Ermüdungsbruch bei Arthur Fils – „oft junge, hoch belastete Spieler betroffen“
Arthur Fils muss seit dem Sommer pausieren und verpasst auch die Australian Open 2026 – Ermüdungsbruch im unteren Rücken. Experte Dr. Raul Borgmann erklärt, was hinter solchen Verletzungen steckt und wie man sich vor ihnen schützen kann.
Herr Dr. Borgmann, beim Turnier von Roland Garros 2025 erlitt Arthur Fils einen Ermüdungsbruch. Was ist das eigentlich genau?
Ein Ermüdungsbruch, medizinisch Stressfraktur, ist ein Knochenbruch, der durch wiederholte Überbelastung entsteht. Er entwickelt sich schleichend – Schritt für Schritt, Schlag für Schlag. Denn bei ständiger Überlastung bilden sich winzig kleine Brüche im Knochen. Man nennt dies Mikrofrakturen. Anfangs versucht der Körper dies auszugleichen, indem er vermehrt Knochensubstanz bildet. Irgendwann schafft er es aber nicht mehr.
Bei Arthur Fils sitzt der Ermüdungsbruch im unteren Rücken. Das klingt besonders bedrohlich. Ist das etwas Seltenes?
Überraschenderweise nein – zumindest nicht bei jungen Leistungssportlern. Man muss aber unterscheiden: Es gibt zum einen Ermüdungsbrüche im Wirbelkörper selbst, die eher bei älteren Menschen mit Osteoporose vorkommen. Zum anderen gibt es die sogenannte Spondylolyse, bei der der Wirbelbogen unterhalb der kleinen Wirbelgelenke zwischen zwei Wirbeln bricht. Diese Form ist typisch für junge, hoch belastete Sportler. Bei einem Profi wie Fils würde ich stark vermuten, dass es sich um eine solche Spondylolyse handelt.
Tennis vereint mehrere Faktoren, die die Lendenwirbelsäule stark fordern
Warum tritt so eine Spondylolyse gerade bei Tennisspielern auf?
Tennis vereint mehrere Faktoren, die die Lendenwirbelsäule stark fordern. Zum einen handelt es sich um einen Sport mit sehr ausgeprägten Rotationsbewegungen, die die Wirbelsäule immer wieder in eine starke Drehung bringen. Zum anderen kommen explosive Richtungswechsel hinzu, die den Rumpf und die Wirbelgelenke ebenfalls stark beanspruchen. Besonders belastend ist außerdem die deutliche Überstreckung des unteren Rückens beim Aufschlag oder beim Schmettern. Wenn die tiefen, wirbelsäulenstabilisierenden Muskeln nicht stark genug ausgeprägt sind oder muskuläre Dysbalancen vorhanden sind, wirken die dabei entstehenden Kräfte unmittelbar auf die knöchernen Strukturen. Auf Dauer kann es dann zu einem Ermüdungsbruch kommen.
Wo treten Ermüdungsbrüche sonst auf?
Der Klassiker ist der Mittelfußknochen – die sogenannte Marschfraktur, wie man sie ursprünglich von Soldaten bei langen Märschen kennt. Sehr häufig sehen wir Ermüdungsbrüche auch am Schienbein, insbesondere bei Läufern oder bei Spielsportarten wie Fußball und Handball. Beim Tennis kommen auch der Unterarm und die Handwurzelknochen hinzu. Im Englischen spricht man sogar von der „racket fracture“, also einer Schlägerfraktur, weil die immer wiederkehrenden Schläge über den Schläger direkt in Unterarm und Hand übertragen werden.
Wie behandelt man einen Ermüdungsbruch – egal, ob im Fuß oder im Rücken?
