TENNIS-AUS-OPEN

Mail aus Doha: Gründe für das Kerber-Aus

In der ersten Runde in Doha hatte Angelique Kerber ein Freilos, nach der zweiten muss die Kielerin bereits ihre Weiterreise ins Nachbar-Emirat Dubai antreten. Gegen die junge Russin Daria Kasatkina verlor Kerber in drei Sätzen und war dabei gesundheitlich angeschlagen.

Turnierfavoritin erkältet

Angelique Kerber ließ sich zwischen den Ballwechseln ein Handtuch geben. In das hustete sie dann versteckt mit weggedrehtem Rücken hinein. Und zwischen den Seitenwechseln, wenn die Entertainment-Kamera gerade nicht auf sie gerichtet war und sie in Nahaufnahme auf den Centre Court-Screen übertrug, schnupfte die topgesetzte Weltranglistenzweite in ein Taschentuch. Diese Erkältung, die sie sich in den Vortagen im schwülen, verregneten Klimaanlagenland Katar eingefangen und öffentlich geheimgehalten hatte, war auf jeden Fall eine der Erklärungen, weshalb sie in Doha ihr Auftaktspiel gegen die erst 19-jährige Russin Daria Kasatkina verlor. Wie schon in Sydney; diesmal mit 4:6, 6:0, 4:6.

Kerber-Aus

Angelique Kerber (29) verlor wie im Vorjahr – damals als frisch gekürte Australian Open-Siegerin – topgesetzt ihr Auftaktspiel in Doha.

In der Niederlage ein Champion

„Ich mache daraus, dass ich hier wieder früh verloren habe, kein Drama. Weil ich weiß warum, es gibt einfach diese Hintergründe und das war diesmal mein Körper“, sagte Kerber später im Media Center der Qatar Total Open. Es war aber nicht so, dass sie das sofort als Entschuldigung angeführt hatte. Im englischen Teil der Pressekonferenz hatte sie ihre Krankheit gar nicht erwähnt, nur wie üblich ein bisschen floskelig gesagt: „I wasn’t feeling so well on the court, I didn’t play my best tennis today.“ Und auch den für Doha völlig exotischen Dauerregen, der seit Tagen den Turnier-Schedule durcheinanderwirbelt und auch dafür sorgte, dass sie am Donnerstag noch ein zweites Match gehabt hätte (gegen die ausgeruhte Olympiasiegerin Monica Puig), nutzte sie nicht als Rechtfertigung: „Such things can happen.“ Das sei „not a big deal“. Sie blieb auch in der Niederlage ein Champion.

Die perfekte Vorbereitung vergeblich

Erst auf Nachfrage im deutschsprachigen Pressekonferenzteil sagte Kerber etwas zu ihrer Erkältung. „Ich habe das schon seit ein paar Tagen, das kam durchs Wetter oder wo auch immer her.“ In den ersten Tagen in Doha habe sie sich noch „sehr gut gefühlt“. Sie war ja nach ihrer langen Matchpause seit ihrem Achtelfinalaus bei den Australian Open extra früh in Katar angereist, als erste der Top 5 der Setzliste bereits am vergangenen Donnerstag. Es hätte die perfekte Vorbereitung werden sollen, sogar ihren Hitting-Partner André Wiesler hatte sie extra mitfliegen lassen. Um so bitterer war es, dass sie dann genau am Matchtag nicht topfit war. „Wer mich kennt, hat das heute auch gesehen.“

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tm-Reporterin Inga Radel verfolgte das Geschehen in Doha vor Ort.

Kerber vor 20 Zuschauern

Ja, man sah ihr verstecktes Husten und dass sie sich insgesamt nicht wirklich wohfühlte auf dem Centre Court, der anfangs mit 20 Zuschauern besetzt war und am Ende mit circa 90 (bei einem Fassungsvermögen von 7.200!). Die intime Atmosphäre, in der die vier Fans aus Deutschland mit ihrem „Auf geht’s, Angie, auf geht’s“ dafür sorgten, dass man keine Stecknadel fallen hörte, hatte damit zu tun, dass wegen der Regentage Kerbers Spiel schon um 11 Uhr angesetzt worden war – sonst beginnen die Partien hier erst gegen 15 Uhr und laufen bis Mitternacht unter Flutlicht. Denn in Katar müssen alle bis nachmittags arbeiten und die Kinder bis nachmittags in die Schule (ehe sie mit den SUV’s von ihren Müttern abgeholt werden).

