Muskelkrämpfe

Tennis: Was tun bei Muskelkrämpfen?

Fast jeder Tennisspieler kennt ihn: den Krampf in Wade, Oberschenkel oder Schlaghand. Der Muskel wird steinhart, der Schmerz fast unerträglich. Wie Sie sich gegen Muskelkrämpfe wappnen können.  

Text: Gabriele Hellwig
Beitragsbild: iStock

Schock-Moment bei den Miami-Open im März 2019 in Florida: Der deutsch-spanische Tennisspieler Nicola Kuhn bricht während des Spiels gegen Mischa Zverev plötzlich zusammen. Das Gesicht ist schmerzverzerrt, der 19-Jährige schreit, krümmt sich. Von einem Ganzkörperkrampf geplagt, muss Kuhn das Match aufgeben.

Muskelkrämpfe zählen zu den häufig­sten Beschwerden von Tennisspielern. „Ein Muskelkrampf entsteht, wenn sich ein Teil oder die Gesamtheit eines Muskels plötzlich anhaltend zusammenzieht, ohne dass man es willentlich beeinflussen kann“, erklärt ­Johannes Holz, Sportmediziner und Orthopäde im OrthoCentrum in Hamburg. Der betroffene Muskel verhärtet sich, ist bewegungsunfähig. Starke Schmerzen treten auf. 

Lang andauernde Muskelkrämpfe sind selten

Ausgangspunkt für den Krampf ist dabei nicht der Muskel selbst, sondern der Nerv, der den jeweiligen Muskel normalerweise steuert. Holz: „Das Gehirn sendet über Tausende von Nervenzellen Signale in Form elektrischer Impulse an den Muskel. Dieser kontrahiert daraufhin oder entspannt sich. Bei einem Muskelkrampf sind die Nervenzellen außer Kontrolle geraten und senden unkontrolliert Signale zur Anspannung an den Muskel. Die Signale kommen wie kleine Stromschläge in so kurzen Abständen, dass der Muskel sich zwischendurch nicht mehr entspannen kann, sondern sich krampfartig zusammenzieht – und in dieser Position dann verharrt.“ Ein Muskelkrampf kann wenige Sekunden dauern oder sich auch mehrere Minuten hinziehen. Lang andauernde Krämpfe sind aber eher selten.

Bis heute weiß man nicht genau, welche Ursachen für Muskelkrämpfe verantwortlich sind. Es existieren mehrere Studien, aber die Ergebnisse widersprechen sich zum Teil. Nach derzeitigem Forschungsstand erhöht eine Überanstrengung beim Sport das Risiko für einen Muskelkrampf. Tennisspieler bekommen selten am Anfang eines Matches einen Krampf, sondern eher gegen Ende. Auch von Fußballspielern ist bekannt, dass die Muskeln oft erst in den letzten Spielminuten oder in der Verlängerung verkrampfen. 

Elektrolytmangel als eine Ursache für Muskelkrampf

Die Beinmuskulatur trifft es dabei am häufigsten. „Das liegt daran, dass Waden und Oberschenkel beim Tennis oft den größten Belastungen ausgesetzt sind und zu den größten Muskeln des Körpers gehören“, sagt Holz. Aber auch die Schlaghand verkrampft, wenn der Schläger zu fest umgriffen wird.

Experten vermuten, dass mehrere Ursachen für die Entstehung von Muskelkrämpfen infrage kommen. „Hinter einem Muskelkrampf steckt oft ein Elektrolytmangel. Es fehlen Mineralstoffe und Salze, die für die Nervenleitung wichtig sind“, sagt Holz. Vor allem Magnesium, Natrium, Kalium und Calcium sind notwendig, damit die Muskeln einwandfrei funktionieren können. Sie übertragen die Reize von Nerven auf den Muskel und sorgen dafür, dass sich die Muskeln zusammenziehen und wieder erschlaffen. Holz: „Schwitzt der Sportler viel, trinkt aber zu wenig, ist das Verhältnis zwischen Wasser und Elektrolyten im Körper gestört. Muskelkrämpfe können die Folge sein.“ 

Manche Wissenschaftler sagen, es gehe bei Muskelkrämpfen weniger um die Elek­trolyte, sondern um Wassermangel, also um Dehydratation. Viele Sportler trinken nicht so viel, wie sie eigentlich benötigen, da das Durstgefühl mitunter täuscht. Bei intensivem Training benötigt man bis zu einem ­Liter Flüssigkeit pro Stunde, damit die Muskeln weiter zu Höchstleistungen fähig sind. 

