tennis woman player with injury holding the racket on a tennis court

Problem Tennisarm: „Amateure trifft es viel häufiger”

Jeder zweite Tennis­spieler ist betroffen: Der Tennisarm ist weit ­verbreitet – leider.­ Wir haben dem ­Experten Dr. Ansgar Ilg, Orthopäde­ im OrthoCentrum­ in Hamburg,­ die drängensten ­Fragen dazu ­gestellt.

Welche Beschwerden treten beim Tennisarm auf? 

Stechende Schmerzen im äußeren Bereich des Ellenbogens, die in den Unter- und Oberarm ausstrahlen können. Hinzu kommt ein Druckschmerz der Muskelansätze am Ellenbogen. Oft ist der Ellenbogenbereich geschwollen. Die Kraft der Hand- und Fingermuskeln lässt ebenfalls nach, sodass auch leichte Dinge – zum Beispiel ein Glas Wasser – kaum mehr angehoben werden können. Im fortgeschrittenen Stadium tut der Ellenbogen sogar in Ruhe­position weh.

Wie kommt es überhaupt zu einem Tennisarm?

Beim Tennisarm handelt es sich um eine Überlastung der Muskelansätze an der Außenseite des Ellenbogens. Es entstehen winzige Verletzungen in den Sehnen, die die Muskeln mit dem Knochen verbinden. Normalweise werden sofort Reparaturmechanismen in Gang gesetzt, wenn eine Sehne überlastet ist. Hält die Überbelastung jedoch an, schafft es der Körper irgendwann nicht mehr. Es kommt zu einer chronischen Entzündung der Sehnen.

Spielt die Technik eine Rolle?

Vor allem Fehler bei der Technik der Rückhand wirken sich negativ auf die Sehnen im Ellenbogen aus. Denn gerade bei Schlägen mit der Rückhand werden die Streckmuskeln stark beansprucht und belastet. Ein zu hart bespannter oder ein zu schwerer Tennis­schläger können ebenfalls für den Tennisellenbogen verantwortlich sein.

Haben manche Tennisspieler ein 

höheres Risiko als andere?

Ja, Amateurspieler sind sehr viel häufiger betroffen als Profis. Außerdem leiden ältere Tennisspieler häufiger unter einem Tennisarm als jüngere, denn mit zunehmendem Alter lässt die Elastizität des Sehnengewebes nach. Ein erhöhtes Risiko, einen Tennisarm zu bekommen, haben auch Menschen, die im Berufsleben bei gebeugtem Ellenbogen gleichförmige Bewegungen ausführen müssen. Dazu zählen Handwerker, aber auch Büromenschen, die den ganzen Tag am Computer arbeiten. Manchmal wird der Tennisarm daher auch „Maus-Arm“ genannt.  

Wie wird die Erkrankung diagnostiziert?

Basis ist eine körperliche Untersuchung. Bei einem Tennisarm reagiert der Knochenvorsprung an der Außenseite des Ellenbogens auf Druck. Auch die am Ellenbogen ansetzenden Muskeln können schmerzen, wenn die Finger gestreckt werden. In der Regel werden auch bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall oder Kernspintomographie durchgeführt. Eine genaue Diagnose ist wichtig, da auch andere Erkrankungen typische Beschwerden wie bei einem Tennisarm verursachen können, darunter Nervenreizungen, Muskelveränderungen oder eine Arthrose im Ellenbogen.

Wie wird der Tennisarm behandelt?

Die beste Behandlung ist zunächst Ruhe und Eis. Durch die Kälte lässt die Schwellung nach, die Schmerzen verringern sich. Zusätzlich werden meist Schmerzmittel verschrieben. Hat der akute Schmerz nachgelassen, sollte mit Krankengymnastik begonnen werden. Muskeln und Sehnen müssen gedehnt, gekräftigt und massiert werden. Vielversprechend sind vor allem auch Injektionen mit körpereigenen Wachstumsfaktoren. Bei der Behandlung beispielsweise mit „Platelet Rich Plasma“ (PRP) oder „Autologous Conditioned Plasma“ (ACP) werden entzündungshemmende Wachstumsfaktoren und schmerzlindernde Botenstoffe aus dem Blut des Patienten speziell aufbereitet und anschließend in das degenerativ veränderte Sehnengewebe gespritzt. 

Wann muss operiert werden?

Nur wenn alle konservativen Therapieversuche die Schmerzen und Beschwerden auch nach mehreren Monaten nicht beseitigt haben, raten wir zu einer Operation. Das kommt aber sehr selten vor, meistens helfen die anderen Maßnahmen.

Gibt es verschiedene OP-Verfahren?

Ja, man kann offen und minimal-invasiv operieren. Bei der offenen Operation lösen wir zunächst die betroffenen Sehnen und entfernen erkranktes Gewebe. Über kleinste Knochenbohrungen stimulieren wir dann die Durchblutung und das Einwandern von Stammzellen. Danach werden die Sehnen neu vernäht. Dadurch lässt die Spannung nach, die Schmerzen reduzieren sich. Außerdem werden bei dieser Methode schmerzübertragende Nerven der Knochenhaut verödet. Bei dem arthroskopischen Eingriff wiederum wird über einen kleinen Zugang das erkrankte Gewebe eingekerbt und entfernt.

Wann kann man wieder Tennis spielen?

Eine generelle Empfehlung ist schwierig. Der Sportler muss individuell beraten werden. Oft kann man nach nur wenigen Wochen wieder Tennis spielen, manchmal dauert es auch länger. Man sollte auf keinen Fall zu früh mit dem Sport beginnen, denn dies kann die Heilung verzögern und man riskiert einen Rückfall. Mit angemessener Schonung – auch wenn diese gerade Sportlern oft schwerfällt – und konsequenter Selbstbehandlung (vor allem Dehnen/Kräftigung der Muskulatur) vergrößert der Tennisspieler die Chancen auf eine möglichst rasche Ausheilung. Tennisellenbogen-Orthesen können übrigens in der Phase der Wieder­aufnahme des Sports durch dosierte Kom­pression den Muskelzug vermindern, ohne die Bewegungsfreiheit der Betroffenen einzu­schränken.

Kann man einem Tennisarm vorbeugen?

Ja, Vorbeugen ist möglich. Gutes Aufwärmen und Dehnen vor dem Training ist wichtig. Außerdem sollte man mit einem Trainer die Technik überprüfen. Eine Überlastung ist zu vermeiden: Am besten nie zu lange und zu viel trainieren und immer wieder Pausen einlegen.

Interview: Gabriele Hellwig

Experten-Vita

Dr. Ansgar Ilg (53) hat sich auf die Behandlung von Schulter- und Ellenbogenerkrankungen spezialisiert. Der frühere Oberligaspieler spielt seit über 40 Jahren Tennis. Vor zehn Jahren zog der Orthopäde von Düsseldorf, wo er an der Uni-Klinik tätig war, nach Hamburg. Seitdem arbeitet er am OrthoCentrum Hamburg, das neben dem Rothenbaum-Stadion liegt.