Ihre Matchbilanz 2017 lautet: 4:4

Aber noch mal zurück zu den Gründen für Kerbers Niederlage in ihrem ersten Match seit 25 Tagen. Es lag nicht nur an dieser Erkältung. Die Kielerin scheint seit Sydney in schlechter Stimmung, ohne Urvertrauen in das eigene Tennis und angespannt. Ihre Matchbilanz in diesem Jahr lautet jetzt ernüchternd: 4:4. Gegen Kasatkina konnte man als Zuschauer ihre Gehemmtheit und Verunsicherung förmlich am eigenen Körper spüren – dazu trug das leere, enge Stadion bei. Sie war, gerade dann, wenn sie etwas zu gewinnen hatte (zum Beispiel bei drei Breakbällen zum möglichen 2:0 im ersten Satz), zu passiv, zu kurz, angstgeprägt. Wenn sie nichts zu verlieren hatte, mit dem Rücken zur Wand stand, spielte sie aggressiver – und dann schlugen auch ihre Paradevorhände longline ein. Sinnbildlich war der dritte Satz, als sie schon mit 0:4 zurücklag, dann wieder auf 3:4 und 0:30 bei Aufschlag Kasatkina herankam, aber dann wieder nachließ. Ihren Frust erkannte man an einer Abwink-Geste in Richtung ihrer Box und einmal schlug sie mit ihrem Racket kräftig und knacksend auf den Boden.

Kasatkina die weibliche Dominic Thiem

Es war irgendwie eine kerbertypische Niederlage; nur im zweiten Satz, nachdem sie Torben Beltz zum Coaching zu sich auf die Bank gerufen hatte, spielte sie sich frei. Zum 2:0 machte sie etwa zwei sehr schön herausgespielte Volleypunkte. Nach dem zweiten Satz nahm Kasatkina eine ausgedehnte Toilettenpause. Und danach schien Kerber wieder so fest wie vorher. Die in allen Belangen unbeschwertere Kasatkina, genannt Dasha, erzählte beim On-Court-Sieger-Interview lässig, was sie sich nach dem 0:6 im zweiten Satz gesagt habe: „Ich habe einfach in den Spiegel geguckt und ein Selbstgespräch mit mir geführt. So simpel war das.“ Man muss auch sagen, dass die Welranglisten-32. nicht irgendwer ist, gegen den Kerber da verloren hat. Sie hat unübersehbares Riesenpotential. Ein bisschen wirkt sie (nicht nur wegen ihres weißen Babolat-Schlägers) wie ein weiblicher Dominic Thiem (nur mit beidhändiger Rückhand). Sie hat für ihre 19 Jahre ein beeindruckend komplettes Spiel, spielt einen feinen Slice, Stops, hat eine extrem starke Vorhand, die ebenso viel Power wie unangenehmen Spin hat, und eine gute Aufschlagtechnik. Kasatkina hat alle Möglichkeiten, eine Top 5-Spielerin zu werden.

Kerber-Aus

Leere Ränge bei den Qatar Total Open. Traditionell zieht das ATP-Event in Doha mehr Zuschauer an als die WTA-Veranstaltung.

Fed Cup noch kein Thema für Kerber

Kasatkina, die nun offiziell Kerbers Angstgegnerin sein dürfte, war also sicher eine unangenehme Auslosung. Und danach hätte am selben Tag als zweites Spiel für Kerber noch eine ausgeruhte Puerto-Ricanerin Puig gewartet. Die nächste Angstgegnerin, die in ihrem Achtelfinale am Mittwoch in nur 40 Minuten Laura Siegemund vom Platz geprügelt hatte. Den Gedanken, dass der Weg am Donnerstag derart lang war und mit Puig diejenige wartete, gegen die Kerber ihr Olympia-Finale in Rio verlor, hat Kerber sicher versucht, aus ihrem Kopf herauszuhalten. Aber sie wusste es. Kerber will nun in den nächsten Tagen nach Dubai fliegen, „und mich vorher noch ganz viel ausruhen“. Zum Fed Cup-Relegationsspiel am 22./23. April gegen die Ukraine wollte sie sich erneut nicht äußern: „Zum Fed Cup kann ich im Moment noch nichts sagen, ich bin jetzt erst mal enttäuscht von Doha.“ Und dann verließ sie den Pressekonferenzraum. Mit einem lauten Husten.

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