Tennis

Hat alle Gründe, um viel zu grinsen: Moise Kouame schrieb in Roland Garros franzsösische Tennisgeschichte. Bild: IMAGO / Jean Baptiste Autissier

Frankreichs Tennis-Teenie verzaubert Paris: Wer ist Moise Kouame?

Moise Kouame wird in seiner Heimat nicht erst seit seinem Einzug in die dritte von Roland Garros als kommender Star gefeiert. Wir stellen den erst 17-jährigen Franzosen ausführlich vor. 

Er zierte schon am Donnerstag das Titelbild der L’Équipe und lieferte dann auch noch fantastisch ab: Moise Kouame verzaubert inzwischen ganz Frankreich, weil er als 17-Jähriger in die dritte Runde von Roland Garros einzog – als Nummer 318 der Weltrangliste wohlgemerkt. Der junge Franzose bestritt am Donnerstag das erste Fünf-Satz-Match seiner Karriere und gewann es auf hochdramatische Art und Weise: mit 10:8 im alles entscheidenden Match-Tiebreak des fünften Satzes. Mit 6:3, 7:5, 3:6, 2:6, 7:6 (10:8) schlug er schließlich Adolfo Daniel Vallejo aus Paraguay. 

Kouame ist damit nun der jüngste Spieler in der dritten Runde eines Grand Slam-Turniers seit Rafael Nadal in Wimbledon 2003. Und er ist der jüngste Spieler in der dritten Runde von Roland Garros seit Andrej Medvedev 1992. „Einfach nur danke, es ist euer Sieg. Ohne euch hätte ich dieses Match nie gewonnen. Ihr seid körperlich viel fitter als ich. Wie ihr gesungen, mich angefeuert habt“, sagte er nach dem Match in Richtung der Fans. Allerspätestens jetzt dürfte auch dem letzten Tennisfan klar geworden sein: Moise Kouame ist das neue Wunderkind im Circuit. 

Moise Kouame: Frankreichs Wunderkind

Wobei das Schicksal von Wunderkindern – egal, in welchem Bereich – nicht immer beneidenswert ist: Sie wachsen aufgrund ihrer beachtlichen Leistungen in jungen Jahren mit einer Erwartungshaltung der Öffentlichkeit auf, an der viele von ihnen auch zerbrechen. Nicht jeder ist zum Star geeignet. Gleichzeitig ist es jene Öffentlichkeit, die nach Geschichten von jungen Aufsteigern lechzt: Wenn ein unbekanntes Gesicht das Establishment zum Wackeln bringt, will jeder erfahren, welche Person sich dahinter verbirgt.

Bei Moise Kouame ist das nicht anders. Er wird in seiner Heimat schon länger derart gehypt, dass manche bereits von Frankreichs Antwort auf Carlos Alcaraz und Jannik Sinner sprechen. Insofern war es nur verständlich, dass im Februar 2026 beim Challenger-Turnier in Lille der etablierte französische Ex-Profi Nicolas Mahut seine Landsleute darum bat, man möge ihn, Moise Kouame, doch erst einmal in Ruhe lassen: „Lasst ihn bitte erwachsen werden!“

Kouame, damals noch 16 Jahre jung, war in Lille ins Viertelfinale vorgestoßen und hatte als Nummer 507 der Welt unter anderem den Top 200-Profi Nishesh Basavareddy besiegt. Frankreichs Tennis-Bubble drehte durch. Und Mahut mahnte: „Ich sehe keinen Sinn darin, Storys über ihn zu schreiben, nur weil er das Viertelfinale eines Challengers gewonnen hat. Er hat Futures gewonnen, das ist gut, aber können wir ihm nicht Zeit geben? Er hat noch nichts erreicht! Lasst ihn ein Champion werden, lasst ihn erwachsen werden. Er wird Challenger gewinnen. Er wird sehr schnell sehr gut sein und wir werden viel über ihn reden.“

Auf einem ganz anderen Level angekommen

Mit Sicherheit hat auch Mahut nicht damit gerechnet, dass seine durchaus berechtigten Warnungen so schnell von aktuellen Geschehnissen überrollt werden. Gut, Kouame verlor zwar das Halbfinale von Lille glatt gegen Luca von Assche. Aber inzwischen ist der Teenager schon auf einem ganz anderen Level angekommen. Kouame bekam nämlich über die Vermarktungsagentur IMG eine Wildcard für das Hauptfeld der Miami Open und schlug dort mit Zachary Svajda seinen ersten Top 100-Spieler. Mitte März lief die Maschinerie im Süden Floridas erst so richtig an. Und Mahuts Worte waren längst verklungen.

