Hüfte

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Wenn die Hüfte Ärger beim Tennisspielen macht

Ständige Richtungswechsel auf dem Platz belasten die Hüftgelenke. Prominentestes Beispiel ist Andy Murray, der monatelang unter Schmerzen am Becken litt. Was Sie gegen Hüftbeschwerden unternehmen können, lesen Sie hier.

Text: Gabriele Hellwig
Foto: iStock

Andy Murray is back!“ freute sich die britische Presse. Der schottische Nationalheld und dreifache Grand Slam-Champion spielte im Juni in London. Genauer: Bei der britischen Exhibition „Battle of the Brits“ im National Tennis Centre. Ob Murray gewinnt oder nicht – das war dieses Mal eher nebensächlich. Zum einen ging es bei diesem Turnier darum, möglichst viel Geld für das nationale Gesundheitssystem in Großbritannien zu sammeln. Zum anderen wusste jeder: Andy Murray hat eine verdammt schwere Zeit hinter sich. Hüftschmerzen ohne Ende. Und das monatelang.  

So erschien es vielen Fans wie ein Wunder, dass Andy Murray überhaupt wieder zum Tennisschläger griff. Im Januar 2019 hatte der Schotte, der 41 Wochen lang die Nummer 1 der Weltrangliste war, verkündet, dass er wegen starker Hüftschmerzen seine Karriere beenden müsse. Er könne sich kaum noch die Socken anziehen, nicht mehr mit seinen Kindern spielen, sogar nachts tue es weh. Doch nach einer Operation ist der Tennisstar nun beschwerdefrei. Das Erstaunliche: Andy Murray erhielt ein künstliches Hüftgelenk. 

Künstliches Hüftgelenk als letzte Option

„Hüftschmerzen sind bei Tennisspielern sehr verbreitet“, sagt Johannes Holz, Sportmediziner und Orthopäde im OrthoCentrum Hamburg. „Das liegt an den plötzlichen Richtungswechseln und vielen Stopps, die der Tennissport nun mal mit sich bringt. Vor allem extreme Ausfallschritte oder kraftvolle Seitenbewegungen der Beine belasten die Hüfte sehr.“ Zum Glück werden die Hüftschmerzen selten so schlimm wie bei Andy Murray. Und um es vorweg zu nehmen: Ein künstliches Hüftgelenk sei, so Dr. Holz, zweifellos immer die letzte Behandlungsoption, wenn alle anderen Therapien nicht die gewünschte Besserung gebracht haben. 

Unterschieden werden akute Verletzungen von chronischen Überlastungsschäden. „Akute Verletzungen betreffen in erster Linie die Adduktorenansätze“, erläutert Holz. Die Adduktoren sind eine Muskelgruppe an der Innenseite der Oberschenkel. Bei einer abrupten Bewegung werden die Sehnen überdehnt und können einreißen. 

Die sogenannte Sportlerleiste, auch „weiche Leiste“ genannt, ist eine weitere häufige Ursache für Hüftschmerzen bei Tennisspielern. Bei der weichen Leiste handelt es sich um eine Schwächung der hinteren Bauchdecke. Experte Holz erklärt: „Die hintere Bauchdecke besteht aus Bindegewebe und nicht aus Muskeln. Durch ruckartige Bewegungen beim Tennismatch kann sich nun der Druck im Innern der Bauchhöhle dermaßen erhöhen, dass es zu einer Vorwölbung der muskelfreien Wandschicht kommt. Dadurch werden umliegende Nerven bedrängt.“ Unbehandelt kann die „weiche Leiste“ zu einem Leistenbruch führen. 

Das FAI ist angeboren

Bei Tennisprofis entwickeln sich häufig knöcherne Überlastungsödeme des Beckenknochens („Os Ischii“). „Diese entstehen, wenn es zu einer dauerhaften Über- und Fehlbelastung des knöchernen Ansatzes der Sehnen kommt. Belastungsödeme können ein langandauerndes Problem darstellen und unbehandelt sogar zu Ermüdungsbrüchen führen“, warnt Holz. 

Auch können anatomische Engpass-Syndrome zu Hüftbeschwerden führen. Beim sogenannten femoro-acetabulären Impingement (FAI) ist das normale Bewegungsspiel im Hüftgelenk durch eine ungünstige Gelenkmechanik gestört. Das bedeutet: Hüftkopf (Femur) und Hüftpfanne (Acetabulum) stoßen schon bei normalen Bewegungen schmerzhaft aufeinander (to „impinge“ = zusammentreffen). In der Regel ist das FAI angeboren. „Beschwerden entstehen oft erst später im Laufe des Lebens, zum Beispiel wenn die Hüfte beim Tennis ständig stark belastet wird“, sagt Holz.  

