Eva Lys

Einsteigen, bitte: Eva Lys beim Fotoshooting für tennis MAGAZIN.Bild: Oliver Hardt

Eva Lys: „Ich liebe es, unabhängig zu sein”

Wie tickt Eva Lys? tennis MAGAZIN traf Deutschlands große Tennishoffnung in ihrer Heimatstadt Hamburg. Ein Gespräch über Autos, Reisen, Rituale und ihren Glücksbringer.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 4/2026

Ein Hauch von großer weiter Welt. Eva Lys steuert ihren Wagen, ein Traum in schwarzmetallic, auf den Parkplatz des The Fontenay. Das Luxushotel liegt an der Hamburger Außenalster. Eigentlich wollten wir das Interview in ihrem Auto führen, aber es ist kalt und ungemütlich. Für den Fall haben wir für das Gespräch und Teile des Fotoshootings die Bar im sechsten Stock mit Blick auf halb Hamburg reserviert. „Wenn jetzt noch die Sonne da wäre“, sagt Lys. Aber die 24-Jährige im cremefarbenen Look ist auch so begeistert, rund 300 Quadratmeter mit 180-Grad-Blick nur für uns. Wir bestellen Apfelsaft und Maracuja-Schorle und los geht es. 

Frau Lys, Sie sind mit dem Auto gekommen. Was sind Sie für eine Fahrerin?

Ich fahre gerne schnell. Ich halte mich an alle Verkehrsregeln, aber ich liebe vor allem den Start, da richtig Gas zu geben, und ich genieße es, wenn ich auf der Autobahn das Tempo ein bisschen ausreizen kann. Ich schaue mir auch sehr gern die Formel 1 an.

Sind Sie risikofreudig?

Als Mensch ja. Aber ich habe Respekt vor dem Auto und ich spüre auch eine Verantwortung. Ich würde sagen, ich fahre sicher, aber zügig. Das habe ich von meinen Eltern, die brettern auch immer gut auf der Autobahn.

Welche Rolle spielen Autos in Ihrem Leben?

Eine große, deshalb bin ich auch so stolz, jetzt mit Porsche zusammenzuarbeiten. Ich habe immer davon geträumt, so ein Auto zu fahren. Mein Papa liebt auch Autos. Wenn etwas kaputt war am Auto, hat er immer alles selbst gemacht. Ich bin quasi im Auto aufgewachsen. Zu Turnieren sind wir früher immer mit dem Auto gefahren. Erst nur in Deutschland, dann nach Polen, Holland oder Dänemark. Entweder bin ich mit Mama oder mit Papa gefahren. Da gibt es viele schöne Erinnerungen, aber auch einige nicht so schöne – wenn ich verloren habe, sind Tränen geflossen. Fliegen konnten wir uns nie so richtig leisten, deshalb haben wir uns schon mal zwölf Stunden ins Auto gesetzt. Wenn ich in der ersten Runde verloren habe, ging es am nächsten Tag die zwölf Stunden wieder zurück. Ich fühle mich deshalb sehr wohl in Autos.

Eva Lys

Hoppla, hier fahr’ ich: Eva Lys, 24, kam per Auto zum Termin mit tennis MAGAZIN und offenbarte: „Ich rede gern.“Bild: Oliver Hardt

Was war das damals für ein Wagen?

Der erste war ein schwarzer VW-Golf, dann ein Touran. Der hatte mehr Platz. Da konnte man sich anlehnen und besser schlafen. 

Und die ganze Familie war immer mit dabei?

Selten. Meistens nur Mama oder Papa. Lisa (ältere Schwester; d. Red.) und ich haben selten dieselben Turniere gespielt. Irgendwann später bei den ITF-15ern hat sie mich als Babysitterin mitgenommen, als unsere kleine Schwester da war. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, wenn ich meine Schwester auf Turnieren erlebt habe. Sie hat mich in meiner Karriere geprägt. 

Teilweise zwölf Stunden im Auto – was macht man da?

Viel reden. Mein Papa macht sich immer lustig darüber, aber ich rede unfassbar gerne. Früher, als ich kleiner war, habe ich so viel geplappert, dass mein Papa ein Spiel mit mir gespielt hat. Es hieß: Wer kann am längsten nichts sagen? Eigentlich reden wir beide sehr viel. Ich habe aber auch viel geschlafen. Das mochte meine Mama nicht. Sie saß zehn Stunden am Steuer und ich schlief davon acht Stunden. 