Denn Kouame ist auch der jüngste Matchsieger auf Masters-1000er-Level seit Rafael Nadal 2003, der damals im Alter von 16 Jahren und 343 Tagen erst Paul-Henri Mathieu und dann seinen damaligen Mentor und Weltranglistenvierten Carlos Moya am Hamburger Rothenbaum bezwang. Kouame ist mit 17 Jahren und 13 Tagen der jüngste Spieler, der jemals ein Match auf Hardcourt im Rahmen eines Masters-­1000er-Turniers gewinnen konnte (seit 1990). So ein Erfolg lässt sich nicht mehr einfangen.

Geschichtsträchtige Rekorde in Roland Garros

Und nun, gute zwei Monate später, schlägt Kouame den nächsten Pflock ein: Bei seinem „Home-Slam“ in Roland Garros bezwang er erst den früheren US Open-Champion und mehr als 20 Jahre älteren Marin Cilic mit 7:6, 6:2, 6:1 und dann auch noch Adolfo Daniel Vallejo. Er ist auf der allergrößten Bühne des französischen Tennis angekommen. Der Sieg gegen Cilic war ebenfalls geschichtsträchtig: Kouame ist nämlich der jüngste Spieler in der Open Era, der im Herren-Einzel von Roland Garros einen Grand Slam-Sieger besiegt hat. Damit übertrifft er Michael Chang, der 1989 auf dem Weg zu seinem sensationellen Titelgewinn Ivan Lendl im Achtelfinale und Stefan Edberg im Finale schlug.

Moise Kouame: Und nun folgt die Top-Karriere?

Im Tennis-Business ist es nur folgerichtig, dass von Kouame spätestens jetzt nichts weniger erwartet wird als eine absolute Top-Karriere. Er sagte dazu schon Miami: „Es ist schön zu wissen, dass ich in meinem Alter bereits mit den Leistungen verglichen werde, die starke Spieler im gleichen Alter erbracht haben. Das gibt mir Selbstvertrauen, aber es macht mir auch bewusst, dass ich noch härter arbeiten muss.“

Wer den Jungen spielen sieht, der kann sich kaum vorstellen, dass er es eines Tages nicht weit bringen wird. Sein Spiel ist super-athletisch und seine Körperbeherrschung – trotz 1,91 Körperlänge – erinnert stark an die von Gael Monfils. Aufschlag und Vorhand sind brutal, seine Beine haben schon jene Kraft, die es braucht, um lange Full-Speed-Rallys mit den „großen Jungs“ mitzugehen. Seine Technik wirkt dabei fast elegant, er spielt kein Holzfällertennis.

Was ihn aus der Masse vieler Altersgenossen heraushebt, ist sein Hang zum variablen Spiel, denn er geht nicht ständig aufs Tempo, sondern variiert bei Gelegenheit zwischen schnellen und extrem überrissenen Bällen und streut Stopps ein. Sein Mindset schließlich ist so gepolt, dass es dem gängigen Klischee einer Gewinnermentalität ziemlich nahekommt: null Selbstzweifel, volles Vertrauen in die eigenen Stärken, nie aufgeben. So zumindest gibt er sich nach außen.

Moise Kouame

Aufsteiger aus Frankreich: Moise Kouame klettert im ATP-Ranking immer höher und hat sich seit Jahresbeginn um mehr als 600 Plätze verbessert.Bild: IMAGO / Jean Baptiste Autissier

Bei seinem Erstrunden-Match in Miami gegen Zachary Svajda lag er schon 5:7, 3:4, 0:40 hinten, bekam Krämpfe – und gewann schließlich noch mit 5:7, 6:4, 6:4. Danach saß er beim Tennis Channel vor der TV-Kamera und sagte die Dinge, die aufstrebende Tennis-Teenager fast immer in so einer Situation sagen: „Mein Ziel ist es, die Nummer eins der Welt zu werden und viele Grand Slam-Titel zu gewinnen. Dafür trainiere ich. Noch ist es ein Traum, aber ich hoffe, dass er bald Wirklichkeit wird.“ Und weiter: „Ich möchte Größeres erreichen. Einen Titel zu gewinnen, wird mir nur gelingen, wenn ich mich mental und körperlich weiter verbessere. Das ist nur der erste Schritt.“

Mit der Hilfe eines Ex-Wunderkindes

Wie schnell manchmal eine Karriere ins Rollen kommt. Kouame steht seinen zwei Siegen in Roland Garros kurz vor den Top 200. Noch zu Beginn des Jahres war er die Nummer 855 der Weltrangliste – um fast 650 Plätze ist er in fünf Monaten nach oben geschossen.