Dehnen vor dem Match beugt Muskelkrämpfen nicht vor

Als weitere mögliche Ursache gelten eine nicht richtig vorbereitete und trainierte Muskulatur. Der Muskel werde dann zu schlecht mit Blut versorgt. Maßnahmen wie Stretching seien vor dem Match sehr empfehlenswert. Eine aktuelle Studie von der US-amerikanischen Central Michigan University widerspricht aber dieser Annahme. Demnach kann man mit Dehnübungen offenbar keinen Muskelkrämpfen vorbeugen. 

Muskelkrämpfe sind meistens harmlos, können aber auch ein Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung sein. Daher sollte man bei häufig auftretenden Muskelkrämpfen einen Arzt aufsuchen. Muskelkrämpfe zählen zu den typischen Symptomen einer sogenannten Myotonie. Hier ist die für Bewegungen notwendige Abfolge von Zusammenziehen und Erschlaffen einzelner Muskeln gestört. Die Ursache liegt in einer fehlerhaften Aufnahme und Übertragung von Nervenreizen. Muskelkrämpfe können auch ein Anzeichen für eine Unterfunktion der Schilddrüse sein. Denn durch den Schilddrüsenhormon­mangel verschlechtert sich der Muskelstoffwechsel. Häufige Muskelkrämpfe können ferner als Nebenwirkung eines Medikaments auftreten, vor allem bei entwässernden Medikamenten, Betablocker oder Arzneien für die Chemotherapie.

Einen akuten Muskelkrampf löst man am besten mit einer starken Dehnung. Holz: „Die Zehen des durchgestreckten Beins in Richtung Schienbein ziehen. Oft hilft es auch, den Muskel zu massieren und dadurch zu lockern, oder ihn mit einem warmen Wasserguss in der Dusche zu entkrampfen.“ 

Eine ausgewogene Ernährung hilft

Vorbeugen ist möglich. Auch wenn die genauen Ursachen für einen Muskelkrampf immer noch unbekannt sind, macht keiner etwas falsch, beim Tennisspiel auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Denn tatsächlich geht beim Schwitzen dem Körper wertvolle Flüssigkeit – inklusive Elektrolyte – verloren. Isotonische Getränke sollten daher vor allem bei längeren Einheiten immer dabei sein. Wer Krämpfe verhindern will, sollte auf einen übermäßigen Alkoholkonsum ver­zichten. Denn hierdurch kann dem Körper zusätzlich Flüssigkeit entzogen werden.

„Sich vor dem Sport aufzuwärmen senkt das Verletzungsrisiko und ist immer empfehlenswert – auch wenn es vielleicht einem Muskelkrampf nicht vorbeugt beziehungsweise dies nicht erwiesen ist“, sagt Holz. Eine ausgewogene Ernährung hilft, immer genug Mineralien im Körper zu haben. Bananen, Nüsse und Brokkoli sind reich an Magnesium. Als weiterer Lieferant kann magnesiumreiches Mineralwasser dienen. Milchprodukte und Hülsenfrüchte enthalten wiederum Kalzium.

Von Nahrungsergänzungsmitteln wie Magnesium- und Kalziumtabletten raten Experten ab. Vor allem sollte man sich diese nicht in Eigenregie „verordnen“, denn eine Überdosis kann schädlich sein.  Holz: „Besteht der Verdacht auf einen Mineralstoffmangel, führen wir eine individuelle Vitalstoffmessung in der Praxis durch. So sehen wir, in welcher Menge die einzelnen Mineralstoffe im Körper vorliegen und können gezielt einen eventuellen Mangel beseitigen.“ 

Unser Experte

Dr. Johannes Holz ist Orthopäde und Sport­mediziner im OrthoCentrum in Hamburg, das direkt neben dem Tenniskomplex am ­Rothenbaum liegt. Er hat sich vor allem auf die ­Behandlung von Verletzungen und Erkrankungen der Knie und des Sprunggelenks spezialisiert. In seiner Freizeit spielt er selbst regel­mäßig und begeistert Tennis.