Jetzt fliegen Sie viel. Da dürfte das viele Schlafen von Vorteil sein, oder?

Ich mag es nicht zu fliegen! Bei den Turbulenzen wird mir immer übel. Im Flieger habe ich eher Schwierigkeiten zu schlafen. Im Auto nicht und je schneller das Auto fährt, desto schöner der Schlaf. Am schönsten ist es, wenn ich gelandet bin und Turniere spiele, wo wir die Autos selbst fahren dürfen. In Indian Wells etwa oder beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart bekommen wir ein Auto gestellt. Es ist ein schönes Gefühl unabhängig zu sein und nicht auf einen Shuttle und die Turnierorganisation angewiesen zu sein. 

Wie ist das vor einer Turnierreise? Sind Sie klar strukturiert beim Packen?

Mich stresst das komplett. Ich würde am liebsten alles auf einmal in den Koffer packen. Ich habe es mal mit Listen probiert, aber ich packe für jedes Turnier anders, weil ich auch immer sehr darauf achte, wie das Wetter ist und was ich außerhalb des Platzes brauche. Ich überlege mir auch, welche Kameras ich mitnehme für Fotos und Videos. Ich fang allgemein immer mit den Basics an, stelle mir vor, was ich brauche, wenn ich ein Match spiele und packe das zuerst: Schläger, Tennisoutfit, Schuhe. Dann kommen die Kleinigkeiten: Ladekabel, Kulturbeutel und so was. 

Gibt es einen Glücksbringer, der ­mitgenommen werden muss?

Ja. Ich bin abergläubisch. Als ich zehn war, hat mir meine Mama eine Sicherheitsnadel an meinen Rock befestigt. Das war mein Glücksbringer. In unserer Familie ist das so, dass alle bösen Geister und alles Unglück von uns gehalten werden. Irgendwann hatte ich diese Nadel bei jedem Match dabei, wenn nicht, wollte ich nicht auf den Platz. Je älter ich wurde, desto weniger dramatisch wurde es, aber es blieb trotzdem im Kopf. Deshalb beschloss ich, die Nadel an eine Kette zu machen (sie zeigt ihre Halskette mit einer goldenen Stecknadel). Die Nadeln meiner Oma sind keine einfachen Nadeln, sondern richtige Schmuckstücke. An der Kette ist sie jetzt immer dabei und beschützt mich. 

Eva Lys

Abergläubisch: Eva Lys trägt auf und abseits des Platzes eine Halskette mit einer goldenen Sicherheitsnadel als Glücksbringer.Bild: Oliver Hardt

Der Koffer ist gepackt – wo sitzen Sie im Flieger?

Am Fenster. Ich gucke gerne raus. Ich bin nie allein geflogen. Ich hatte immer das Glück, dass entweder Mama oder Papa in der Mitte saßen. Aber wenn meine kleine Schwester mitfliegt, sitzt sie am Fenster. Ich habe versucht, ein Machtwort zu sprechen, aber es bricht mir dann das Herz, denn Bella – meine kleine Schwester – liebt es noch mehr, am Fenster zu sitzen. Deshalb überlasse ich ihr den Platz. 

Viele Profis beklagen das viele Reisen. Wie ist es für Sie?

Ich finde, es ist Fluch und Segen. Ich bin so aufgewachsen, ich kenne es nicht anders, ich war immer viel unterwegs. Es ist schwierig, weil man nicht wirklich zu hundert Prozent ein Zuhause hat. Ich bin sehr privilegiert, dass ich mit meiner Familie reisen kann, denn ich bin ein totaler Familienmensch und das gibt mir Halt. 

Pete Sampras war berühmt dafür, nur in seinem Hotelzimmer oder auf dem Platz zu sein. Versuchen Sie, etwas von den Orten zu sehen, die sie bereisen?

