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Hüter der „terre battue“: David Rebuffet, 45, ist der Chef-Platzwart im Stade Roland Garros. Er kennt jeden Winkel der Anlage.Bild: Frank Molter

Das Geheimnis der „terre battue“: Warum die Sandplätze von Roland Garros so speziell sind

Die Sandplätze von Roland Garros mit ihrer „terre battue“ gelten als die besten ihrer Art. David Rebuffet, Chef der Pariser Platzwarte, erklärt, warum das so ist.

Fotos: Frank Molter 

Monsieur Rebuffet, die meisten Profis schwärmen jedes Jahr von der hohen Qualität der Sandplätze im Stade Roland Garros. Was ist das Besondere an den Courts?

Die Kalksteinschicht, auf der sich die berühmte „terre battue“ befindet. Grundsätzlich bestehen Sandplätze aus mehreren Schichten. Sie sorgen für Wasserdurchlässigkeit und gleichzeitig auch für die Feuchte der oben aufliegenden Sandschicht. Entscheidend für das Spielgefühl sind die beiden obersten Schichten: die etwa zehn Zentimeter dicke Kalksteinschicht und die zwei Millimeter dicke „terre battue“, mit der die Profis direkt in Kontakt kommen.

Beginnen wir mit der „terre battue“. Warum heißt sie eigentlich so?

Es ist der französische Ausdruck für „clay“, also für klassische Sandplätze. Wörtlich übersetzt heißt es: zermahlene Erde. Der Begriff steht dafür, dass Ziegelsteine zerkleinert und gemahlen werden. Im Deutschen nennt man es dann „Ziegelmehl“. Bei uns ist es so, dass die Ziegelsteine aus Frankreich kommen, dann in Belgien zermahlen werden und schließlich bei uns in 20-Kilo-Säcken landen.

Was genau ist die Funktion der Kalksteinschicht?

Sie speichert das Wasser und gibt es an die auf ihr liegende Sandschicht ab. Sie sorgt also für einen gewissen Feuchtegrad des Sandes. Das Besondere in Roland Garros ist nun, dass unsere Kalksteinschicht zehn Zentimeter dick ist. Auf französischen Clubcourts ist sie nicht dicker als fünf Zentimeter. Das heißt: Unsere Kalksteinschicht kann viel mehr Wasser speichern. Dadurch erhöht sich der Spielkomfort für die Spieler.

In Roland Garros ist die Kalksteinschicht dicker als anderswo

Warum ist diese Schicht woanders dünner?

Weil es sehr aufwendig ist, eine kompakte und ebene Kalksteinschicht zu verlegen. Das können normale Clubs in der Regel nicht leisten. Diese Schicht muss jedes Frühjahr erneuert werden, weil sie durch den Frost im Winter uneben geworden ist. Wir starten mit den Arbeiten meistens schon Ende März, wenn es nachts keinen Bodenfrost mehr gibt. Das alte Material wird komplett entfernt und wir legen eine neue Kalksteinschicht auf allen 18 Turnierplätzen an. Der Prozess ist kompliziert, weil er mehrmals wiederholt werden muss. Am Ende müssen auch jedes Frühjahr die Linien auf die Kalksteinschicht gemalt werden. Plastiklinien gibt es hier natürlich nicht. Wir brauchen perfekte Verhältnisse. Es ist schließlich Roland Garros.

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Jeden Morgen frische rote Asche: Alle Courts im Stade Roland Garros werden täglich neu eingesandet.Bild: Frank Molter

Die Profis sagen oft, dass die Sandplätze in Roland Garros wie Hartplätze mit einer Sandschicht seien. Ist diese Kalkschicht tatsächlich so hart?

Am Anfang nicht, da ist sie weich. Man kann problemlos einen Finger in sie hineinbohren. In den Wochen vor dem Turnierstart müssen die Courts erst hart gespielt werden. Dafür engagieren wir Spieler und Spielerinnen. In dieser Phase können immer mal wieder weiße Kalksteinstücke noch oben kommen. Das ist aber normal. Durch das Wechselspiel von Sonne und Wasser werden die Courts dann immer härter, sodass sie sich bei Beginn der Quali­fikation im besten Zustand befinden.

Es stimmt also, dass die Sandplätze im ­Turnierverlauf immer härter werden?

Es ist immer von den ­Wetterverhältnissen abhängig, aber in der Tendenz ist das ­richtig. Das bedeutet: Besonders bei sehr sonnigen Verhältnissen werden die Courts von Tag zu Tag einen Tick schneller. Aber es gibt von Court zu Court Unterschiede. Je nachdem wie der Schatten fällt und ­wieviel direkte Sonneneinstrahlung sie abbekommen.

Alexander Zverev hatte sich 2025 darüber beschwert, dass der Court Simonne Mathieu langsamer sei als die anderen Plätze. Er führte das darauf zurück, dass der Court noch relativ neu ist. Hat er recht?

