2010 Australian Open – Day 6

Tommy Haas: Der ewige Patient

War es das? Ist die Karriere von Tommy Haas nun endgültig zu Ende? Vergangenen Freitag ließ sich der 31-Jährige an der rechten Hüfte operieren und fällt nun für ein halbes Jahr aus. Auch wenn es die Regel des Protected Ranking gibt, die einem Profi den Wiedereinstieg nach einer Verletzung erleichtern soll: Haas wird in der Weltrangliste abstürzen, weil er im ersten Halbjahr 2009 stark aufspielte. Achtelfinale bei den French Open, Turniersieg in Halle, Halbfinale in Wimbledon  Haas sammelte damals mächtig viele Punkte. Er wird sie nicht verteidigen können in diesem Jahr.



Es ist genau dieses Punktepolster, das Haas noch in den Top 20 der Weltrangliste hält. Verliert er es (und er wird es aufgrund der Verletzung verlieren), stürzt er ab. Raus aus den Top 100, vielleicht fällt er sogar noch tiefer. Selbst wenn Haas sich von dem schweren Eingriff am Freitag gut erholen sollte, ist die Frage: Kämpft er sich, mit 32 Jahren, wieder zurück? Tut er sich das noch an?

2004 kam Haas nach 15 Monaten Pause zurück

Rückblende: Es ist Dienstag, der 10. Februar 2004. In San Jose betritt Tommy Haas den Platz, zum ersten Mal nach einer 15-monatigen Zwangspause. In dieser Zeit musste er zweimal an der Schulter operiert werden. Haas beginnt mit seiner zweiten Karriere, wie er es selbst bezeichnet, und verliert vor 6000 Fans 4:6, 2:6 gegen Vince Spadea. Haas ist in einer ungewöhnlichen Situation: Niemals zuvor wagte ein Profi, der so lange von der Bildfläche verschwunden war, ein Comeback. Jeder Schritt, jede Vorhand und jeder Fehler werden analysiert. Packt er es? Kommt er noch einmal hoch?
Haas schaffte es – und wie! Als er bei den Australian Open 2007 das Halbfinale erreichte und in den Top 10 der Weltrangliste stand, sprachen einige Fachleute von einem der größten Comebacks der Tennishistorie, auch wenn er den Ruf als ewiger Patient nicht mehr los wurde. Irgendein Zipperlein begleitete ihn ständig.

Dann der nächste große Rückschlag, Ende des Jahres 2007: Haas musste sich zum dritten Mal an der Schulter operieren lassen. Die Saison 2008 lief schlecht für ihn, er sackte bis auf Platz 81 im Ranking ab. Nach seinem Erstrunden-Aus bei den US Open gegen Gilles Muller sprach er mit einigen deutschen Journalisten und gab ihnen ein Rätsel mit auf den Weg.

Man mutet dem Körper doch einiges zu

Wenn ich noch einmal angreifen will, muss ich etwas ändern in meinem Leben sagte Haas und ließ dabei offen, was genau er meinte. Schnell wurde daraus ein mögliches Karriereende interpretiert. Auf seiner Website stellte er später dann klar: Es kursieren Rücktrittsgerüchte um meine Person in der Presse. Ich muss dazu sagen, dass ich – falls ich ein viertes Mal unters Messer müsste – mir die Frage stellen würde, ob es das Ganze noch wert sei. Die kräftezehrenden Schmerzen, das harte Aufbautraining man mutet seinem Körper dabei doch einiges zu.
Genau in dieser Situation ist er nun. Sicher, zwischendurch hatte er allen voreiligen Rücktrittsgerüchten zum Trotz  eine fantastische Saison im letzten Jahr mit dem Highlight in Wimbledon. Da spielte er sich noch einmal auf die ganz große Bühne: Halbfinale gegen Roger Federer mehr geht nicht. Die Frage ist nun: Wird er nach einem so guten Jahr, das ihm fast keiner mehr zugetraut hatte und von dem er auch selbst überrascht war, noch einmal die Motivation finden, ganz von vorne anzufangen?

Als Haas im Februar 2004 nach 15 Monaten Pause zurückkam, wunderte er sich, wie schwer es anfangs für ihn war. Er wisse nicht, was er bei den wichtigen Punkten machen soll, gestand er damals, als er bei seinem zweiten Turnier in Memphis gegen Alexander Popp verlor. Es ging schließlich langsam, Schritt für Schritt, voran.

Ob er diese Geduld, diese Ausdauer, noch einmal aufbringen kann?

Im Juni 1996, vor gut 14 Jahren also, spielte Haas sein erstes Profiturnier. Es war ein Challengerevent in Weiden. Mittlerweile kann er es sich leisten, seine Karriere zu beenden. Auch wenn sie für viele Beobachter eine unvollendete bleiben wird.

Tim Böseler

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