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Shahar Peer – Die Patriotin

Wie ist es als Mädchen beim Militär? Wie fühlt es sich an, mit einer Waffe zu schießen? – Ständig wird Shahar Peer mit den gleichen Fragen bombardiert. Neben Tennis geht es vor allem um eins: die Armee. Dies ist die 19-Jährige inzwischen gewohnt. „Für viele ist es ungewöhnlich, dass eine Frau beim Militär dient“, sagt sie. „Da ist es verständlich, dass sie mehr wissen möchten.“ Dann zwirbelt sie eine Haarsträhne zwischen ihren Fingern und fängt an zu erzählen. Davon, dass es für alle Männer und Frauen in Israel Pflicht ist, zwei Jahre zu dienen. Dass auch sie im letzten Jahr eine praktische Grundausbildung absolviert und dabei Schieß- und Kampftraining durchlaufen hat.

Arbeitsplatz Tel Aviv

Es war eine schöne Erfahrung. Ich habe viele nette Menschen kennengelernt“, beschreibt die 1,70 Meter große Tennisspielerin die Zeit, in der sie schwerbewaffnet und im Tarnanzug durch israelische Wälder marschiert ist. Es klingt fast, als berichte sie über einen Aufenthalt in einem Feriencamp. Als Israelin ist für Peer eine Kampfausbildung so normal wie für andere die Führerscheinprüfung. Der tatsächliche Wehrdienst gestaltet sich für den Teenager allerdings weniger spannend. Ihre patriotische Pflicht erfüllt Peer, indem sie beim Militärstützpunkt in Tel Aviv arbeitet. Immer, wenn sie auf ihrer Tour durch die Welt einen Heimatstopp einlegt, muss sie dort antreten. Jeden Tag für ein paar Stunden. Allerdings nicht auf dem Schießplatz, sondern im Büro. Hauptaufgabe: Papierkram erledigen. „Ich bin dort quasi Sekretärin“, sagt Peer. Ansonsten lässt das Militär sie weitgehend unbehelligt ihrer Tenniskarriere nachgehen. Möglich ist dies durch einen Ausnahmestatus als „außerordentliche Athletin“, den ihr das Verteidigungsministerium verliehen hat. Trotz ihrer zusätzlichen Aufgabe hat sich die talentierte Spielerin bis in die Top 20 hochgearbeitet und herausragende Erfolge gefeiert. In Melbourne erreichte sie als erste Israelin das Viertelfinale eines Grand Slams, drei WTA-Titel hat sie schon gewonnen. Die Verpflichtung beim Militär stört sie nicht. „Ich bin ein Teil von Israel. Also tue ich, was ich tun muss“, betont Peer mit solch einem Nachdruck, der jeden Gedanken an Widerspruch im Keim erstickt.

Power auf dem Platz

Ihre Kämpfe trägt Shahar Peer nicht an der Front, sondern auf dem Tennisplatz aus. Wenn man die zierliche Brünette auf dem Court sieht, fällt es nicht schwer, sie sich bei der Armee vorzustellen. Sie schreit, sie schimpft und schlägt sich nach Gewinnschlägen mit der Faust auf die Brust. Die Intensität, mit der sie ein Match bestreitet, ist enorm. Jede ihrer Gesten zeugt von Entschlossenheit, Willenskraft und Power. Wenn Peer sich zum Return an der Grundlinie aufstellt, mit der flachen Hand auf ihren Oberschenkel schlägt und mit zusammengekniffenen Augen ihr Gegenüber fixiert, wird jedem klar: Diese Frau wird sich zäh durch jede Krise beißen und niemals kapitulieren. „Ich gebe immer alles – bis zum Ende. Das ist meine Stärke“, sagt Peer über sich selbst. Die Israelin braucht den Wettkampf. Das ist es, was sie am Profitennis reizt. Ihre harten Gesichtszüge und die leicht hängenden Mundwinkeln geben ihr eine stets mürrische Ausstrahlung. Auf dem Court wirkt sie oft verbissen, abgebrüht und knallhart.

Cousin an der Front

Doch es gibt auch die weiche Peer, die lächelt, scherzt, auch mal kichert, oder – in schlechten Zeiten – in tiefer Sorge um ihre Angehörigen versinkt. Als ihr Cousin im Libanon kämpfte, hatte sie Albträume, kontrollierte ständig ihre E-Mails, suchte im Internet nach Neuigkeiten. Doch darüber spricht sie nicht gern. Fragen über Politik blockt sie ab. Auf das Thema angesprochen, verdüstern sich ihre Gesichtszüge und die Antworten werden knapp.

