Karsten Braasch

Karsten Braasch im Interview: „Man kann keinen Blödsinn mehr machen”

Melbourne Park am 27. Januar 1998 während der Australian Open: Karsten Braasch erlangt an jenem Dienstagnachmittag weltweite Berühmtheit. Die „Katze“, wie der Deutsche wegen seiner geschmeidigen Spielweise genannt wurde, nimmt die Herausforderung der Williams-Schwestern zu einem Geschlechterduell an. Braasch, damals die Nummer 203 der Welt,  besiegt zunächst die 16-jährige Serena mit 6:1, es folgt ein 6:2 gegen die 17-jährige Venus. Ein gefundenes Fressen für die Medien. Während der Seitenwechsel greift Braasch zur Zigarette. Hinterher gibt er an, dass er sich mit Golf und einigen Gläsern Radler auf das Duell vorbereitet habe. 20 Jahre ist dies nun her. Der ehemalige Kulttennisprofi (50) spricht im Interview über die Matches gegen die Williams-Schwestern, sein Image und die heutige Spielergeneration.



Vor 20 Jahren: Karsten Braasch besiegte erst Serena und dann Venus Williams.

Herr Braasch, wie oft werden Sie noch auf Ihre Duelle mit den Williams-Schwestern bei den Australian Open angesprochen?

Das passiert mittlerweile recht selten, weil das zu lange her ist. Die Generation, die nun Tennis spielt, ist zu jung dafür.

In diesem Jahr jährten sich die Duelle zum 20. Mal. Gab es etwas Besonderes zum Jubiläum?   

Nein, es gab dafür auch keinen Grund. Es war damals eine Spaßaktion und keine offizielle Veranstaltung. Ich glaube, dass die WTA auch kein großes Interesse daran hat, dass diese Geschichte jedes Mal erzählt wird. Ich würde auch eher andere Sachen feiern als die Duelle mit den Williams-Schwestern: meine Einsätze im Davis Cup oder Auftritte in Wimbledon.

Stört es Sie, dass meist der Geschlechterkampf im Fokus steht, wenn über Ihre Person berichtet wird?

Nein, das stört mich nicht. Es ist nicht so, dass es sich immer nur über das Match gegen die Williams-Schwestern dreht, wenn über meine Karriere geredet wird. Da gibt es auch andere Sachen: bestimmte Matches und Turniererfolge.

Von den beiden Duellen existieren kaum Fotos und keine Videos, zumindest nicht im Internet. Hätten Sie gerne etwas für die Erinnerung?

Ich habe von einigen Matches von mir Ausschnitte auf DVD zu Hause. Natürlich wäre es schön, auch von dem Williams-Match etwas zu haben. Allzu schlimm ist das aber nicht. Die meisten Erinnerungen habe ich sowieso im Kopf.

Gibt es eine Anekdote von den Duellen, die der Öffentlichkeit noch nicht allzu bekannt ist?

Es ist alles gesagt und geschrieben. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Es waren damals auch genug Medienvertreter anwesend, sodass nichts geheim geblieben ist.

Welche Reaktionen gab es nach dem Duell von Ihren Tenniskollegen- und kolleginnen? 

Von den damaligen Spielerinnen weiß ich nichts, weil ich nicht in der Umkleide war. Meine Spielerkollegen, die es gesehen und mitbekommen haben, kamen allesamt auf mich zu und sagten: ‚Gut gemacht!’.

Wie oft gab es noch Kontakt mit den Williams-Schwestern nach den Duellen?

Da gab es kaum Kontakt. Im Anschluss an das Match sind wir uns auf den Grand Slam-Turnieren immer mal wieder über den Weg gelaufen. Man hat sich freundlich ‚Hallo’ gesagt, aber ein Thema war es nie. Wir waren ja auch auf unterschiedlichen Touren unterwegs.

Kommen wir auf Ihre Karriere zu sprechen. Gibt es einen Moment in Ihrer Profikarriere, der besonders hervorsticht?

Es gab viele schöne Momente, aber nicht diesen einen Moment, der alles überragt. Davis Cup für Deutschland zu spielen, war schon etwas ganz Besonderes.

Ihre Einsätze waren das Viertelfinale und Halbfinale im Davis Cup im Jahr 1994. Sind Sie traurig darüber, dass es nicht mehr Spiele für Deutschland wurden?

Ich habe nicht so lange so gut gespielt, dass ich infrage kam beziehungsweise es gab meist auch bessere Spieler als mich. In dem Augenblick, wo ich hätte eingesetzt werden können, habe ich mich schwer verletzt. Ich habe nichts zu meckern.

Mit welchen alten Weggefährten haben Sie noch engen Kontakt?

Das sind sehr wenige, weil die meisten Jungs weit weg von mir wohnen. Bei einigen weiß ich, was sie machen und wie es ihnen geht. Aber es ist nicht der Fall, dass wir regelmäßig telefonieren.

