich Ende 2006 nach fünfjähriger Ehe scheiden. So turbulent ihr Privatleben ist, auf dem Tennisplatz zählt sie zu den konstantesten Spielerinnen. In die Top Ten stieß sie 2001. Am 20. Oktober 2003 wurde die 1,67 Meter große Rechtshänderin erstmals die Nummer eins. Zur Zeit führt sie die Weltrangliste mit großem Vorsprung an, gilt wegen ihres variablen Spiels als Pendant zu Roger Federer. 2006 schaffte sie wie Federer das Kunststück, in allen vier Grand Slam-Finals zu stehen. Allerdings konnte sie nur eins gewinnen, die French Open. Paris ist ihr Lieblingsturnier. 4-mal gewann sie dort bislang (2003, 2005-2007). Als Juniorin holte sie 1997 mit einer Wildcard den Titel. Jeweils einmal siegte sie bei den Australian Open (2004), bei den US Open (2003) und bei den WTA-Championships (2006). 2004 holte sie Gold bei den Olympischen Spielen in Athen. Turniersiege insgesamt: 34. Preisgeld: rund 16 Mio. Dollar.