Wenn es jedoch um Sport geht, blüht die Frau mit der Lockenmähne auf. Fröhlich erzählt sie von ihrer Profikarriere, die in ihrer Heimatstadt Maccabim begann, als sie sechs Jahre alt war. Damals nahm ihre Mutter sie eines Tages mit zum Training – zusammen mit den älteren Geschwistern Shani und Shlomi, die bereits Tennis spielten. Kurze Zeit später entdeckte ein einheimischer Coach das Nesthäkchen der Familie. Es folgte eine harte Lehrzeit auf den Plätzen Israels mit mehreren Trainerwechseln. Während die Geschwister heute schon lange keine Bälle mehr schlagen, ist Shahar auf dem Weg an die Weltspitze. Letztes Jahr fand sie einen zweiten Trainingsstützpunkt in den USA. In Palm Springs, Florida, arbeitet sie seit Oktober mit Jose Higueras. Der Argentinier, der schon Pete Sampras und Jim Courier unter seinen Fittichen hatte, betreut sie hauptsächlich in seiner Akademie in Florida. Auf Reisen ist der Israeli Oded Teig an ihrer Seite. Einen israelischen Coach dabei zu haben, ist Peer wichtig. So hat sie ein Stück Heimat immer in ihrer Nähe. Aber auch in Amerika fühlt sich die leidenschaftliche Patriotin wohl. „Hier ist alles so einfach, so unkompliziert“, schwärmt Peer. Man könnte die USA fast als ihr zweites Lieblingsland bezeichnen, doch solche Standardausdrücke mag Peer gar nicht. Genauso wenig wie abgedroschene Journalistenfragen. Ein Lieblingsessen, eine Lieblingsstadt oder ein Lieblingsfilm? – hat sie nicht! Weiteres Nachhaken überflüssig. Shahar Peer ist nicht die einfachste Gesprächspartnerin, ist kein ständig lächelndes Glamour-Girl wie eine Maria Sharapova, die stets einen kessen Spruch auf den Lippen hat.

Streit der Religionen

Dennoch ist Peer höflich, freundlich – und aufgeschlossen gegenüber Fremdem. Wenn Politik oder Religion ihr Leben als Tennisprofi beeinträchtigen, macht sie das traurig. Als sie, die Jüdin, mit Sania Mirza, einer Muslimin, in Bangkok 2005 Doppel spielte, verstand sie die Empörung nicht, die unter religiösen Anhängern losbrach. Beide Spielerinnen mussten herbe Kritik von Gläubigen aus ihrer Heimat einstecken, da diese den Mix zweier so unterschiedlicher Religionen nicht gutheißen wollten. „Es geht allein um den Sport, nicht um Politik“, rechtfertigte sich Peer damals. Enttäuscht war sie ebenfalls, als die Fed Cup-Begegnung Israel gegen Indonesien ausfiel, da die indonesische Regierung ihrem Team verbot, zur Partie nach Israel zu reisen. Grund: politischer Protest gegen die Militäroffensive Israels im Gazastreifen, die kurz zuvor durchgeführt worden war. Als Folge wurde Israel kampflos zum Sieger erklärt und durfte in der Weltgruppe II antreten. Für die Tennisspielerinnen beider Länder war das Spielverbot jedoch eine herbe Enttäuschung und Peers Freude über den Aufstieg getrübt.

Derartige Erfahrungen haben Shahar Peer verändert, sie realistischer gemacht. Früher war sie abergläubisch, aß bei Turnieren immer das gleiche Frühstück. Solchen Firlefanz hat sie sich abgewöhnt. Auch sportliche Vorbilder hat sie keine mehr, konzentriert sich stattdessen lieber auf ihr eigenes Spiel – ein solides Grundlinienspiel mit harten Schlägen. Derzeit arbeitet sie daran, noch agressiver zu werden. Auch ihre Zukunftspläne sind realistisch: sich „Schritt für Schritt nach oben arbeiten“ und gleichzeitig etwas zur Völkerverständigung beitragen. So kann sie ihrem Vaterland auf eigene Weise dienen – auch dann noch, wenn der Wehrdienst im Oktober zu?Ende geht.

Nina Hoffmann

Geburtstag: 1. Mai 1987
Geburtsort: Jerusalem, Israel
Wohnort: Maccabim, Israel
Größe: 1,70 Meter
Gewicht: 60 Kilogramm
Schlagarm: Rechtshänderin
Profi seit: 2004
Trainer: Jose Higueras, Oded Teig
Preisgeld: 919370 Dollar
Weltrangliste: 15
Größte Erfolge: 3 WTA-Titel:?Pattaya City, Prag, Istanbul (2006), Viertelfinale Australian Open (2007); Achtelfinale French Open und US Open (2006); Halbfinale Miami (2007)