Sein Aufstieg begann mit zwei ITF-Titeln in Frankreich. Danach qualifizierte er sich in Montpellier für sein erstes ATP-Hauptfeldmatch. Zwölf Siege in Folge sammelte er ein, ehe er von Top 100-Spieler Aleksandar Kovacevic vorerst gestoppt wurde.

Im französischen Tennisverband hatten sie auf diesen Moment schon länger gewartet, doch 2025 hatte Kouame immer wieder Rückenprobleme und konnte sein riesiges Potenzial noch nicht zur Entfaltung bringen. Nun scheint die Verletzung endgültig ausgeheilt zu sein. Seit Anfang Februar hat ihm der französische Tennisverband FFT mit Richard Gasquet einen erfahrenen Ex-Profi als Coach zur Seite gestellt. Gasquet weiß nur zu gut, wie es ist, ein Tennis-Wunderkind zu sein. Er erschien 1996 als Neunjähriger auf der Titelseite des französischen Tennismagazins. Tatsächlich wurde aus ihm ein Weltklassespieler mit wunderbarer einhändiger Rückhand. Doch den in Aussicht gestellten Grand Slam-Titel konnte er nicht erringen.

Auch Gasquet betont – wie schon Kollege Mahut –, dass man behutsam mit seinem Schützling umgehen müsste. Er wehrt sich vor allem gegen die ständigen Vergleiche zu Gael Monfils, der 2026 sein Abschiedsjahr auf der Tour hat. „Jeder Spieler ist anders, jeder hat seine eigene DNA. Alcaraz ist nicht wie Nadal. Und Moise ist nicht wie Gael. Jeder hat seine eigene Geschichte und wird versuchen, seine eigene weiterzuschreiben. Moise ist etwas ganz Besonderes.“

Wie besonders er wirklich ist, wird sich noch herausstellen. Feststeht: Kouame verbuchte schon als Junior einige Erfolge – etwa 2023 bei der inoffiziellen U14-Weltmeisterschaft „Les Petits As“ im französischen Tarbes, wo er den Doppeltitel zusammen mit dem Slowenen Svit Suljic gewann. 2024 erreichte er als 15-Jähriger das Junioren-Viertelfinale von Roland Garros und zog ins U18-Finale der prestigeträchtigen Orange Bowl ein.

Moise Kouame

Größter Sieg seiner noch jungen Karriere: Moise Kouame nach seinem Triumph über Marin Cilic in der ersten Runde von Roland Garros.Bild: IMAGO

Moise Kouame wie der heilige Gral des FFT

Spätestens seitdem wird er vom FFT wie der heilige Gral des französischen Tennis behandelt. Ähnlich wie Ksenia Efremova bei den Juniorinnen, die wie Kouame Jahrgang 2009 ist und als gebürtige Russin 2023 die französische Staatsbürgerschaft verliehen bekam. Efremova gewann die Juniorinnen-Konkurrenz bei den Australian Open 2026 und ist die Nummer eins im ITF Junior-Ranking. Sie lebt inzwischen im nationalen Trainingszentrum des FFT in Paris.

Ivan Ljubicic, Leiter des Leistungssports beim FFT, betont immer wieder, dass der Verband alles unternehmen werde, um ein Supertalent wie Kouame so gut es geht zu unterstützen. „Er kann alle Einrichtungen des Nationalen Trainingszentrums nutzen, von der Videoanalyse bis hin zur medizinischen Prophylaxe. Niemand auf der Welt verfügt über eine so starke und professionelle Struktur wie wir. Wir wollen am Ende nicht sagen müssen, dass wir nicht alles für ihn getan haben“, erzählte er im Winter der französischen Sport-Gazette L‘Équipe.

Moise Kouame, dessen Eltern aus Kamerun (Mutter) und der Elfenbeinküste (Vater) stammen, ist im Fördersystem des FFT groß geworden. Als fünftes und jüngstes Kind der Familie wuchs er mit drei Schwestern und einem Bruder in Sarcelles auf, einem Vorort im Norden von Paris. Seinem Bruder Michael schaute er zunächst beim Tennisspielen zu, bis er im Alter von fünf Jahren selbst zum Racket griff und erste Trainerstunden bekam.

