Patrick Rafter

Family first: Patrick Rafter mit seinem Sohn Joshua und seiner Frau Lara.Bild: Ray Giubilo

Patrick Rafter: „Ich bin ein Familienmensch”

Ende der 90er-Jahre war Patrick Rafter der Inbegriff des Serve-and-Volley-Spielers. tennis MAGAZIN traf den Australier in Melbourne und sprach mit ihm über die aktuelle Spielweise, seine Rolle im Laver Cup und sein Leben heute.

Ein Treffen mit Patrick Rafter, 53, ist immer wieder ein Highlight. Der Mann ist nicht nur grundsympathisch – in Australien ist er eine Ikone. Seine Werbespots laufen permanent im Fernsehen, ein Stadion ist nach ihm benannt – die Pat Rafter-Arena in Brisbane. Mein erstes Interview mit dem Mann, der zweimal die US Open gewonnen hat und der die Nummer eins der Welt war, fand im Jahr 2000 in Halle, Westfalen, statt. „Das ist wirklich lange her“, entfährt es Rafter. Am Ende des Gesprächs bedankt er sich formvollendet und sagt grinsend: „Wir sollten bis zum nächsten Treffen nicht wieder 26 Jahre warten.“ 

Abteilung Attacke: Die besten Serve-And-Volley-Spieler

Mischa Zverev über Serve-and-Volley: „Du willst den Rhythmus des Gegners zerstören”

Mister Rafter, wären Sie heute gerne noch mal Profi? 

Es ist heute ein ganz anderes Spiel, oder? Die Technologie hat sich verändert, und dadurch spielen alle Spieler unglaublich gut. Es ist ein völlig anderer Spielstil. Als wir gespielt haben, gab es synthetische Saiten oder Naturdarm, aber die Schläger hatten nicht diese Power. Deshalb war Serve-and-Volley sehr verbreitet. Heute ist es sehr schwer, Serve-and-Volley zu spielen, obwohl immer noch einige Spieler nach vorne gehen. Das Problem ist, dass viele nicht wirklich wissen, wie genau man angreift und nach vorne kommt. Sie rücken nach extrem harten Schlägen ans Netz vor – das ist nicht der richtige Weg. Man müsste den Gegner mit Gefühl und Touch aus der Komfortzone bringen. Aber das Power-Spiel heute ist unglaublich – für mich wäre es extrem unangenehm, mit den Jungs heute auf den Platz zu gehen.

Unangenehm?

Oh ja. So viel Power und Spin. Die Flugkurve des Balls ist komplett anders als früher. Der Ball fällt regelrecht vom Himmel.

Wie sehr bedauern Sie es, dass Serve-and-Volley heute keine große Rolle mehr spielt?

Es ist schade. Aber wissen Sie was? Tennis war noch nie so populär wie heute. Die Statistiken zeigen es: Tennis war noch nie größer und wurde noch nie so viel geschaut weltweit. Also würde ich aktuell nichts ändern – nicht an den Courts und nichts am Equipment. Wenn Tennis irgendwann Probleme bekommen sollte – weniger Zuschauer, weniger Interesse bei Sponsoren – dann muss man etwas ändern.

Wie sind Sie heute noch im Tennis involviert? 

Ich spiele ab und zu ein paar Showmatches. Einen festen Job habe ich nur noch beim Laver Cup. Andre Agassi ist der Kapitän von Team World und ich helfe ihm. Letztes Jahr in San Francisco waren wir erstmals dabei, dieses Jahr werden wir uns in London wiedertreffen. Bisher hat es viel Spaß gemacht.

Patrick Rafter

Feine Volleykunst: Serve-and-Volley-Spezialist Patrick Rafter gilt bis heute als einer der elegantesten Angreifer überhaupt.Bild: Imago

Wie muss man sich eine Nominierung als Assistant Coach vorstellen?

Ganz einfach. Andre wurde als Kapitän nominiert und musste sich einen Coach aussuchen. Wir hatten früher immer eine gute Beziehung, also hat er mich ausgewählt. Ich bekam einen Anruf. Er fragte: ‘Patrick, hast du Lust.’ Ich habe mich riesig gefreut.

Ist es normal, dass Spieler, die sich früher duelliert haben, die Handynummer des anderen haben?

In unserem Fall ja. Wir haben uns schon auf der Tour hin und wieder geschrieben. Damals war es aber nicht so oft. Es gab ja diese Rivalität (grinst). 

Sie spielten 15 Matches gegeneinander. Sie gewannen fünf.

Genau. Die ersten vier hat er mich komplett dominiert, dann habe ich langsam gelernt, wie man gegen ihn spielt. Wir hatten großen Respekt voreinander – auf und neben dem Platz. Deshalb hat unser Verhältnis immer funktioniert.

Gibt es ein Match, das Sie gerne noch einmal spielen würden?

(überlegt). Ich würde eher einzelne Punkte noch mal spielen. Zum Beispiel im Wimbledon-Finale gegen Sampras. Ich hätte gern meine beiden Aufschläge zurück, als ich im Tiebreak des zweiten Satzes 4:1 geführt habe.

Gibt es etwas, das der „alte Rafter“ dem jungen Patrick sagen würde?

Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre. Ich bin sehr glücklich damit, wie mein Leben verlaufen ist. Hätte mir mein älteres Ich damals Ratschläge gegeben, wäre vielleicht alles anders gekommen. Ich würde lieber ein paar Momente noch einmal erleben – mit der Erfahrung von heute – und sie vielleicht etwas anders lösen. Aber im Match hast du 20 Sekunden, musst schnelle Entscheidungen treffen. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Eine Tenniskarriere hinterlässt Spuren. Wie geht es Ihrem Körper heute? 

Mir geht’s gut. Klar, jeder hat Verletzungen. Ich hatte wiederkehrende Schulterprobleme, aber ich hätte noch ein paar Jahre spielen können. Mental und emotional war ich einfach bereit für ein anderes Leben.

Sie beendeten 2001 Ihre Karriere. Da waren Sie 29.

Das erste Jahr war schwierig. Plötzlich ist alles weg: Reisen, Druck, Erwartungen, Adrenalin. Das ist eine große Umstellung. Aber ich wurde schnell Vater – das war eine gute Ablenkung.

Die Gefahr, in ein Loch zu fallen, war auch für Sie da?

Absolut. Aber es ist schlimmer, wenn man wegen Verletzungen aufhören muss. Ich habe den Zeitpunkt selbst bestimmt – das macht einen großen Unterschied.

Wie halten Sie sich heute fit?

Ich spiele viel Padel. Das ist meine große Leidenschaft. Ich lebe auf einem riesigen Grundstück mit fast 300.000 Quadratmetern nahe der Küste, ungefähr da, wo sich Queensland und New South Wales treffen. Wir haben unser Land wieder aufgeforstet – bisher sind es 18.000 Bäume. Wir haben einen Obstgarten und bauen unser eigenes Gemüse an. Was wir pflanzen, essen wir selbst.

Klingt beneidenswert.

Oh ja. Es ist sehr entspannt. Ich bin ein Familienmensch. Meine Frau, meine Kinder und ich verbringen viel Zeit miteinander. Mein Sohn Joshua ist 23, meine Tochter India 20. Ich liebe es aber auch, mit meiner Frau nach Europa und in die USA zu reisen.

Welche Rolle spielen Fitness und Ernährung für Sie?

Die Fitness ist okay, meine Ernährung könnte besser sein. Ich liebe Zucker, ich habe eine Schwäche für Süßes.

Kochen Sie selbst?

Kann ich, aber meistens kocht meine Frau. Ich mache aber meine Wäsche selbst – ich bin domestiziert (lacht).

Sie und Lara Feltham, die früher Model war, sind seit mehr als 25 Jahren zusammen, was bei prominenten Paaren eher eine Ausnahme ist.

Ja. Es gibt kein Interesse daran, woanders hinzugehen – von beiden Seiten (grinst).

Zurück zur Tour. Warum ist der Laver Cup für Sie besonders?

Ich dachte zuerst, es ist eher eine Show. Aber Andre führt ein strenges Regiment. Er ist extrem ehrgeizig und die Spieler wollen gewinnen. Es ist wahrscheinlich das beste Team-Event im Tennis.

Das müssen Sie sagen, weil Sie unter Vertrag stehen. 

Nein, ich meine es wirklich. Das Format macht die Spieler besser. Wer glaubt, die Matches nicht ernst nehmen zu müssen, fliegt raus. Die Spieler lernen von Andre und vielleicht auch ein bisschen von mir. So wie es früher im Davis Cup war – man kam jedes Mal als besserer Spieler zurück.

Welche Spieler auf der Tour schauen Sie sich gerne an? 

Ich bin begeistert von dem jungen Franzosen Arthur Gea, sein Auftreten gefällt mir. Musetti kann unglaubliches Tennis spielen. Ich bin gespannt, wie er sich entwickelt. Bublik überrascht mich dieses Jahr sehr positiv. Und natürlich bin ich ein Fan von Alex de Minaur.

Leider gibt es nicht mehr so viele Australier, die oben mitspielen. Können Sie uns sagen warum?

Ich bin zu weit weg, um das zu beurteilen. Aber es ist Wahnsinn, dass es viele Amerikaner gibt und unglaublich viele Italiener. Was in Italien passiert, ist kaum zu glauben.

Politisch ist auf der Tour viel los. Die Klage der PTPA gegen ATP, WTA, ITF und drei Grand Slam-Turniere steht noch im Raum. 2028 wird es ein Masters-1000 in Saudi-Arabien geben. Wie stehen Sie zu solchen Themen?

Es interessiert mich nicht. Politik macht mich wütend. Ich bin wahrscheinlich ein Kontrollfreak.

Das müssen Sie erklären?

Wenn ich mich engagiere, muss ich die Kontrolle haben. Ich war nie fremdbestimmt. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, mich aus sportpolitischen Fragen herauszuhalten.

Patrick Rafter

Talk mit einem Grand Slam-Champion: tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic traf Patrick Rafter bei den Australian Open.

Vita Patrick Rafter

Patrick Rafter

Patrick Rafter, 53, gehört zu den besten Serve-and-Volley-Spielern der Historie. Der Australier gewann zweimal die US Open (1997, 1998). Zudem stand er zweimal im Wimbledon-Finale (2000, 2001). Er ist der Spieler, der am kürzesten die Nummer eins der Welt war – nur eine Woche – und einer von wenigen Spielern, der sein letztes Einzelmatch gewann (Davis Cup-Finale 2001). Rafter lebt mit seiner Frau Lara und seinen beiden Kindern Joshua und India im Hinterland von Byron Bay. Dort besitzt die Familie ein großes Anwesen mit Tennis- und Padelplatz.