In den wichtigen Momenten musst du dich komplett auf den Sport fokussieren. Wenn ich einen kompletten Trainingstag hinter mir habe, bin ich müde und versuche, Energie zu sparen. Ich liebe es dann, in meinem Hotelzimmer zu sein und Room Service zu bestellen. Auf Dauer funktioniert das bei mir nicht.  Es würde mir eher Energie nehmen, weil ich gerne über den Tellerrand schaue. Ich liebe es, die Städte, in denen ich mich aufhalte, zu erforschen, ich liebe es, neue Menschen und Kulturen kennenzulernen. Ich bin generell ein großer Fan von Städten, wo das Leben pulsiert, also New York oder Miami. 

Verraten Sie uns Ihre Lieblingsspots?

Vieles ist bei mir immer mit Essen verbunden. Ich probiere viele Restaurants aus. Wenn ich weiß, es schmeckt mir, probiere ich während des Turniers nicht mehr viel aus. Sobald das Turnier anfängt, bin ich ein großer Fan von Routine. 

Welche Küche favorisieren Sie?

Ich mag die asiatische Küche: Reis, Fleisch und Gemüse. Ich liebe Sushi. Ab und zu brauche ich auch einmal was Ungesundes, einen Burger.

Sie sind jetzt ein paar Jahre auf der Tour. Wo sehen Sie sich in Ihrer ­Karriere: als etablierte Spielerin oder noch am Anfang?

Es ist ein gemischtes Gefühl. Viele ältere Spielerinnen sagen mir ‘Eva, du bist noch so jung’. Ich selbst fühle mich schon wie eine Oma auf der Tour. Ich mache diesen Sport schon 20 Jahre. Aber so richtig auf der Tour angekommen bin ich erst seit letztem Jahr. Jetzt fühle ich mich dazugehörig. Das ist ein gutes Gefühl, weil man selbst lange damit zu kämpfen hat, ob man wirklich angekommen ist. Ich bin generell eine Person, die viel nachdenkt und sehr hohe Ansprüche an sich selbst hat. Ich mache mir auch Sorgen. Aber je länger man sich auf dem Level hält, je mehr Matches man spielt und je mehr Spielerinnen man schlägt, desto mehr kommt dieses Gefühl, dass die Sorgen zwar da sind, aber die sind in Ordnung. Man ist auf dem richtigen Weg. Der Zuspruch von anderen Spielerinnen hat mir immer geholfen. 

Wer sind vertraute Spielerinnen?

Ich habe zu vielen Spielerinnen einen guten Draht, ob das jetzt eine Marta Kostyuk, Coco Gauff eine Alexandra Eala oder auch die jüngeren Spielerinnen wie Zeynep Sönmez sind. Dadurch, dass wir letztes Jahr alle einen ähnlichen Durchbruch hatten und auch in einem ähnlichen Alter sind, connected man dann schon mit denen. Man hat dieselben Ängste und Probleme. Man muss sich den Respekt auf der Tour erarbeiten, ein gutes Turnier reicht nicht. Aber wenn man sich gegenseitig unterstützt, was bei diesen Spielerinnen der Fall ist, dann bin ich für diesen zwischenmenschlichen Support dankbar. Ich weiß, dass das nicht bei vielen Spielerinnen so ist. Oben in der Rangliste ist echt dicke Luft. 

Eva Lys

Abergläubisch: Eva Lys trägt auf und abseits des Platzes eine Halskette mit einer goldenen Sicherheitsnadel als Glücksbringer.Bild: Oliver Hardt

Letztes Jahr waren Sie die ,,Lucky Lys“, jetzt haben Sie in Australien früh verloren. Wie gehen Sie mit Druck und Erwartungshaltungen um?

Alles, was ich gerade auf der Tour erlebe, passiert zum ersten Mal. Letztes Jahr war ich im Achtelfinale, dieses Jahr musste ich es verteidigen. Es sind alles neue Eindrücke und ich muss lernen, damit umzugehen. Ich habe vor Melbourne gesagt, ich spüre den Druck nicht. Aber im Nachhinein, habe ich den Druck schon gespürt. Das ist alles Teil der Reise. Ich muss da durch, um für mich selbst zu verstehen, wie ich damit am besten umgehe. Den meisten Druck mache ich mir selbst. Es ist wichtig zu verstehen, dass der Sport nie linear ist und es immer Höhen und Tiefen geben wird. Es heißt ’pressure is a privilege’, aber ich habe den Spruch nie so richtig gefühlt. Ich muss für mich die goldene Mitte finden. Ich brauche den Druck, aber ich muss auch loslassen und einfach den Prozess genießen. Einfach das machen, was ich gut kann – Tennis spielen.

