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Martina Hingis: Vom Champion zum Darling

Das Leben schreibt wunderbare Drehbücher. Anfang Februar 2003 erklärte Martina Hingis ihren Rücktritt vom Tennis. 22 Jahre war sie jung, aber ihr Körper schien alt und verbraucht. Hingis hatte Schmerzen in der Ferse, den Hüften, den Knien, am Rücken. Die exakte Diagnose: eine chronische Entzündung der Sehnenplatten am Fuß. Es ging nicht mehr. Aber Hingis schien gar nicht so traurig zu sein über das Ende ihrer Karriere. Sie habe jetzt endlich Zeit, die Dinge zu tun, die ihr Spaß machen Englisch lernen, Skifahren, Reiten. Und sie wollte das Zuhause genießen, ihre Villa mit Blick auf den Zürichsee.

Nur ein PR-Gag?
Es hat sie nicht erfüllt. Am 3. Dezember 2005 verkündete Hingis in einer von ihrer Marketing-agentur Octagon organisierten Telefonkonferenz den Rücktritt vom Rücktritt. Hi every-body, begrüßte Hingis die zugeschalteten Journalisten, Ihr habt wahrscheinlich alle von meinem Comeback gehört. Ich werde in Australien spielen. Ich möchte wieder gegen die besten Spielerinnen der Welt antreten. Und ihr Leibarzt Heinz Bühlmann legte gleich nach: Martina ist fit. Es gibt keine gesundheitlichen Probleme. Die Bombe war geplatzt. Die Gazetten hatten ihre Story, und die Fragen, die sich alle stellten, waren immer die gleichen. Ist die Rückkehr nur ein PR-Gag? Wird sie sich nach dreieinhalb Jahren ohne Turniertennis blamieren? Kann Sie mit den Bes­ten überhaupt mithalten?
Die Antwort: Sie kann. Oder besser: Sie konnte es in Australien. Denn niemand weiß, wie die Geschichte der Martina Hingis ausgeht. Was sie in Down Undere leistete, war sensationell. Gleich bei ihrem ers­ten Auftritt an der Gold Coast erreichte sie das Halbfinale (das sie gegen Flavia Pennetta in drei knappen Sätzen verlor). Es folgte eine 3:6, 3:6-Niederlage gegen Justine Henin-Hardenne in Sydney. Anschließend reiste sie zu den Australian Open nach Melbourne. Per Wildcard war sie am Start. Ihr erster Auftritt eine Demonstration alter Stärke. Vera Zvonareva, die Nummer 42 der Welt, schimpfte, fluchte, schmiss den Schläger. Und Hingis schwebte förmlich über den Court, spielte ihre Gegnerin aus, variierte mit Topspin und Slice, servierte klug, wenn auch mit wenig Tempo. Nach 65 Minuten hatte sie 6:1, 6:2 gewonnen. Und als 15000 Zuschauer klatschten, lächelte sie. Es war das Lächeln des Turniers, ein Lächeln, das ausdrückte, dass sie alles richtig gemacht hatte.
Wochenlang hatte sie sich in der Tennisakademie ihrer Mutter Melanie Molitor in Wollerau in der Nähe von Zürich vorbereitet. Sie hatte Tausende von Bällen geschlagen, Gewichte gestemmt, Bergläufe absolviert. In den USAbestritt sie Showkämpfe, und als ihr im letzten Jahr bewusst wurde, wie gut die alten Rivalinnen Lindsay Davenport und Mary Pierce noch immer spielten, fiel die Entscheidung, es noch einmal zu versuchen. Es hat mich inspiriert, dass noch Spielerinnen in der Weltrangliste vorne stehen, die schon da waren als ich noch gespielt habe, sagte Hingis. Sie sei kein Mensch, der sich den ganzen Tag auf die Couch legt und fernsieht. Sie brauche Ziele.