Der ältere Bruder sorgte für Schlagzeilen

Michael Kouame, der inzwischen 19 Jahre alt ist und in den USA Collegetennis für die University of Nevada in Las Vegas spielt, sorgte 2022 übrigens auf der ITF-Junior-Tour für Schlagzeilen – allerdings im negativen Sinne. Bei einem Junioren-Turnier in Accra, Ghana, verlor er sein Auftaktmatch als Top-Gesetzter und verpasste seinem ghanaischen Gegner beim Handshake eine Ohrfeige. Danach spielten sich regelrechte Jagdszenen auf dem Platz ab. Videos davon gingen im Web schnell viral. Später entschuldigte er sich via Social Media.

Moise Kouame scheint ein nicht ganz so aufbrausendes Temperament wie sein Bruder zu besitzen. Der FFT jedenfalls lud ihn schon als Kind in seine zentrale Talentschmiede nach Poitiers ein, wo bereits etliche französische Spieler mit jenem Rüstzeug ausgestattet wurden, um es als Profi mindestens in die Top 100 zu schaffen: Jo-Wilfried Tsonga, Arnaud di Pasquale, Gilles Simon, Nicolas Mahut, Julien Benneteau, Lucas Pouille und Arthur Fils zum Beispiel. Mit 13 Jahren wechselte Kouame zur Akademie der ehemaligen Weltranglisten-Ersten Justine Henin nach Belgien. Später trainierte er auch kurz an der Mouratoglou Academy in Nizza.

Von einem normalen Leben als Teenager ist er meilenweit entfernt. „Tennis zu spielen bedeutet, viele Verzichte in Kauf zu nehmen. Du verpasst Geburtstage, du verpasst Partys – irgendwie verpasst du einfach alles, was Teenager sonst so machen. Aber das ist das Leben, für das ich mich entschieden habe. Und bis jetzt komme ich ganz gut damit klar“, sagte er in Miami der internationalen Presse.

Moise Kouame und die Trainerfrage

Kouames Trainerfrage treibt die französische Tennisszene schon länger um. Seit September 2022 hatte sich Yoann Le Mée, ein Coach der Henin-Akademie, um ihn gekümmert. 2025 kam es zur Trennung und Ex-Profi Gilles Simon übernahm für ein paar Turniere. Er wurde schließlich von Philippe Dehaes aus Belgien (Ex-Coach u.a. von Daria Kasatkina) abgelöst. In einigen französischen Presseberichten war bereits die Rede davon, dass Kouame zuletzt zu viele Trainer „verschlissen“ habe.

Insbesondere der Fall Dehaes schlug hohe Wellen. Er soll von Kouames Mutter, Suzanne Nsemba, die neben der Großagentur IMG das Management ihres Sohnes organisiert, abrupt im Februar 2026 entlassen worden sein. An dieser Stelle sprang dann wieder der FFT mit Gasquet ein. Ob das eine Langzeitlösung ist, bleibt abzuwarten. Beobachter rechneten zunächst damit, dass Emmanuel Planque den Job übernehmen würde, der zuletzt vier Jahre mit dem französischen Aufschlag-As Giovanni Mpetshi Perricard gearbeitet hatte. Aber in Roland Garros war immer noch Gasquet für Kouame zuständig.

In Miami wollte man sich von solchen Störgeräuschen nicht ablenken lassen. Dafür war die Erfolgsgeschichte von Moise Kouame viel zu gut, auch weil er sie perfekt weiterdrehte. Als er nach seinem Erstrundensieg im Tennis Channel davon sprach, dass er sogar eine Nachricht von ­seinem Vorbild Novak Djokovic bekommen habe, ließ er seiner fast kindlichen Euphorie freien Lauf – bester Social Media-Stoff natürlich. Höhepunkt war seine Frage an den Tennis Channel-Moderator Steve Weissman, wie er denn nun auf die Glückwunsch-SMS von Djokovic reagieren könne: „Ich habe keine Ahnung, was ich ihm antworten soll. Oh, mein Gott! Stell dir vor, dein großes Idol schreibt dir so eine krasse Nachricht.“

Showtalent hat der junge Kerl also auch noch. Von Moise Kouame, dem neuen französischen Tennis-Wunderkind, das nun auch in Roland Garros groß aufspielt, wird man noch eine Menge zu hören bekommen – ein Unbekannter in der Szene ist er längst nicht mehr.