The shadow of Spanish Rafael Nadal is se

Training und Match: Wie man zwei Welten miteinander verbinden kann

Die Leistungsunterschiede zwischen Training und Match sind bei Amateurspielern häufig riesig. Was kann man tun, um diese beiden Welten im Tennis miteinander zu verbinden?

Text: Marco Kühn

Deine Leistungen im Match bringen dich zum Nachdenken. Du wunderst dich, dass du am Freitag im Training deine Grundschläge locker durchschwingst und ein klasse Timing beim Aufschlag hast, aber am Samstag im Match kaum drei Bälle nacheinander ins Feld spielst.

Im Match kommt dir der Platz viel kleiner vor. Es ist für dich eine Herausforderung, den Ball druckvoll ins Feld zu spielen, weil dir das Feld so klein wie ein Schachbrett erscheint. Du ärgerst dich über vermeidbare Fehler und verlierst Stück für Stück deine Konzentration. Fragen über Fragen beschäftigen dich. Wie kann das alles sein? Warum hast du vor knapp 24 Stunden noch präzise und sicher gespielt? Weshalb schaffst du es im Match nicht, deine gefürchtete Vorhand irgendwie in das gegnerische Feld zu schubsen?

Wir überlegen jetzt gemeinsam, ob du fair zu dir selbst bist und Training und Match überhaupt miteinander vergleichen darfst.

Training

Wenn du zum Training fährst und mit deinen Mannschaftskameraden locker ein paar Bälle kurz vor die Grundlinie spielst, dann hast du relativ wenig Sorgen im Kopf. Es würde mich nicht wundern, wenn Ihr Euch bei den ersten Schlägen sogar noch über den Tag im Büro austauscht. Die Atmosphäre ist entspannt, man kennt sich und geht mit einer wahren Vorfreude auf den Platz. Ihr spielt vielleicht einen Satz oder zwei und eventuell auch einen 11er-Satz mit Aufschlag von unten. Das Ergebnis? Das ist Nebensache.

Während des Trainings probierst du die Vorhand kurz-cross aus, die du letzte Woche von Rafael Nadal im Fernsehen gesehen hast. Da du frei von jeglichem Druck bist, kommt dieser phänomenale Schlag aus dem vollen Lauf genau ins Eck des gegnerischen T-Feldes. Selbstverständlich tust du so, als hättest du gerade nur kurz deine Normalform gezeigt.

Du servierst mutig, mit viel Tempo und auch ein paar Variationen baust du mit ein. Warum auch nicht? Du hast ja nichts zu verlieren. Der Aufschlag mitsamt seinen gespielten Varianten funktioniert perfekt. Du fühlst dich für dein nächstes Match bestens gerüstet und schraubst, aus deiner Sicht vollkommen zu recht, deine Erwartungen Richtung Roland Garros.

Match

Wenn du dich auf den Platz zu einem Match begibst, dann hast du relativ viele Sorgen im Kopf. Du kennst deinen Gegner wahrscheinlich nicht. Du weißt gar nicht, welche Stärken und Schwächen er besitzt. Seine Spielweise musst du erst noch analysieren, bewerten und dann dementsprechend deine eigene Spielweise ausrichten. Das sorgt bereits zu Beginn für ganz schön viel Trubel im Kopf. Das befreite Aufspielen, welches du aus dem Training kennst, ist schon nach wenigen Minuten verflogen. Dein Kopf ist voll, der Arm wird langsam schwer.

Eine andere Option ist, dass du deinen Gegner zuvor stundenlang auf deinem Smartphone recherchiert hast. Du kennst die Anzahl der Aufschlagspiele, die er gegen deinen letzten Gegner abgegeben hat, noch immer auswendig. Seine Ergebnisse haben dich schon vor dem Smartphone an einigen Stellen etwas stutzig gemacht. Dein Blick wird noch finsterer, wenn du feststellst, dass er bereits beim Einspielen einen extrem guten Spin in seiner Vorhand hat.

Die Atmosphäre ist angespannt. Du beginnst mit deinen Selbstzweifeln, der Erwartungshaltung sowie der Nervosität zu ringen. Drei gegen einen. Das Match beginnt und du hast noch immer das Vorhaben im Kopf deine Leistung aus dem Training im Match zu zeigen. Die ersten Aufschläge sind weder so schnell noch so variabel, wie sie zuvor im Training kamen. Das Timing bei deinen Schlägen stimmt nicht, weil du vor jedem Schlag erst einen mentalen Kampf gegen Selbstzweifel, Erwartungen und Nervosität führen musst. Das freie Durchschwingen aus dem Training ist dahin. Der beinahe sorgenfreie Kopf, der dir im Training noch den Vorhand kurz-cross a la Nadal beschert hat, steht dir jetzt nicht mehr zur Verfügung.

Dennoch klammerst du dich fest an deine Erwartung, dass du im Match exakt die Leistungen bringen kannst, die du im Training zeigst.

Das Spiel in zwei verschiedenen Welten

Wenn du als junger Schüler mal einen Vortrag vor deiner Klasse halten musstest, dann hast du den ersten Schritt zu einem besseren Spieler im Match schon vor Jahren getan. Es ist recht einfach, einen Vortrag vor seiner Familie, im kleinen Kreis unter bekannten Umständen, zu halten. Sobald du aber im Klassenzimmer vor zahllosen erwartungsfreudigen Augen stehst, befindest du dich in einer ganz anderen Situation. Damals wird niemand von dir erwartet haben, dass du deinen Vortrag im Klassenzimmer so locker und entspannt hältst wie vor deiner Familie.

Dein Training und dein Match sind im Grunde nichts anderes. Im Training probst du, was du anschließend vor Publikum präsentieren wirst. Dieses Publikum besteht nicht nur aus den Zuschauern, sondern vor allem aus deinem Gegner. Allerdings erwartest du von deiner Präsentation, dass sie ebenso gut wird wie im Training. Du solltest verstehen, dass dies nicht fair dir gegenüber ist. Im Laufe eines Matches wirst du dazu oft sehr negativ. Es fällt dir manchmal nach einem Spiel schwer, einen positiven Aspekt zu finden. Doch du willst das Beste für dich als Spieler. Vor allem willst du das Beste für dich in einem wichtigen Match. Dieses Beste erreichst du durch eine positive Einstellung, die an keinerlei Bedingungen geknüpft ist. Deine Bedingung aber ist es, dass du wie im Training spielst.

Du kannst dieses Denkmuster durchbrechen. Akzeptiere, dass der Spieler, der du im Training bist, recht wenig mit dem Spieler zu tun hat, der du im Match bist. Dies ist vollkommen normal. Überlege dir, wie du dein Spiel unter Matchbedingungen verbessern kannst. Starte damit, deine Erwartungshaltung anzupassen. Diese ersten mentalen Schritte werden dir in deinen zukünftigen Matches ein besseres Gefühl auf dem Platz geben. Damit der Kopf nach dem Einspielen nicht mehr ganz so voll mit Trubel ist.