Finesse statt Power
Und dann sagt sie noch einen Satz, der all das beinhaltet, was ihr in den letzten Jahren ständig durch den Kopf gegangen sein muss: Nichts hat mich so erfüllt, wie auf dem Platz zu stehen. Mein Gott, sie ist erst 25. Und mit ein bisschen Fantasie lässt sich erahnen, wie sie sich in der tennislosen Zeit gefühlt haben muss. Klar ist es nett, dann aufzustehen, wann man Lust dazu hat, gut zu essen und zu trinken, Freunde zu treffen, bei Gucci, Versace und Armani einzukaufen, keine Termine zu haben. Aber vielleicht fehlte ihr die Orientierung. Seit frühester Kindheit spielte sich ihr Leben zwischen weißen Linien ab, in einem 23,77 x 10,97 Meter großen Rechteck.
Als die Meldung von ihrer Rückkehr um den Globus ging, meldete sich als Erstes die WTA in Gestalt ihres Chefs Larry Scott zu Wort: Die Tour begrüßt Martina mit offenen Armen. Sie wird eine Bereicherung sein, da bin ich ganz sicher. Und die Kolleginnnen lobten artig: Ihre Rückkehr ist für die Damentour Gold wert (Kim Clijsters). Sie ist die intelligenteste Spielerin, gegen die ich je angetreten bin (Davenport). Martina war und ist ein Champion. Sie weiß genau, was sie tut (Pierce).
Das kann man so sehen. So überraschend ihre Rückkehr auf die Tour ist, sie macht von einer höheren Ebene betrachtet Sinn. Die Karriere der Martina Hingis war unvollendet. Als Hingisova in der Slowakei geboren, wird sie schon im Alter von zwei Jahren von ihrer Mutter, einer professionellen Tennisspielerin und Ski-Langläuferin, trainiert. Mit vier spielt sie Turniere. Mit elf gewinnt sie das berühmteste Juniorenturnier für 14-Jährige in Tarbes. Sie ist das Wunderkind, die Teen Sensation, die kindliche Kaiserin, wie die New York Times schreibt. Mit 16 Jahren und sechs Monaten wird sie die jüngste Nummer eins der Welt, mit 17 die jüngste Wimbledon-Siegerin. Als die Ära Steffi Graf zu Ende geht, dominiert sie das Welttennis mit Präzision, Kreativität und Finesse. Aber nicht mit
Power. Schon gar nicht mit der Wucht, mit der sich die Williams-Schwestern in die Spitze katapultierten. Venus und Serena verdrängten Hingis, machten sie zum Auslaufmodell.
Anfang 2006, im Alter von 25 Jahren, ist sie wieder da. Und kein Ort wäre für dieses Comeback passender gewesen als Melbourne. Nirgendwo gewann Hingis mehr Matches. Zwischen 1997 und 2002 stand sie sechsmal im Finale der Australian Open. Dreimal in Folge zwischen 97 und 99 gewann sie sowohl die Einzel- als auch die Doppeltitel.
2006 war im Viertelfinale Schluss. Erst, muss man hinzufügen, wenn man sich die Vorgeschichte vor Augen hält. Ich fühle mich ein bisschen als Australierin, rief Hingis einmal hinauf auf die Ränge, und die Zuschauer applaudierten. Dabei hatte sie gerade eine Landsfrau geschlagen Samantha Stosur. Bis zu diesem Match, dem Achtelfinale, hatte die Schweizerin in drei Begegnungen nur zehn Spiele abgegeben. Sie flitzte durch das obere Tableau wie in alten Zeiten. Erst Kim Clijs­ters, die bei den Australian Open auf Platz eins der Weltrangliste zurückkehrte, stoppte Hingis in drei engen Sätzen.

Welle der Sympathie
Wie zufrieden sie mit ihrem Comeback war, wurde Hingis nach der Partie gefragt: Es lief nicht so schlecht, sagte sie lächelnd, nun muss ich noch härter arbeiten. Sie traue sich zu, wieder unter die Top Ten zu kommen, ein Grand Slam-Turnier zu gewinnen. Was durchaus möglich ist. Hingis schlägt härter von der Grundlinie und bewegt sich besser als früher. Einzig ihr Aufschlag könnte druckvoller sein. Ich erzähle meinem Sponsor Yonex immer wieder, sie sollen mir ein schnelleres Racket bauen, scherzte Hingis, die in Melbourne auf einer Welle der Sympathie surfte.
Fraulicher ist sie geworden, die Anti-Power-Frau aus Trübbach, erwachsener, was schon dadurch dokumentiert wird, dass sie nicht mehr mit der dominanten Mutter reist. Der Ex-Champion hat sich zum Publikumsliebling gemausert. Tennis-Zicke war einmal. Wenn sie das neue Image transportiert und ihr Spiel stabilisiert, könnte die zweite Karriere fantastisch werden. Und am Ende gab es sogar noch einen Titel in Melbourne mit Mahesh Bhupathi siegte sie im Mixed. Schöner hätte ihre erste Dienstreise kaum enden können.
 Andrej Antic