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DTB-Kaderschmiede: Lys, Middendorf, Vecic und Co – Wer folgt auf Kerber?

Wer kommt nach Kerber, Görges & Co.? Wo macht sich der Nachwuchs um Eva Lys, Julia Middendorf und Alexandra Vecic fit für die Tour? tennis MAGAZIN hat sich auf die Suche begeben und wurde fündig in der DTB-Kaderschmiede des Württembergischen Tennis Bundes. Vor allem ein Jahrgang soll die große Lücke der deutschen Stars in Zukunft schließen.

Der Weg zur deutschen Tenniszukunft führt nicht nur über die Namen Lys, Middendorf oder Vecic – sondern auch über Rone. Sie flitzt einer Filzkugel hinterher, die über die gekachelten Fliesen in die Gastronomie rollt. Dort prallt der Ball von einem Tischbein zurück und Rone hat ihn.

Rone, das ist Barbara Rittners Jack Russel-Terrier. „Eigentlich heißt sie Rone von Amarone, benannt nach meinem Lieblingswein“, sagt die Cheftrainerin grinsend. Rittners offizieller Titel: Head of Women’s Tennis. Frei übersetzt: Hauptverantwortliche für alles, was im deutschen Damentennis passiert. Und dazu gehört auch Basisarbeit, zumindest nach Definition der DTB-Spitzenkraft, die schon Angelique Kerber, Julia Görges und Andrea Petkovic in der Jugend formte. Jetzt ist die 45-Jährige mit ihrem Team wieder dabei, junge Talente auf dem Weg ins Profitennis zu begleiten.

DTB-Kaderschmiede Stuttgart-Stammheim: Die besten des Landes werden zentriert

Die Kaderschmiede des Württembergischen Tennis Bundes. Seit 25 Jahren nennt sich das Leistungszentrum in Stuttgart-Stammheim sogar Bundesstützpunkt. Hier trainieren die Besten des Verbandes und die nationale Spitze bei den Mädchen. Für Rittner ist es im Herbst 2018 der vierte Lehrgang am Stück. Erst hat sie Talente aus den Jahrgängen 2004, 2005 und 2006 gesichtet und trainiert, im Moment arbeitet sie intensiv mit dem Jahrgang 2002/2003. Sieben Tage dauert der Kurs mit acht jungen Damen, die zu den Besten Deutschlands zählen. Später wird Rittner sagen: „Das ist die Gruppe, auf die wir setzen. Vom Potenzial sind die ähnlich stark wie früher die gute Garde.“ Damit meint sie die Generation um Kerber. Das Ziel in Ranglistenplätzen ausgedrückt: Top 50 der Welt.

Immer voll drauf: Julia Middendorf und Nicole Rivkin beim Aufschlagtraining. Jasmin Wöhr, frühere Fed Cup-Spielerin und aktuelle Stützpunktleiterin kontrolliert die Bewegungsabläufe. Foto: Paul Zimmer

Zukunftsmusik. Die Gegenwart spielt sich in der modernen Drei-Felder-Halle mit US Open-Bodenbelag und Playsight-Technologie im Süden der Republik ab. Es sind feine Rahmenbedingungen für die Elite. Wobei die nach fünf Tagen Kurs ziemlich durchhängt. „Die sind platt“, sagt Rittner, um dann Nicole und Nasti, die mit ihren Rackets auf dem Court stehen und tuscheln, zuzurufen: „Habt ihr Lust auf ‘nen Kakao?“ Ein typischer Rittner-Spruch, der kein Heißgetränk verspricht, sondern das Gegenteil meint: weiterarbeiten, alles geben, beißen.

DTB und Rittner verfolgen höchsten Anspruch

Denn eins ist klar: Der Anspruch des DTB ist es, mit anderen Nationen mitzuhalten. Mit Französinnen, Spanierinnen, Russinnen, Serbinnen. Für die 15-, 16-jährigen Deutschen sind die Tage in Stuttgart eng getaktet: 7 Uhr Frühstück, 8.30 Uhr Waldlauf, 10.30 Uhr Schlag- und Matchtraining, 13 Uhr Mittagessen, 14 Uhr Schlagtraining, 17 Uhr Fitness-, Konditions- oder Mentaltraining, 18.30 Uhr Abendessen, 22 Uhr Nachtruhe. „Dann ist spätestens das Licht aus. Die sollen am nächsten Tag fit sein“, sagt Rittner, die selbst etwas kränkelt. Vier Kurse am Stück sind auch für die Perfektionistin ein Schlauch – der Kopf schmerzt.

