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Nach dem Fed Cup: Der Fall Kerber-Görges

Das deutsche Fed Cup-Team hat in Braunschweig gegen Weißrussland 0:4 verloren und spielt am 20 und 21. April um den Verbleib in der Weltgruppe. So weit, so schlecht. Hinter den Kulissen der Volkswagen Halle wurde aber weniger die sportliche Leistung von Andrea Petkovic & Co. diskutiert, sondern vielmehr die Tatsache, dass mit Angelique Kerber und Julia Görges Deutschlands Spitzenduo fehlte. Nach dem Wochenende und Gesprächen mit vielen Beteiligten kann man nur attestieren: Es ist nicht in Ordnung, dass die Besten nicht dabei waren.

Als Ulrich Klaus, intern nur Sepp genannt, weil sein Mittelname Josef lautet „und ich schon seit 60 Jahren so genannt werde“ – als also der DTB-Präsident am Sonntagmittag in die „Hospitality Area“, vulgo: VIP-Bereich, marschierte, kommentierte er in die Runde der Funktionäre: „Bitte nicht noch mal gegen die.“ Gerade hatte das deutsche Fed Cup-Team verloren. Nach der 1:6, 1:6-Niederlage von Laura Siegemund gegen Aryna Sabalenka stand es 0:3 gegen Deutschland (rund 90 Minuten später – nach dem verlorenen Doppel – dann 0:4, auf das vierte Einzel wurde regelkonform verzichtet).

Mit „die“ war Weißrussland gemeint. Dass Deutschland nur Außenseiter sein würde, war schon vor dem Wochenende klar. Immerhin traten mit Sabalenka und Aliaksandra Sasnovich die Nummer neun und 33 für die Osteuropäerinnen an. Die Rankings der beiden besten deutschen Damen zum Vergleich: Platz 67 (Tatjana Maria) und 68 (Andrea Petkovic). Was nicht klar war: Dass Sabalenka, die in ihren Einzeln gegen Petkovic und Siegemund nur fünf Spiele abgeben sollte, so stark spielen würde.

Fed Cup

GUTE STIMMUNG: Trotz der klaren Niederlage in Braunschweig gab es viel Aufmunterung von den Rängen für die deutschen Spielerinnen.

Sabalenka auf den Spuren von Serena Williams?

Die 20-Jährige aus Minsk, die vom Ex-Profi Dmitry Tursunov trainiert wird, wäre eine eigene Story wert. Weil sie hervor sticht aus dem WTA-Einheitsbrei. Weil sie so hart und so präzise auf die Bälle drischt, dass man ständig „boa“ rufen könnte, wenn man die deutsche Brille absetzt. Weil sie, was nur wenige im Damentennis beherrschen, die Rückhand longline die Linie herunterhämmern kann. Weil sie sympathisch ist. Und weil sie, wenn alles normal läuft, künftig um Grand Slam-Titel und Platz eins in der Weltrangliste mitspielen wird. Mehr noch: Wenn sie ihre Fehlerquote weiter herunterschraubt, könnte sie das Damentennis dominieren. Vergleiche mit Serena Williams zog selbst die sich verzweifelt wehrende Siegemund, die am Sonntag für „Tadde“ Maria ins Rennen geschickt wurde.

Aber Sabalenka ist hier nicht das Thema und auch nicht der perfekte Rahmen in der Volkswagen Halle mit 4.400 Zuschauern und einer höchst professionellen Kapelle, die zwischen den Ballwechseln richtig Spaß machte. Nein, das Thema sind die Damen Angelique Kerber und Julia Görges, die es vorzogen, sich auf das WTA-Turnier in Doha vorzubereiten. Laut wollte das in Braunschweig keiner kommentieren, aber hinter vorgehaltener Hand (wie das immer so schön heißt, aber in Wahrheit ist sie nicht vorgehalten, die Personen dämpfen nur ihre Stimme) lautete der Tenor bei Funktionären und Sponsoren: nicht für Deutschland spielen – das gehe eigentlich nicht.

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SPEKTAKULÄR: Laura Siegemund legte alles rein gegen Aryna Sabalenka, war am Ende aber chancenlos.

Kerber und Görges: Lieber Doha als Fed Cup

Die Geschichte ist nicht neu. Sie geht so: Die Profis sind Unternehmer. Sie müssen in einer Karriere von rund 15 Jahren so viel Geld verdienen, dass sie auch später davon leben können. Und in Doha verdient man mehr Geld. Außerdem sind die Punkte für die Weltrangliste wichtig. Beim Fed Cup bekommt man keine Punkte, höchstens ein kleines metallenes Accessoire mit niedlichen Fahnen der beiden teilnehmenden Nationen, das man sich ans Revers heften kann. Ich-AG schlägt Teamgedanken.