Das Empfinden der Profis für die Schnelligkeit eines Platzes ist subjektiv. Fakt ist: Der Court Simonne Mathieu kann nicht langsamer sein, weil er erst 2019 eröffnet wurde. Wie ich schon erklärt habe, werden alle Courts jedes Frühjahr neu aufgebaut. Womit er aber Recht hat: Der Court Simonne Mathieu wird – wenn die Sonne scheint – im Laufe des Tages schneller. Er spielt sich dann vormittags langsamer als am Nachmittag. Jeder Platz hat hier so seine Eigenarten.

Was ist das Schwierigste an Ihrem Job, wenn das Turnier gestartet ist?

Der Wind. Gegen Regen gibt es Planen oder Dächer. Bei zu viel Sonne müssen wir mehr wässern. Aber gegen den Wind können wir nichts machen. Wenn er zu stark ist, bläst er den Sand von den Courts, wodurch sich der Spielkomfort verringert.

Jeden Tag wird auf jedem Platz 80 Kilo frische terre battue aufgetragen

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Wir starten um sechs Uhr morgens mit allen 185 Platzwarten. Ich hole das erste Wetter-Update ein. In der Regel ­werden zunächst alle Courts intensiv ­gewässert. Roland Garros sieht dann aus wie eine große Pool-Landschaft. Hat die Kalksteinschicht das ganze Wasser aufgenommen, entfernen wir die obere Sandschicht. Dazu benutzen wir diese etwas altertümlich aussehenden Besen. Nun schimmert das Weiß der Kalksteinschicht durch. Danach tragen wir auf jedem Court 80 Kilo frische „terre battue“ mit unseren Harry Potter-Besen auf. Sie verbindet sich sogleich mit der feuchten Kalksteinschicht.

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Kammer des ­Sandes: Mit den „Harry Potter-Besen“ wird die „terre battue“ aus 20-Kilo-Säcken auf den Plätzen im Stade Roland Garros verteilt.Bild: Frank Molter

Wie sind Sie Chef der Platzwarte in Paris geworden?

Ich habe in Roland Garros vor 15 Jahren als normaler Platzwart angefangen. Das war ein Nebenjob für mich, Freunde hatten mich reingeholt. Mir hat es großen Spaß gemacht. Und anscheinend habe ich mich ganz gut angestellt. Es ist wichtig, dass ich diesen Erfahrungsschatz habe, weil jeder Platz seine Besonderheiten hat.

Was braucht man noch in Ihrem Job?

Starke Beine. Es gibt Tage, an denen ich 30 Kilometer hier auf der Anlage zurücklege. Das Stade Roland Garros ist – inklusive seiner ausgelagerten Trainingscourts, um die wir uns auch kümmern – sehr weitläufig. Und meistens komme ich nicht vor Mitternacht ins Bett.

Aufbau der Sandplätze im Stade Roland Garros

Ursprünglich war die Verwendung von Sand lediglich eine praktische Überlegung. Die englischen Tenniszwillinge Ernst und William Renshaw, Pioniere in Sachen Lawntennis, nutzten um 1880 im südfranzösischen Cannes offenbar zermahlene Tonware, um die in der Hitze verwelkenden Rasenplätze abzudecken. Später hat der französische Landschaftsarchitekt Charles Bouhana diese Methode verfeinert und unter anderem die Kalksandsteinschicht eingeführt. Bouhana baute 1928 schließlich die ersten Sandplätze im Stade Roland Garros.

Sandplätze Roland Garros

Fünf Schichten für einen Sandplatz (von oben nach unten): 1. Ziegelmehl (2 mm), 2. weißer Kalkstein (10 cm), 3. Klinker aus Kohlerückstände (15 cm), 4. feiner Kies (mindestens 30 cm), 5. lose Steine als Drainage.Bild: Sylvain Bardin / FFT

Natürlich hat sich die Technik seitdem weiterentwickelt, aber das Konzept ist dasselbe geblieben. Inzwischen bilden insgesamt fünf Schichten den Sandbelag der Roland Garros-Plätze, die in Summe etwa 80 Zentimeter tief sind. Die unterste Schicht besteht aus losen Steinen zur Drainage, gefolgt von Kies, Klinker aus Kohlerückständen, Kalkstein und schließlich einer dünnen Schicht aus zerkleinertem Ziegelstein, die etwa zwei Millimeter dick ist und den Plätzen ihren charakteristischen Farbton verleiht – die berühmte „terre battue“.

terre battue Sandplätze Roland Garros

Platzrand-Talk: Früh morgens hatte Chef-Platzwart David Rebuffet (re.) im Stade Roland Garros Zeit für ein Interview mit tM-Redakteur Tim Böseler.Bild: Frank Molter