Für die Ausbildung der Juniorinnen setzt der DTB seine Topleute ein. Neben Rittner leiten Jens Gerlach (Fed Cup-Teamchef), Jasmin Wöhr (Bundestrainerin und ehemalige Fed Cup-Spielerin) und Mike Diehl (Fitnesscoach des Fed Cup-Teams) den Lehrgang. Fed Cup-Assistenztrainer Dirk Dier reist gerade mit anderen Talenten zu Futureturnieren. Oft hilft auch der Stuttgarter Sebastian Sachs aus, der in diesem Jahr ein paar Wochen als Sparringspartner mit Victoria Azarenka trainierte.

Jeder Jahrgang wird genau beleuchtet

Das Vormittagstraining neigt sich dem Ende zu. Jasmin Wöhr, Typ Powerfrau mit blondgefärbter Kurzhaarfrisur, klatscht mit Nicole und Julia ab. Mittagspause. Es gibt Nudeln und Salat. Zufriedene, etwas müde Stimmung an den dezent gedeckten Holztischen. Bevor es wieder zum Training geht, verschwinden die Mädchen noch kurz auf ihren Zimmern eine Etage höher. Der Trainierstab bleibt bei Mineralwasser sitzen, bespricht den Fahrplan für den Rest des Tages und den morgigen Abschlusstag. „Nimm sie beim Kondi heute nicht so hart ran“, raunt Rittner ihrem langjährigen Weggefährten Mike Diehl zu. Diehl, als Schleifer bekannt, nickt und verspricht, er werde sich „was Leichtes“ einfallen lassen.

Nachmittags-Training: Für den Außenstehenden, der zusieht, wie talentierte Jugendliche gekonnt auf Bälle dreschen, ist der Besuch in der Kaderschmiede eine hübsche Momentaufnahme. Für Rittner ist es ein Mosaik in einem großen Bild. Für sie, die Architektin des deutschen Damentennis, und das ganze Trainerteam dienen die Tage in Stuttgart dazu, sich einen Überblick über die gesamten Jahrgänge zu machen. Karteikarten für jede einzelne Spielerin werden beschrieben, kurz- und langfristige Ziele notiert. Am Ende geht es logischerweise auch darum, wer wie gefördert wird. Wie die Kader der Zukunft aussehen.

Rittner arbeitet regelmäßig an der Basis

Auch die Mädchen selbst stufen ihren mentalen und körperlichen Fitnesszustand im Verlauf des Lehrgangs auf einer Skala von 1 bis 10 ein. Eins heißt frisch, bei zehn kriechen sie auf dem Zahnfleisch.
„Ich sehe die Talente bei mindestens vier, fünf Lehrgängen im Jahr“, sagt Rittner. In der übrigen Zeit pflegen sie, Jasmin Wöhr, Jens Gerlach und Dirk Dier engen Kontakt zu den Heimtrainern, die sie immer wieder einladen, und zu den Eltern.

Schlagtraining mit der Chefin: Barbara Rittner (Mitte), inzwischen Head of Women’s Tennis, liebt die Arbeit an der Basis. Foto: Paul Zimmer

Rittners Credo: Kommunikation ist alles. Vor Ort wählt sie einen kumpelhaften Ton. Entspannt soll das Arbeitsklima sein, möglichst wie in einer großen Familie, in der jeder den anderen respektiert. „Wir verleben den ganzen Tag zusammen. Die Eindrücke der Trainer gehen über das Sportliche hinaus“, sagt Rittner. Durch Nähe werde Vertrauen geschaffen. Transparanz und Einzelgespräche seien extrem wichtig

„Ein Beispiel“, sagt Rittner und deutet auf  Noma, ein dunkelhäutiges Mädchen. Im vergangenen Jahr sei sie eher schwach und lustlos aufgetreten. „Dieses Jahr war sie sehr gut.“ Was, so Rittner, auch an der Kommunikation zum Heimtrainer lag, die für die 15-jährige Hamburgerin fördernd gewesen sei.

DTB-Kaderschmiede Stuttgart-Stammheim verfolgt Internatsidee

Geht es nach Rittner kann es gar nicht genug Lehrgänge für den Nachwuchs geben. Der Konkurrenzkampf sei stets präsent. „Damals stand Sabine Lisicki im Viertelfinale von Wimbledon und die anderen Mädchen dachten: ‘Mensch, die hab’ ich doch im Lehrgang geschlagen. Das kann ich auch schaffen!’“, sagt Rittner, deren Vision es ist, dass die Besten des Landes nicht punktuell beobachtet werden, sondern sich permanent messen.

Es ist die Idee vom Internat, die auch beim Württembergischen Tennis Bund hoch im Kurs steht. Die ideale Infrastruktur (siehe Kasten rechts) ist da, beziehungsweise entsteht gerade. Der Plan: Die Top 8-Juniorinnen leben vor Ort wie in einem Internat. Für Fernunterricht bietet sich das Sportgymnasium in Mannheim an, das auch Alexandra Vecic aus Tübingen besucht. Der Effekt: Man arbeitet und lebt gemeinsam, treibt sich gegenseitig an. In den Schulferienwochen reist man mit verschiedenen Coaches zu Turnieren.

