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Interview mit Sascha Bajin: „Ich wollte damals mehr”

Freundin durch die Tour verloren

Das alles klingt doch traumhaft!

Aber ich war nie zu Hause! Vika hat in L.A. gewohnt, mit Sloane war ich auch in Los Angeles. Ich habe deshalb noch keine eigene Familie und hatte viel Stress mit der Freundin. Meine Beziehung mit Nina aus München ist zerfallen wegen des Lifestyles, den ich lebe. Ich hätte sie super gern zurück. Das Leben auf der Tour hat sie mir weggenommen. Alle Coaches um mich herum sind drei-, viermal geschieden.

Trotzdem sind Sie jetzt auf die Tour zurückgekehrt – mit der Dänin Wozniacki…

(lacht) Ich weiß, ich bin widersprüchlich. Zwei Wochen nach dem Ende mit Sloane schrieb Caroline mir. Caro war immer eine, der man „Hi“ gesagt hat. Sie ist ja auch eine gute Freundin von Serena. Caro meinte: „Komm‘ direkt mit nach Doha und Dubai.“ Und ich dachte mir: Ich bin immer noch hungrig und griffig, ich probiere es noch einmal. Caro hatte sich vorher bei Serena erkundigt und sie gefragt: „Hey, ich bin an Sascha interessiert und würde ihn gerne einstellen. Ist das okay für dich?“ Caro hat mir dann erzählt: „Nur dass du es weißt: Serena hat nur Gutes über dich gesagt.“

Mit Serena Williams wohnte Sascha Bajin zusammen. Sie nahm ihn mit in den Urlaub und auf Grammy-Verleihungen.

Mit Serena Williams wohnte Sascha Bajin zusammen. Sie nahm ihn mit in den Urlaub und auf Grammy-Verleihungen.

Bodyguard, Shopping-Berater und Hundebetreuer

Williams nannte Sie früher „lil‘ bro“, kleiner Bruder, und sie aß bei Ihrer Mutter und Ihrer Oma im Reihenhaus in München-Feldmoching Schnitzel mit Kartoffelsalat. Haben Sie beide noch ein gutes Verhältnis?

Ja klar, ich habe in den ersten drei Jahren mit ihr und Venus in einem Haus gewohnt! Das Geschäftliche hatte sich mit dem Privaten längst verwischt. Ich war 330 Tage im Jahr rund um die Uhr für sie da, auch als Bodyguard, Shopping-Berater oder zum Gassigehen mit ihren Hündinnen Jackie und Laurelei. Sie wusste mehr von mir als meine eigene Mutter. Aber sie ist trotzdem so eine Wettkämpferin, dass wir uns nicht umarmt haben, als sie in Madrid gegen Vika gespielt hat.

Wie erleben Sie Ihre neue Chefin Caroline Wozniacki? Ist sie so nett, wie man denkt?

Absolut! Mit Caro ist es unglaublich einfach zu arbeiten. Glauben Sie mir, ich habe mit Serena mehr Druck auf dem Platz gespürt – selbst mit Vika.  Caro ist sehr easy-going, wie ein Mädchen von nebenan. Sie lächelt immer, ist sehr fleißig und pünktlich. Ich komme sehr gut mit ihr klar. Mittlerweile kennt man die Szene ja – da gibt es auch einige Spielerinnen, mit denen ich nie zusammenarbeiten würde – auch nicht  für eine Million Dollar im Jahr!

Sie machen uns neugierig. Wen meinen Sie?

Das sag‘ ich nicht! Aber es gibt zwei Arten von Druck als Hitting-Partner: den Druck, dass eine Spielerin dir sagt: Ich will das, das und das und ich will, dass du mir jeden Ball jetzt genau hierhin spielst. Klar bin ich auch nur ein Mensch und mache ab und zu einen Fehler. Aber die Ansage ist okay, weil sie genau weiß, woran sie arbeiten will. Aber wenn es Druck ist, der nur auf Nonsens beruht, und die Spielerin nur divenhaft und launisch ist und du selbst dann an dir zweifelst, ist das nicht okay!

Wozniacki spielt zu eindimensional

Wozniacki wird – nachdem sie bis Jahresende mit dem langjährigen Kvitova-Trainer und jetzigen Karolina-Pliskova-Coach David Kotyza zusammenarbeitete – wieder von ihren Vater Piotr betreut. Sie beschrieb Ihre Rolle in Dubai so: „Sascha hilft meinem Vater, er schaut Spiele an, beobachtet Gegner. Die beiden sprechen viel miteinander, überlegen, wie ich mein Spiel verbessern kann. Er gibt seinen Input und trainiert mit. Ein Hitting-Partner plus. Assistenz-Coach, würde ich sagen.“ Trifft es dieser Titel?

