Monica Seles

Messerattentat auf Monica Seles: Der schwarze Freitag am Rothenbaum

Vor 25 Jahren, am 30. April 1993, wurde Monica Seles beim WTA-Turnier am Hamburger Rothenbaum von einem verwirrten Steffi-Graf-Fan mit einem Messer niedergestochen. Das Attentat veränderte die Tenniswelt und ließ bei Seles tiefe seelische Spuren zurück. Gegenüber tennismagazin.de spricht Philippe Yoki, damals Platzabzieher am Rothenbaum, über das traurige Ereignis.

Als Monica Seles am Freitag, den 30. April 1993, zu ihrem Viertelfinalspiel gegen Magdalena Maleeva am Hamburger Rothenbaum antrat, war sie in der Form ihres Lebens. Seit einigen Jahren dominierte Seles das Damentennis, gewann zwischen den Australian Open 1991 und den French Open 1993 sieben von acht Grand Slam-Turnieren, an denen sie teilnahm. Am 11. März 1991 löste sie Steffi Graf an der Spitze der Weltrangliste ab. Seles eilte von Sieg zu Sieg. Ihre Bilanz seit August 1992: 36:1. An einem sonnigen Frühlingsabend hatte die damals 19-Jährige gegen die Bulgarin Maleeva routiniert den nächsten Sieg vor Augen. Es stand 6:4, 4:3, als Seles auf ihrer Bank Platz nahm. Das Traumfinale gegen Steffi Graf am Rothenbaum rückte näher.

Doch dann passierte das Unfassbare. Seles wurde, als sie auf ihrer Bank saß, mit einem 22-Zentimer langen Küchenmesser in den Rücken gestochen. „Bitte sofort einen Arzt auf den Platz“, rief Stuhlschiedsrichter Stefan Voß wenige Sekunden später, während Seles in Richtung Netz lief und schmerzerfüllt („Es war so ein schlimmer Schmerz, als ich ihn mir je hätte vorstellen können“) zusammenbrach. Der Täter: Günter Parche, ein verwirrter Fan von Steffi Graf. Der arbeitslose Dreher aus Thüringer hatte seine Tat lange geplant und wollte der Ära Seles an der Weltranglistenspitze ein Ende bereiten.

„Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen”

„Ich bin niedergestochen worden auf dem Tennisplatz vor zehntausend Leuten. Es ist nicht möglich, distanziert darüber zu sprechen. Es veränderte meine Karriere unwiderruflich und beschädigte meine Seele. Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen“, schildert Seles in ihrer Biografie „Getting a Grip“, in der sie ausführlich das Messerattentat mit den anschließenden Folgen (Angstzustände, Depressionen, Alpträumen) thematisiert und auch offen über ihre spätere Fresssucht berichtet.

Mittendrin im Geschehen damals war Philippe Yoki, Platzpfleger am Rothenbaum. „Ich habe für Tesco gearbeitet. Das war mein erster Job in Deutschland. Rothenbaum war damals der ‚place to be‘ und ich war mittendrin. Alle Stars zu sehen wie Becker, Stich, Graf und Seles, war für mich ein Highlight, Wir kannten die Vorlieben der Spieler. Graf mochte es, wenn der Platz etwas mehr Wasser hatte. Das hat sie uns dann auch gesagt“, berichtet Yoki gegenüber tennismagazin.de. Anfang der Neunziger kam der gebürtige Kameruner aus Doula, der größten Stadt in Kamerun, nach Deutschland.

Philippe Yoki

Philippe Yoki (zweiter von rechts) erlebte das Messerattentat auf Monica Seles hautnah.

„Wir saßen direkt hinter den Spielern, wo man in den Pausen sehr schnell auf den Platz kam. Zu dieser Zeit kam es noch keine Security. Es war ein kleines, dünnes Messer. Ich habe gesehen, wie er die Hand gehoben hat, bevor er zugestochen hat. Nach ein oder zwei Stichen stürzten sich viele Leute auf ihn und haben ihn zu Boden gebracht. Das wirkte alles sehr panisch“, erinnert sich Yoki 25 Jahre nach dem schrecklichen Messerattentat auf Seles zurück. „Es war unfassbar. Nach der Tat wirkte er so, als ob er dachte, dass er tatsächlich etwas Gutes getan hätte, weil er die große Gegnerin von Steffi Graf ausgeschaltet hatte“, spricht er über den Täter.

„Ich dachte, ich bin in einem Entwicklungsland”

Der schwarze Freitag am Hamburger Rothenbaum veränderte die Tenniswelt. Seitdem steht Sicherheitspersonal vor den Spielerbänken, um solche schlimmen Ereignisse wie das Messerattentat zu verhindern. „Für mich war das damals unerklärlich. Ich dachte, ich bin in einem Entwicklungsland. Man konnte so nah an die Spieler heran und sich überall bewegen. Das kann man sich auf einem Fußballplatz nicht vorstellen“, erzählt Yoki. Trotz des Messerattentats ging das WTA-Turnier am Hamburger Rothenbaum weiter, was nicht nur für Seles völlig unverständlich war. „Die Show ist einfach weitergegangen. Viele Leute haben nur gesagt, dass es doof gelaufen ist. Normalerweise hätten man danach das Turnier beenden müssen“, meint er.

Seles kam bis heute nicht mehr nach Deutschland zurück. Sie konnte sich mit dem Urteil (zwei Jahre auf Bewährung) gegen den Täter nicht abfinden. „Ich kann das nachvollziehen. Aus meiner Sicht hätte man sich mehr um sie kümmern müssen. Danach war sie nicht mehr dieselbe. An ihrer Stelle hätte ich den Deutschen Tennis Bund verklagt“, sagt Yoki. Der heute 46-Jährige hat in Hamburg seine zweite Heimat gefunden und Karriere gemacht, derzeit arbeitet er im Wissenschaftlichen Außendienst im Pharmaziebereich.

„Was will der Neger da unten.”

An seine Zeit als Platzpfleger am Rothenbaum, wo er drei Jahre arbeitete, denkt er trotzdem gerne zurück, auch wenn es einen weiteren Fall gab, der sich in ein Gedächtnis eingebrannt hat. „Boris Becker spielte und drohte zu verlieren. Als wir den Platz abgezogen haben, schrie ein Zuschauer: ‚Was will dieser Neger da unten.‘ Das hat jeder im Stadion mitbekommen. Dann hat Becker angefangen zu klatschen und die ganzen Zuschauer sind mit eingestiegen. Das hat mir Kraft gegeben, aber mich auch zum Nachdenken gebracht“, berichtet Yoki, der großer Fan von Yannik Noah ist.

„Er war mein Lieblingsspieler. Ich habe ihn leider nie sehen oder sprechen können, da er damals nicht mehr gespielt hat. Er war ja auch mein Landsmann, weil er einen Vater aus Kamerun hat.“ Den legendären Juxauftritt von Noah gegen den Schweden Magnus Larsson beim Rothenbaum-Turnier 1991, einer der schönsten Momente in der langen Turnierhistorie, hat Yoki verpasst. Beim schwärzesten Tag der Turnier- und Tennisgeschichte war er hautnah dabei. Das Messerattentat auf Monica Seles vor 25 Jahren hat Spuren hinterlassen. Es ist ein Wunde, die bis heute nicht verheilt ist und wahrscheinlich auch nie verheilen wird.

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