Das A und O der Behandlung ist die konsequente Entlastung der betroffenen Struktur. Beim Fuß kann es sinnvoll sein, zunächst für eine begrenzte Zeit einen Entlastungsstiefel zu tragen, um die Belastung vollständig herauszunehmen. Im weiteren Verlauf reicht häufig eine Carbonsohle im Schuh, die das Abrollen reduziert und den Mittelfuß beruhigt. Im unteren Rücken müssen Bewegungen wie Stop-and-go-Belastungen, Sprünge, starke Rotationen und Überstreckungen vorübergehend vollständig pausiert werden. Unter Umständen ist ein Lauftraining auf einem sogenannten Low-Gravity-Laufband möglich, das durch eine Reduktion des Körpergewichts die Wirbelsäule deutlich entlastet. Zusätzlich setzen wir häufig Stoßwellen- und Magnetfeldtherapie ein, um die Knochenheilung zu unterstützen, weil bei einer Stressfraktur oftmals eine verzögerte Heilung vorliegt. Ganz entscheidend ist anschließend der zweite Schritt der Therapie: Dazu gehört ein gezieltes Training der tiefen Rumpfmuskulatur, eine systematische Stabilisation der Beckenregion und das Ausgleichen muskulärer Dysbalancen.
Welche Rolle spielen Vitamin D, Calcium und Co. bei der Knochenheilung?
Eine große. Ich empfehle, den Vitamin-D-Spiegel im oberen Normbereich zu halten, weil Vitamin D eine zentrale Rolle bei der Knochenmineralisierung spielt. Ebenso wichtig ist eine ausreichende Kalziumzufuhr. Im Gegensatz zu dem, was viele Menschen glauben, sind Milchprodukte nicht die optimale Quelle, weil sie im Körper eher sauer verstoffwechselt werden, was dazu führen kann, dass Kalzium eher aus dem Knochen herausgelöst wird, anstatt dort eingebaut zu werden. Sehr viel sinnvoller ist daher ein kalziumreiches Leitungs- oder Mineralwasser. Darüber hinaus können Omega-3-Fettsäuren entzündliche Prozesse im Körper reduzieren und damit die Heilung unterstützen.
Als Profisportler musste Arthur Fils mit einigen Monaten Pause rechnen
Was können Tennisspieler tun, um Ermüdungsbrüche zu vermeiden?
Zunächst sollten Trainingsumfänge nicht zu schnell gesteigert werden. Eine Erhöhung der Belastung um etwa zehn bis fünfzehn Prozent pro Woche hat sich als sinnvoll erwiesen und verhindert abrupte Überlastungen. Ebenfalls wichtig ist ein regelmäßiges Kraft- und Stabilisationstraining, insbesondere für Rumpf, Rücken, Hüfte und die Beinachse, um die einseitigen Bewegungsmuster des Tennissports auszugleichen und die Wirbelsäule zu stabilisieren. Wichtig ist die Regeneration. Ausreichender Schlaf und bewusste Pausen sind kein Luxus, sondern notwendig, damit der Körper die Trainingsreize verarbeiten kann und sich die Knochenstrukturen anpassen können. Es lohnt sich auch ein kritischer Blick auf das Material: Schläger, Bespannung und Schuhe entscheiden mit darüber, wie stark Stöße und Schläge auf den Körper übertragen werden.
Und wie geht es für Fils weiter? Wird er wieder auf Top-Niveau spielen können?
Davon gehe ich aus. Wenn ein solcher Bruch rechtzeitig erkannt und konsequent behandelt wird, ist die Heilungsrate nahezu hundert Prozent. Als Profisportler muss Fils jedoch mit mehreren Monaten Sportpause rechnen, in denen der Rücken wirklich geschont wird. Anschließend muss langfristig an der Rumpfstabilität gearbeitet werden. Wenn das ernst genommen wird, gibt es keinen Grund, warum er danach nicht wieder sein altes Top-Niveau erreicht.
Das ist unser Experte
Dr. Raul Borgmann ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Diplom-Osteopath. Der Gründer der Freiburger Privatpraxis Orthopassion hat sich auf regenerative Orthopädie, Osteopathie und Bewegungsmedizin spezialisiert. Das Motto seiner Praxis lautet: „Regenerieren statt operieren.“ Dr. Borgmann betreut zahlreiche Sportler – darunter auch Tennisspieler auf Bundesliga-Niveau.