Ach, mir geht es nicht um meinen Titel. Ich komme mit ihrem Dad super gut klar. Und ich sage meine Meinung, wo sie sich verbessern kann. Da gibt es genug. Ob ich zuerst zum Vater gehe und er es Caro sagt oder ich es ihr direkt sage, ist mir egal. Ich bin mir dafür nicht zu stolz.

Wozniacki  spielt derzeit  wie in ihren besten Jahren 2010 und 2011, die sie als Weltranglistenerste beendete. Wo muss sie sich noch verbessern?

Sie braucht noch mehr Variation im Spiel, sie spielt ein bisschen zu eindimensional. Und sie muss ihr aggressives Tennis weiter ausbauen, defensiv war sie schon immer stark.

Wollen Sie auch speziell am Aufschlag und ihrer Vorhand arbeiten?

Ja klar, wobei der erste Aufschlag nicht schlecht ist. Sie muss nur etwas mehr an sich glauben und mehr riskieren. Beim zweiten Service muss mehr kommen. Die Vorhand ist ein Schwerpunkt, ja, aber es ist schwierig, bei einer Ex-Nummer-eins etwas an der Technik zu ändern. Es wird eher Patching, also Ausbessern durch Stellungsspiel und Variationen. So kann man die Vorhand gefährlicher machen.

In acht Jahren gegen Serena nur vier Sätze gespielt

Wozniacki scheint schon ewig auf der Tour, ist aber erst 26. Was trauen Sie ihr noch zu?

Caro kommt aus einem schlechten Jahr, das sie als Nummer 19 abschloss. Jetzt kratzen wir schon an den Top 10. Sie kann in diesem Jahr noch die Top 5 erreichen. Und dann wird sich zeigen, wie offen sie für Veränderungen in der Off-Season ist, um noch weiter zu kommen.

Wo trainiert sie?

An ihren Wohnsitzen in Monaco und Miami. Das ist praktischer für mich als L.A., so bin ich näher an Palm Beach und München.

Sie standen nun schon Serena Williams, Azarenka, Stephens und Wozniacki gegenüber. Gegen wen hatten Sie die größten Probleme zu gewinnen?

Wenn, dann Serena! Auch wenn ich mit Caroline noch keinen Satz gespielt habe… Serena und ich haben in acht Jahren auch nur vier Sätze ausgespielt. Ich sag‘ nicht, wie sie ausgingen.

Also eher für Sie?

Ja, aber wenn sie gut aufschlägt, habe ich es schwer. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern hat viel mit dem Bewegen und der Mentalität zu tun. Vielleicht hängt es mit dem Testosteronlevel zusammen, dass Männer auf dem Platz aggressiver sind. Frauen lassen sich einschüchtern. Wenn  Serena pumpt mit „Yes“ und „Come on“, weicht die Gegnerin zurück. Es sollte umgekehrt sein: Wenn Serena sich aufpumpt, müsstest du checken, dass sie in einer engen Situation ist.

Für nichts zu schade

Wie erklären Sie sich, dass Sie zu so einem beliebten Hitting-Partner auf der Damentour geworden sind?

Ach, ich habe so viel gelernt in den drei Jahren, in denen ich mit den fünf Mädels in einem Haus gewohnt habe: mit Serena, Venus, mit  der Physiotherapeutin Esther, mit Serenas Assistentin und meistens noch mit der Assistentin von Venus – ich war der einzige Mann im Haus. Ich bin sehr geduldig, was ich vorher über mich nicht wusste. Man muss mehr Verständnis haben, als wenn man mit Männern arbeitet. Was mich auch auszeichnet: Ich bin mir für nichts zu schade. Wenn Caro ihren Wäschesack auf der Anlage vergisst, hole ich ihn selbstverständlich. Manchmal werden Leute, die so sind wie ich, in dieser Welt ausgenutzt. Aber wenn jeder sagt „Nein, ich bin zu lieb, deshalb mache ich weniger“, dann wird die Welt trauriger. Außerdem bin ich ziemlich gut in meinem Job. Wenn du nur ein gutherziger Mensch bist und keinen Erfolg hast, hast du kein langes Leben auf der Tour.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

(lacht) Dann bin ich wahrscheinlich immer noch im Tenniszirkus unterwegs. Mir macht es einfach zu viel Spaß und ich kann auch nichts anderes. Aber ich will dann nur noch 25 statt 48 Wochen im Jahr reisen. Und habe hoffentlich Nina wieder an meiner Seite – und mit ihr eine kleine Familie.