Sie haben mittlerweile viele Sponsoren und damit Verpflichtungen. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe immer gesagt, dass Tennis für mich mehr ist, als nur auf dem Platz zu stehen. Mir macht das Tennis spielen unglaublich viel Spaß, mir macht das Reisen – meistens – Spaß und genauso die Termine mit Sponsoren. Das ist oft eine spannende Abwechslung mit kreativen Ideen meiner Partner und meines Managements (Evolve, die Agentur betreut auch Aryna Sabalenka und Nick Kyrgios; Anm. d. Red.). Man muss darauf achten, dass es nicht zu viel wird. Man muss auch aufpassen, bei Erfolgen – sei es auf oder neben dem Platz – nicht abzuheben. Ich habe Gott sei Dank eine fantastische Familie, sie hält mich ganz nah am Boden. Im Endeffekt bin ich eine Tennisspielerin, das ist meine Priorität. Aber es gibt verschiedene Spielertypen. Einige brauchen den vollen Fokus. Bei mir ist es eher so: Wenn ich mich neben dem Platz wohlfühle und Ablenkung habe, dann bin ich auch auf dem Platz besser. Wenn das Umfeld stimmt – gute Stadt, gutes Essen, gute Leute – , dann performe ich am besten. 

Gibt es jemanden, der Ihnen im mentalen Bereich hilft? 

Ich arbeite seit fünf Jahren mit meinem Sportpsychologen Christian Spreckels zusammen. Für mich ist das wichtig, ich bin ein totaler Kopfmensch. Manchmal bin ich zu verkopft und erwarte zu viel. Mein ganzes Team – Trainer, Familie, Management – holt mich dann auf den Boden der Tatsachen zurück. 

Sie führen als Topspielerin ein sehr privilegiertes Leben. Gleichzeitig äußern Sie sich zu gesellschaftlich relevanten Themen wie dem Krieg in der Ukraine und Hate Speech im Netz. Haben Sie manchmal das Gefühl, sich auf der Tour in einer Scheinwelt zu bewegen?

Nach außen sieht alles immer viel schöner aus, als es ist. Also passt der Begriff Scheinwelt perfekt. Auf den großen Turnieren wird einem jeder Wunsch erfüllt. Ich habe aber auch 15 Jahre gebraucht, um dort hinzukommen. Dafür bin ich unglaublich dankbar, denn selbst wenn man hart dafür arbeitet, heißt es nicht, dass man es auch wirklich schafft. Es gibt aber auch katastrophale Turniere, die irgendwo im Nirgendwo liegen, wo die Organisation schlecht ist. Oder man steckt in einer Phase, in der man viele Punkte verteidigen muss und nicht weiß, wo man nächste Woche ist.

Kommen einem solche Gedanken, wenn man wie Sie nach der Knie-Verletzung in Australien pausieren muss?

Ja. Ich komme da wieder zurück zum Dankbarkeitsthema. Ich bin gerade in einer Position gewesen, wo ich gar kein Tennis spielen durfte. Ich war mental angeknackst. Ich habe angefangen, alle Sitcoms meiner Lieblingsserie Brooklyn 99 zu gucken, weil ich etwas Leichtes brauchte. In solchen Momenten merkt man, warum man den Sport eigentlich macht. Es geht dabei nicht um das Reisen, das Geld oder die Anerkennung, sondern es geht wirklich darum, dass ich den Sport so sehr liebe und die Zeit auf dem Platz so genieße. 

Mitte April spielen Sie Ihr erstes Turnier der Saison in Deutschland, den Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart. Was verbinden Sie damit?

Schöne Momente. Alle deutschen Turniere sind perfekt organisiert. In Stuttgart fühle ich mich als „Freundin der Marke Porsche“ besonders mit dem Turnier verbunden. Die Atmosphäre ist fantastisch. 2022 gewann ich dort mein allererstes Hauptfeldmatch auf der WTA-Tour. Worauf ich mich schon jetzt freue: Ich kann da selbst tolle Autos fahren.

Eva Lys

Einblicke in ihr leben: Eva Lys sprach mit tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic und tM-Praktikantin Stella Papadopoulos.
@Oliver Hardt for Tennis MagazinBild: Oliver Hardt