Interclub: Eine Schule fürs Leben
Jedes Jahr, wenn im Mai die Interclub-Saison beginnt, wird unser Kolumnist Marco Chiudinelli daran erinnert, wie prägend diese grössten jährlich stattfindenden Breitensportturniere der Schweiz für sein Tennisleben waren.
Text: Marco Chiudinelli
Erschienen in der Smash-Ausgabe 2/2026
Meine ersten Erfahrungen machte ich mit zehn Jahren in der 3. Liga. Als junger, ambitionierter Tennisjunior lernte ich früh, gegen erwachsene Gegner mit körperlichen Vorteilen, aber technischen Nachteilen Lösungen zu finden, um Matches zu gewinnen. Entsprechend motiviert fieberte ich meiner Interclub-Premiere entgegen – die jedoch in einer Enttäuschung endete. Trotz Versprechungen und wiederholten Vertröstungen kam ich meist nur im Doppel zum Einsatz.
Auch im Folgejahr in der 2. Liga verlief es ähnlich. So habe ich früh gelernt, dass es in gewissen Teams nicht nur um Leistung geht, sondern auch um Beziehungen und Hierarchien. Rückblickend war das wertvoll: Diese Erfahrung hat mich geprägt, mir Widerstandsfähigkeit gegeben und mir gezeigt, dass der eigene Weg nicht immer geradlinig verläuft.
Was Teamgeist wirklich bedeutet
All das führte schliesslich zu einem Clubwechsel. Im TC Old Boys Basel, wo Juniorenförderung grossgeschrieben wurde, spürte ich dann erstmals auf dem Tennisplatz, was Teamgeist wirklich bedeutet. Ich wurde aufgenommen, integriert und vor allem ernst genommen. Ältere Teammitglieder unterstützten mich, gaben mir Vertrauen und vermittelten mir das Gefühl, ein vollwertiger Teil der Mannschaft zu sein.
So lernte ich, wie entscheidend ein funktionierendes Umfeld ist – und dass man nicht nur für sich selbst, sondern auch fürs Team Verantwortung trägt. Das war etwas, das ich davor nur aus meiner Zeit bei den Junioren des FC Basel vom Fussball her kannte.
Ein paar Jahre später durfte ich als 14-Jähriger erstmals in der Nationalliga C antreten. Ich weiss noch genau, wie speziell es sich anfühlte, plötzlich mit erfahrenen N- und R1-Spielern ein Team zu bilden. Was die Integration ins Team vereinfachte, war der Umstand, dass nebst mir auch noch Roger als zweiter Jungspund mit im Team dabei war. Die Auswärtsspiele führten uns nach Chur und Lugano – Reisen, die sich damals wie kleine Abenteuer anfühlten und mich rückblickend an spätere Davis Cup-Einsätze im Ausland erinnern.
Einsatz, Fairness und Teamgeist
Anfangs war ich unsicher, wie ich als junger Spieler wahrgenommen würde, doch ich merkte schnell: Ich war nicht einfach der Junior, der ein bisschen mitlaufen darf, sondern wurde ernst genommen, als Teamkollege akzeptiert und hatte ab der ersten Runde direkt einen fixen Platz in unserer Aufstellung. Dies zu spüren, gab mir enorm viel Selbstvertrauen und war ein wichtiger Schritt in meiner Entwicklung.
Seither sind rund 30 Jahre vergangen. Vom Start in der 3. Liga bis heute durfte ich Interclub in nahezu allen Ligen spielen – von den unteren Klassen bis zur NLA. Was mich dabei immer wieder beeindruckt hat: Der Spirit ist nahezu überall derselbe. Es geht um vollen Einsatz, Fairness und Teamgeist – und darum, gemeinsam etwas zu erreichen.
Was den Interclub für mich aber wirklich einzigartig macht, ist nicht nur das Geschehen auf dem Platz, sondern auch das Drumherum. Das Zusammensitzen nach den Begegnungen, das gemeinsame Essen, die Gespräche. Selbst wenn es während der Partien emotional wird, werden Gegner am Essenstisch zu Gesprächspartnern und man unterhält sich entspannt über die Matches, analysiert Ballwechsel und lacht zusammen.
Die Kombination von Wettkampf und Teamsport gibt es nur im Interclub
Gerade dieses gemeinsame Essen ist für mich eine der schönsten und wichtigsten Traditionen im Interclub. Es steht für Respekt und Wertschätzung gegenüber dem Gegner und gehört für mich genauso dazu wie die Matches selbst. Denn während es in den obersten Ligen, in denen Spieltag für Spieltag viel Geld im Spiel ist, primär um das Endresultat auf dem Platz geht, sollte dieses nüchtern betrachtet bei 99 Prozent der Interclub-Begegnungen nicht so sehr im Zentrum stehen.
Auch in unteren Ligen darf und soll während der Matches selbstverständlich alles gegeben und ehrgeizig um den Sieg gekämpft werden. Wichtiger erscheint mir aber dennoch die Zeit, die mit den Teamkollegen vor, während und nach den Begegnungen verbracht wird und die hoffentlich positiven, gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnisse, die bleiben.
Wenn ich heute zurückblicke, weiss ich: Die Kombination aus Wettkampf und Teamspirit, die es national so nur im Interclub gibt, hat mich gelehrt, mich durchzusetzen, Verantwortung zu übernehmen und Teil eines Teams zu sein. Und genau deshalb hoffe ich, dass auch die nächste Generation diese Werte weiterträgt und den Interclub nicht nur als Wettbewerb versteht, sondern als das, was er wirklich ist: eine Schule fürs Leben – auf und neben dem Platz.

Marco Chiudinelli war 18 Jahre Profi und die Nummer 52 der Welt. 2014 gewann er mit der Schweiz den Davis Cup. Heute arbeitet er als Tennisexperte und veranstaltet Camps.Bild: Dominik Plüss