Deutschlands Talente: Eva Lys und Co.

„Das ist unser Ziel. Das leben wir jetzt schon ein bisschen“, sagt Rittner. Aktuell sind die Talente in ganz Deutschland verstreut. Sie trainieren bei Privattrainern, bei Verbänden – wie etwa Mara Guth, die vom hessischen Verband unterstützt wird – oder in Akademien. So übt Amelie Janssen in der Talentschmiede des Ex-Julia-Görges-Coaches Sascha Nensel in der Nähe von Hannover. Luisa Meyer auf der Heide – früher Überfliegerin bei den U12, jahrelang als Deutschlands Beste gehypt und aktuell im Abiturstress – wird von Gerhard Weber, Erfinder der Gerry Weber Open, gefördert. Auch die bald 17-Jährige war beim Stuttgarter Lehrgang dabei, wurde aber krank und musste abreisen.

Eva Lys, die mit Rang 148 im ITF-Ranking am höchsten platzierte Teilnehmerin, wird seit Kindestagen von ihrem aus Kiew stammendem Vater Vladimir Lys trainiert, der auch schon einmal Coach von Carina Witthöft war.

Gruppenaufwärmen in der Halle. Foto: Paul Zimmer

Informationen zum WTB-Leistungszentrum in Stuttgart-Stammheim

„Wir haben nun ein wahres Schmuckkästchen“, freute sich WTB-Verbandschef Ulrich Lange, als das Landesleistungszentrumdes Württembergischen Tennis Bundes in Stuttgart-Stammheim
im Frühling neu eröffnet wurde. tennis MAGAZIN war im Oktober zu Besuch und kommt zu dem Ergebnis: eine hochmoderne Ausbildungsstätte, die eine perfekte Trainingsinfrastruktur bietet. Von der Erstellung des Konzeptes im Juni 2015 bis zum fertigen Landesleistungszentrum, das gleichzeitig als Bundesstützpunkt genutzt wird, vergingen fast drei Jahre. Knapp 1,5 Millionen Euro investierte der Verband in eine Komplettsanierung. „Es ist eine hundertprozentige energetische Sanierung“, sagt Lange. Die Hallendächer wurden gedämmt, die Wände aufgedoppelt,
Seminar- und Schulungs­räume saniert. Alles entspricht modernsten Anforderungen. Eine neue Lichtanlage sorgt für optimale Beleuchtung der fünf Hallenplätze (Belag wie bei den US Open). Der Kraftraum verfügt über die modernsten Trainingsgeräte. Es ist Teil eins der Entwicklung zu einem WTB-Internat, in dem sich die deutsche Juniorinnen-Elite messen soll. Neben den bestehenden sieben Zimmern ist für rund zwei Millionen Euro ein Sportlerhaus geplant, 40 Übernachtungen sind dann möglich. Auf der Außenanlage sollen vier Sand- und zwei Hartplätze gebaut werden. Die Vision in Zusammenarbeit mit einem Investor: eine Sportanlage mit Hotel, Schwimmbad, Kletterwand, Biergarten, Soccerplatz
und Freizeitpark. Auch über eine Kooperation mit dem ATP-Turnier am Weissenhof und Rasenplätze wird nachgedacht. Die Profis könnten das rund 30 Autominuten entfernte Leistungszentrum als Trainingsstätte nutzen.

Ein großes Plus inzwischen: Durch die Fördermittel, die der DTB vom Bundesministeriums des Innern (BMI) bekommt, ist auch die Betreuung des Nachwuchses besser geworden. Reisen nach Spanien oder zu den prestigeträchtigen Florida-Events Eddie Herr und Orange Bowl übernimmt der DTB komplett. Auch für Trainer und Lehrgänge wird bezahlt.
Eine Garantie für späteren Erfolg gibt es allerdings nicht. „Hinter der Generation Kerber, Görges, Petkovic gibt es eine große Lücke. Der Jahrgang mit Witthöft, Beck, Friedsam, Lottner konnte die Erwartungen nicht erfüllen“, sagt Rittner.

Ihr Wunsch: Dass genau die „Mädels“, die sich jetzt, Anfang Oktober 2018 in Stuttgart, auf eine künftige Profikarriere vorbereiten, einmal in die Fußstapfen von „Angie“ und „Jule“ treten können.

Aktuell liegen die Hoffnungsträgerinnen auf taubenblauen Matten im Keller des Leistungszentrums, dehnen ihre zarten Muskeln und kämpfen mit dem Körpereigengewicht. Mike Diehl, der die Übungen vormacht, hat Wort gehalten: Er ist nicht so fies, wie er sein könnte. „Fertig“, ruft er nach 15 Minuten. Ein weiterer Tag ist geschafft. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich Alex, Eva & Co. später auf der Tour schlagen werden.