Vor allem bei älteren Tennisspielern kann eine Hüftarthrose (Coxarthrose) die Hüftschmerzen verursachen. Hier wird der Knorpel, der das Gelenk schützend umgibt, durch chronische Belastung dünner. Irgendwann reiben die Knochen aufeinander und das tut weh. 

„Die Ursache für Hüftbeschwerden ist häufig komplex“, betont Holz. Daher ist eine genaue Diagnose hier besonders notwendig: Zunächst steht eine klinische Untersuchung mit Tastbefund und isometrischen Muskeltests auf dem Programm. Es schließen sich bildgebende Verfahren an, um einen Blick ins Innere der Hüfte zu werfen. Das sind vor allem Ultraschall, Kernspinaufnahme (MRT) und Röntgen. Anschließend überprüft der Arzt die Beckenstellung mittels optimetrischer Untersuchung. Eine videogestützte Laufbandanalyse zeigt eventuelle statische und dynamische Defizite.

ACP-Therapie unterstützt körpereigene Heilung

Die Behandlung erfolgt in der Regel mehrgleisig. „Häufig ist zunächst eine konsequente Schonung notwendig“, rät Holz. Zusätzlich empfiehlt sich Physiotherapie, denn ursächliche Defizite im Bereich der Muskulatur müssen beseitigt werden. Ein spezifisches Dehnungs- und Kräftigungsprotokoll einschließlich exzentrischer Übungen wird eingesetzt. Gezielte Injektionen mit Corticoiden können vorübergehend sinnvoll sein. Bei Sehnenproblemen und Knorpelschäden liegt vor allem die Eigenbluttherapie mit ACP (Autologous Conditioned Plasma) im Trend. Holz: „Es handelt sich um körpereigene Wachstumsfaktoren, die speziell aufbereitet und direkt in das entzündete Sehnengewebe appliziert werden. Die ACP-Therapie unterstützt die körpereigene Heilung.“ Beim Impingement-Syndrom wiederum kann im Rahmen eines minimal-invasiven Eingriffs die knöcherne Erhebung des Hüftkopfes oder des Pfannenrandes abgetragen werden. Ein künstliches Gelenk sollte bei allen Erkrankungen immer erst als letzte Maßnahme in Erwägung gezogen werden. 

Gut zu wissen: Tennisspielen ist auch mit Hüftprothese in der Regel weiter möglich – siehe Andy Murray. „Wer vor der Implantation einer Prothese Tennis gespielt hat, kann kontrolliert die Bewegungen ausführen. Der Körper ist daran gewöhnt. Daher wird er mit großer Wahrscheinlichkeit den Sport weiter ausüben können“, gibt Holz betroffenen Tennisspielern Hoffnung. 

Übungen zur Vorbeugung von Hüftproblemen

Übung 1

LANGER AUSFALLSCHRITT: Um die Hüfte zu dehnen und dabei nicht zu stark zu belasten, sollten Sie sich bei dieser Übung mit den Armen abstützen. Nach einer Minute in dieser Position ist das andere Bein an der Reihe.

Ausgangsposition: In den frontalen Ausfallschritt gehen (z.B. linkes Bein nach vorne). Dann beide Knie zum Boden senken, sodass das vordere Knie nach vorne zeigt (ideal rechtwinklig im Kniegelenk) und das hintere gestreckt ist.

Durchführung: Beugen Sie den Oberkörper nach vorne. Das Gesäß nun zum Boden drücken.

Arme: Sie können sich mit den Armen abstützen.

Dauer: Wenn Sie eine Dehnung im Gesäß spüren, bleiben Sie in der Position etwa eine Minute. Wechseln Sie dann die Seite.

Übung 2

DEHNUNG IM Becken: So bleibt die Hüfte geschmeidig und belastbarer.

Ausgangsposition: Gehen Sie in den seitlichen Ausfallschritt, beugen Sie eine Beinseite. Das andere Bein wird gestreckt. 

Durchführung: Drehen Sie jetzt den Oberkörper Richtung gestrecktem Bein, bis Sie eine Dehnung im gestreckten Bein spüren. Führen Sie dann Ihr Gesäß nach unten (als ob Sie sich auf einen Stuhl setzen möchten) und bleiben Sie in dieser Position.

Arme: Anspruchsvoller wird es mit  nach vorne gestreckten Armen.

Dauer: Wenn Sie die Dehnung im gestreckten Bein spüren, verharren Sie dort für 30 Sekunden. Danach Seitenwechsel.

Übung 3

Ausgangsposition: Stehend, Füße schulterbreit auseinander. 

Durchführung: Langsame Bewegung eines Beins in die vier Dimensionen: Vorne, hinten, seitlich, diagonal seitlich/hinten. Ideal als durchgehende Bewegung. 

Arme: hängend oder in die Hüfte gestemmt. 

Dauer: 3x 15 Wiederholungen pro Beinseite. Beine nach jedem Durchgang wechseln.