Sie haben in Ihrer 18-jährigen Karriere knapp 1,5 Millionen US-Dollar an Preisgeld erspielt. Im Vergleich zu heute sind das Peanuts. Blicken Sie manchmal neidisch auf die heutige Profigeneration?

Nein, überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Es gibt im Leben nicht nur um Geld. Klar verdient die heutige Spielergeneration viel, viel mehr. Aber was soll der Fußballer von 1970 sagen. Der hat auch nichts verdient im Gegensatz zu den Fußballern von heute. Ich finde, dass wir Tennisspieler damals angemessen verdient haben. Ich würde mit den aktuellen Profis auch nicht tauschen wollen. Mit den sozialen Medien wie Facebook, Instagram & Co. habe ich gar nicht mehr die Möglichkeit, etwas zu machen, ohne dass ich anschließend begutachtet werde. Fotos tauchen mittlerweile überall auf. Die Jungs von heute sind da nicht zu beneiden.

Karsten Braasch war 18 Jahre lang Profi.

Karsten Braasch erreichte im Einzel Platz 38, im Doppel Platz 36.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Alexander Zverev? Wird er die Nummer eins der Welt?

Ich glaube, dass Zverev eine sehr gute Chance hat, die Nummer eins zu werden, weil er genau zur richtigen Zeit da ist. Ich hoffe, dass er sich noch weiterentwickelt, dann wird er in zwei bis vier Jahren sein bestes Tennis spielen. Wenn Zverev auf seinem Zenit ist, sind Federer, Nadal & Co. wahrscheinlich nicht mehr da und die Generation hinter ihm ist vermutlich noch nicht so weit.

Zverev ist einer von vielen Spielern, die bereits in jungen Jahren auf den Davis Cup verzichtet haben. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Bedeutung des Davis Cups?

Ich finde, dass es grundsätzlich eine Ehre sein sollte, für sein Land zu spielen. Wenn man den Vergleich zu anderen Sportarten zieht: Fußballer oder Handballer würden nicht auf die Idee kommen, abzusagen. Da würde keiner sagen: Ich mache mal ein kleines Päuschen, damit ich ein bestimmtes Turnier gut spiele. Ich finde es sehr schade, dass der Davis Cup nicht mehr den Stellenwert hat. Mittlerweile ist es schon so weit gekommen, dass nicht der Spieler über seine Teilnahme entscheidet, sondern der Manager oder Leute von außen, so wie es letztes Jahr bei Zverev der Fall war. Das ist doch albern. Ich hätte damals zu meinem Manager gesagt, wenn er gewollt hätte, dass ich auf den Davis Cup verzichte: ‚Du kannst mich mal.’

Sie galten damals als Typ im Tennis – unkonventionell und unangepasst. Heutzutage ist immer wieder die Rede davon, dass Typen im Tennis fehlen. Stimmen Sie dem zu?

Nein, ich finde schon, dass es Typen gibt. Es gibt Spieler wie Kyrgios und auch Zverev, der auch gelegentlich ausflippt. Federer und Nadal sind natürlich Typen. Es ist mittlerweile alles so reglementiert, dass man auf dem Platz nichts mehr machen darf. Und neben dem Platz muss man auch aufpassen, was man sagt wegen der sozialen Medien. Jeder hat ein Handy in der Hand und kann jederzeit jeden aufnehmen. Man kann fast gar keinen Blödsinn mehr machen. Es ist schwer, sich als Typ zu präsentieren, wenn einem so viele Sachen sofort als contra ausgelegt werden. In Internetforen und den sozialen Medien kann jeder seine teils unqualifizierte Meinung kundtun, ohne mit einer Bestrafung rechnen zu müssen. Ich denke, auch aus diesem Grund gehen die Spieler nicht mehr so aus sich heraus wie früher.

Sie hatten das Image eines Lebemanns, der Kettenraucher ist, gerne Party macht und Bier trinkt. Stimmte dieses Image überhaupt?

Ich habe damals geraucht und rauche immer noch. Darauf bin ich nicht stolz. Deshalb fand ich es auch nie gut, wenn das zum Thema gemacht wurde, weil du als Spieler eine gewisse Vorbildfunktion hast. Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden, da kommt es schon mal vor, dass man zum Abendessen ein Bier trinkt. Einige Sachen wurden auch falsch dargestellt, vor allem die Partyberichte. Wenn ich aus dem Turnier bereits ausgeschieden war, kam es schon vor, dass ich länger geblieben bin und das Turnier Revue passieren lassen habe. Dann gab es aber auch solche Berichte wie die während des Rothenbaum-Turniers in der Hamburger Presse mit dem Tenor: Wie nicht anders zu erwarten, war Karsten Braasch der letzte, der die Party verließ. Auf der Party war ich überhaupt nicht, da ich nächsten Tag gegen Yevgeny Kafelnikov spielte. Das passte gut ins Image rein. Sich dagegen zu wehren, hätte auch nicht viel geholfen. Wenn du erst einmal ein gewisses Image hast, dann arbeitet jeder auch daran. Jede Kleinigkeit wird zum Anlass genommen, um an dieser Geschichte weiterzuspinnen.

