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Anna-Lena Grönefelds Aufschlag: Kraft und das U

Als Anna-Lena bei den USOpen 2008 in ihrem Zweitrundenmatch gegen Jessica Moore einen Aufschlag mit 206 Stundenkilometern ins Feld zimmerte, war sie so überrascht, dass sie im Anschluss einen Doppelfehler servierte. Klar: Dieser eine Aufschlag war ein echtes Geschoss und der schnellste der gesamten Damenkonkurrenz. Aber so überraschend war das für mich als Trainer eigentlich nicht. Denn Anna-Lena ist grundsätzlich in der Lage, sehr schnell und äußerst präzise aufzuschlagen. Das habe ich schon erkannt, als ich noch für das deutsche Fed Cup-Team als Co-Trainer tätig war und mich dort auch um Anna-Lena kümmerte. Der Aufschlag war schon immer eine Waffe von ihr. Was ihn so stark macht, ist die hervorragende Abstimmung der einzelnen Bewegungsimpulse, die in diesem komplexen Schlag ineinandergreifen. Sobald diese so genannte kinematische Kette einmal unterbrochen wird, ist das Resultat des Schlages nicht mehr optimal. Aber bei Anna-Lena gibt es keinen Bruch in der Bewegung, was in der  Analyse der einzelnen Schlagphasen deutlich wird.


In der Vorbereitungsphase ihres Aufschlags (Bild 1) bewegt Anna-Lena beide Arme zum linken Oberschenkel, gleichzeitig verlagert sie ihr Gewicht vom linken auf den rechten Fuß. Diese Pendelphase dient dazu, den Schlag zunächst von oben nach unten aufzubauen. Das heißt:Anna-Lena bündelt ihre Kraft in Richtung ihrer Beine. Später, in der Phase des Treffpunktes, lässt sie die Energie wie durch eine Explosion wieder nach oben schießen. Durch diesen Ablauf generiert sie die Power für den Aufschlag. Entscheidend dafür ist deswegen auch die Pendelphase.

Präzision beginnt beim Ballwurf

Danach (Bild 2)beginnt die Ausholbewegung. Der Schlagarm (rechts) geht nach hinten, der linke Arm nach vorne. Für den Ballwurf führt Anna-Lena den Ball möglichst lange in der Hand und lässt ihn erst am höchsten Punkt los. Denn: Je länger der Ball in der Hand liegt, desto höher ist die Präzision des Ballwurfs. Auch das ist ein wichtiger Baustein für einen guten Aufschlag. Parallel gibt es wieder eine Gewichtsverlagerung: vom rechten Fuß auf beide Beine. Der Stand ist jetzt stabil. Wer auf die Schultern achtet, erkennt, dass beide etwa auf einer Linie liegen. (Man spricht davon, dass sich die so genannte Schulterwaage im Gleichgewicht befindet.)

Das ändert sich mit dem Beginn der Schlagphase (Bild 3). Jetzt zeigt die linke Schulter nach oben, die Hüfte schiebt sich nach vorne und die Beine sind gebeugt. Zusammengenommen erreicht Anna-Lena dadurch eine gute Bogenspannung im Oberkörper, die notwendig ist, um den Schlag nun von unten nach oben durchzuführen.

Tiefe Beugung bringt viel Power

Durch Krafttraining hat Anna-Lena viel an der Stärkung ihrer allgemeinen Physis getan.  Bersonders der Beinmuskulatur kam dabei eine wichtige Rolle zu. Der Grund dafür: Je tiefer sie in dieser Phase des Aufschlags in die Knie geht, desto mehr Explosivität und Power kann sie später in den Schlag legen. Klasse ist jetzt auch, dass Schläger, Schlagarm und Kopf ein U formen. Der Schlagarm ist gebeugt und der Schlägerkopf zeigt nach oben. Früher tendierte Anna-Lena dazu, den Schläger in dieser Phase etwas hängen zu lassen, so dass das U weniger ausgeprägt war. Wir haben an dieser Kleinigkeit einiges verändert, um im Arm ein besserer Spannungsaufbau erreicht wird. Das spätere Zuschnappen des Handgelenks im Treffpunkt wird dadurch optimiert. Selbst eine so kleine Modifizierung bringt im Endeffekt viel. Denn die Kraftübertragung verbessert und die Beschleunigung des Schlägerkopfs im Treffpunkt erhöht sich, so dass Anna-Lena ihr hohes Aufschlagtempo erreichen kann. Natürlich:Es spielen immer alle Teile der Bewegung eine Rolle. Aber nachdem wir diese Veränderung bei der Schlägerhaltung kurz vor Beginn der Schlagphase vornahmen, ist ihr Bewegungsablauf absolut rund.

Umkehrung der Schulterwaage

Das macht sich vor allem in der eigentlichen Schlagphase bemerkbar (ab Bild 4).  Hier wird deutlich, wie die Kraft aus den Beinen über den Oberkörper bis in den Schläger übertragen wird. Durch die Streckung des Körpers fällt der Schläger automatisch nach hinten, während der linke Arm zum Balanceausgleich Richtung Bauch bewegt wird. Bei voller Beinstreckung (Bild 5)dreht Anna-Lena den Oberkörper nun nach vorne, so dass sich die Schulterwaage komplett umgekehrt hat: Jetzt ist die rechte Schulter oben und die linke unten. Der letzte Impuls der kinematischen Kette setzt mit der Beschleunigung des Schlagarms ein. Im Treffpunkt (Bild 6) zeigt sich, ob alle vorherigen Komponenten perfekt aufeinander aufgebaut haben. Denn nur dann kommt ein erstklassiger Aufschlag zustande. Bei Anna-Lena passt in dieser wichtigsten Phase der gesamten Aufschlagbewegung alles  zusammen, es gibt keine störende Kante mehr. Sie trifft den Ball im Sprung und bei kompletter Streckung rechts vorne vor dem Körper, der sich jetzt parallel zur Grundlinie befindet ein idealer Treffpunkt für sie. Denn Anna-Lena schafft es, ihren Körper genau in diese Schlagrichtung zu beschleunigen und ihn hinter den Ball zu bringen. Nachdem der Ball abgefeuert wurde (Bild 7), landet sie auf dem linken Bein und schwingt den Schläger an ihm vorbei nach hinten. Die rechte Schulter zeigt nach vorne insgesamt einfach ein gelungener Aufschlag.

Ein Aspekt, auf den ich öfter angesprochen werde, ist die Höhe von Anna-Lenas Ballwurf. Der Ball fliegt bei ihr etwas höher als bei den meisten anderen Spielerinnen auf der Tour. Ich denke aber, dass ihr diese Höhe keineswegs schadet. Es ist ein Bestandteil ihrer Technik, die den Aufschlag so gefährlich macht.

Protokoll:Tim Böseler

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