Die Frage ist, was am Ende wichtiger ist: ein Turnier in Doha, was niemanden in Deutschland interessiert, oder ein Platz im Schaufenster (und das ist der Fed Cup, auch wenn „nur“ der Streamingdienst DAZN überträgt). Ja, eventuell hätte Deutschland auch mit Kerber und Görges verloren, aber vielleicht auch nicht. Und vielleicht hätte die „goldene Generation“ (O-Ton Barbara Rittner), bei der die Schaffenskraft bald schwinden könnte, 2019 nach vielen vergeblichen Anläufen den Fed Cup geholt.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet in der Woche zuvor in Frankfurt die besten deutschen Herren antraten. Alexander Zverev und Philipp Kohlschreiber spielten auch dann noch und ließen sich vom Publikum feiern, als der Sieg gegen drittklassige Ungarn schon feststand. Die früher oft gescholtenen Davis Cup-Herren sammelten in der schwarz-rot-goldenen Öffentlichkeit Sympathiepunkte – Deutschlands Frontfrauen nicht.

Kerber und Görges fehlten auch 2018 gegen Weißrussland

Kerber und Görges waren schon im Jahr zuvor bei der Partie im weißrussischen Minsk nicht dabei. Nur störte das niemanden, weil Deutschland bei der Premiere von Kapitän Jens Gerlach mit einem B-Team bestehend aus Maria, Antonia Lottner und Anna-Lena Grönefeld völlig überraschend gesiegt hatte.

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OHNE CHANCEN: Auch Andrea Petkovic war gegen Sabalenka absolut machtlos.

Nun ist die Situation folgende: Kerber und Görges haben sich ihrem Heimpublikum nicht präsentiert – so viele Möglichkeiten bietet das Tennisjahr nicht. Viel schlimmer: Sie haben sich nicht anständig – allerdings korrekt, dazu später mehr – gegenüber ihrem Sponsor verhalten, der seit 2012 Geld ins deutsche Damentennis pumpt. Die Fed Cup-Mannschaft heißt offiziell Porsche Team Deutschland. Überall in der Halle prangte der Schriftzug des Stuttgarter Automobilherstellers und neben der Ehrentribüne stand ein gelber Flitzer – man fühlte sich ein bisschen an den Porsche Tennis Grand Prix erinnert.

Auch Kerber und Görges fahren gerne solche Autos. Kerber ist zudem Markenbotschafterin der Automarke. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Frontduo steht nicht am Pranger. Es ist gelebte Praxis, dass der Schwerpunkt der Spielerinnen auf den Einzelkarrieren liegen. Und: Sie haben sich insofern korrekt verhalten, weil in ihren Sponsorenverträgen nicht steht, dass sie für Deutschland spielen müssen.

Nur: Ein fader Beigeschmack bleibt.


  1. Jonas Müller

    „Das Frontduo steht nicht am Pranger. “ aber „Der Fall Kerber-Görges“, ah ja. Manch einer mag enttäuscht sein über das Fernbleiben von Kerber und Görges. Aber (unterschwellig) ankreiden sollte man ihnen die Niederlage nicht, die geht alleine auf die Kappe der angetretenen Spielerinnen. Man sollte nicht übersehen, dass unsere Mannschaft nicht den Hauch einer Chance hatten und es kann nicht sein, dass der Erfolg nur an zwei Akteurinnen hängen soll. Einzig Petkovic spielte früher in der Liga von Kerber/Görges, ist aber nur mehr ein Schatten ihrer ehemaligen Leistungen; den angeblichen Leistungsanstieg letzten Jahres können nur die größten Optimisten erkennen – hier scheinen mittlerweile andere Prioritäten als Tennis im Vordergrund zu stehen. Von der „Führungspersönlichkeit“ war zumindest diesmal weder auf noch neben dem Platz etwas zu sehen.
    Aber solange die Spielerinnen nur interessante Stories liefern, wird die Presse ihnen allzeit unkritisch gewogen bleiben.

    • Kritiker

      Warum sollte man da auch kritischer sein? Das ist schon viel zu kritisch. Die Spieler schulden niemandem irgendwas. Das sind keine Schaufensterpuppen.


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