Wegen Ihrer geschmeidigen Spielweise erhielten Sie den Spitznamen „Katze“. Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie das erste Mal so genannt wurden?

Da bin ich mir gar nicht so sicher. In meiner Jugend wurde ich nie so genannt. Es muss bei einem Turnier in Lippstadt gewesen sein. Da hat jemand gerufen: Der bewegt sich wie eine Katze. Das haben einige Leute mitbekommen, und so ging es schließlich weiter.

Sie gehören zu den besten Ü50-Spielern in der Welt. Im November gingen Sie bei der Ü50-WM in Miami an den Start. Sie spielten sich locker ins Halbfinale. Dort gewannen Sie den ersten Satz, mussten dann aber aufgeben. Was ist passiert?  

Ich war kaputt. Es war zu diesem Zeitpunkt noch sehr warm in Miami mit einer hohen Luftfeuchtigkeit. Eine Woche vorher habe ich bei der Team-WM gespielt. Bei der Einzel-WM war ich auch im Doppel an den Start und musste jeden Tag um 9 Uhr Einzel und um 12:30 Uhr Doppel spielen. Hinzu kam, dass das Turnier nicht besonders gut organisiert war. Es gab nichts zu essen auf der Anlage. Wenn du keine Nahrung zuführen kannst, wird es schwer. Ich hatte das Ziel, die WM zu gewinnen und eine Woche vorher gegen meinen Gegner gewonnen. Irgendwann war aber der Stecker raus. Ich hätte zwar weiterspielen können, aber dann auf das Doppel verzichten müssen. Ich habe schließlich das Doppel-Halbfinale gewonnen. Leider ging das Finale verloren.

Karsten Braasch gewann bei der Ü50-WM mehrere Medaillen.

Wie realistisch ist es, dass Sie die Nummer eins in Ihrer Altersklasse werden?

Im letzten Jahr wäre es mit dem Gewinn der WM möglich gewesen, nun nicht mehr. Nach der WM war ich die Nummer drei. Durch einen Altersklassenwechsel sind Spieler an mir vorbeigekommen. Beim Ranglistensystem der ITF zählen nur vier Turniere. Da Marco Filippeschi die großen Turniere gewonnen hat, wird er vermutlich bis zur nächsten WM die Nummer eins bleiben.

Sie stehen täglich als Tennistrainer für Jugendliche und Erwachsene auf dem Platz. Gab es auch konkrete Pläne für eine Arbeit für den Deutschen Tennis Bund?

Ich wurde bislang noch nie vom Deutschen Tennis Bund angesprochen. Außerdem glaube ich, dass ich nicht der richtige Mann dafür bin, weil ich gerne mein eigener Herr bin. Mit manchen Meinungen der Funktionäre hätte ich nicht übereingestimmt, sodass ein Konsens schwierig geworden wäre. Es ist gut so, wie es nun ist.

Ihr Markenzeichen auf dem Platz war auch Ihr berühmter Korkenzieheraufschlag. Kommt es hin und wieder vor, dass Ihre Schüler diesen nachahmen wollen?

Meine Schüler haben genügend Probleme mit ihrem eigenen Aufschlag, sodass da keine Zeit dafür bleibt. Ich könnte ihn auch nicht mehr so vormachen wie damals. Ich komme nicht mehr so tief runter und kann nicht mehr so hoch abspringen. Er sieht mittlerweile ein bisschen wie ein normaler Aufschlag aus.

Sie sind großer Fan von Borussia Dortmund. Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass Fußball in den Medien alles dominiert und es nur noch wenig Platz für andere Sportarten gibt?

Ich finde die Entwicklung sehr schade. Nicht nur Tennis, auch andere Sportarten haben ihren Platz im Fernsehen und in den Medien verdient. Viele Sportler erbringen großartige Leistungen. Das einzige, was neben Fußball intensiv übertragen wird, ist Wintersport. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn Spiele der vierten und fünften Liga im Fußball im Fernsehen gezeigt werden. Als Tennisfan ist die Lage noch gut, wenn man bereit ist, für Pay-TV zu bezahlen. Es ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung für die Sender. Die Rechte für Tennisturniere sind sehr teuer, die Produktionskosten sind zudem groß. Der Kommerz geht mittlerweile vor.

Sollte sich der Tennissport denn mehr öffnen im Hinblick auf neue Regeln oder ist alles gut, wie es ist?

Ich bin Traditionalist und brauche nicht zwingend Änderungen. Tennis ist spannend genug, wie es ist, und gibt jedem seine Möglichkeit. Es ist großartig, die Spieler bei Grand Slams über fünf Sätze zu sehen, wo der Fitnessgrad auch mit reinspielt. Ich habe bislang noch keine Statistiken oder Befragungen gesehen, inwiefern den Zuschauern die kürzeren Matches gefallen haben.

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