Markus Söder

Markus Söder im Interview: „Ich habe Borg und McEnroe bewundert”

Den CSU-Politiker Markus Söder kennt fast jeder Deutsche, den Tennisspieler aber nur wenige. tennis MAGAZIN traf den Franken und war angetan von seinem Tennissachverstand. Ein Gespräch über seine Idole und wie ihm der Sport in der Politik hilft.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 9-2018

Herr Söder, was verschafft uns die Ehre, dass Sie so kurz vor der Landtagswahl für ein Gespräch über Tennis zur Verfügung stehen: Ihre Faszination für diesen Sport oder doch eher die mittelmäßigen Umfragewerte der CSU?

Moment, ich habe mich nicht aufgedrängt. Sie haben mich gefragt, ob ich mit Ihnen über Tennis sprechen möchte. Ich habe mich gefreut und deswegen sitzen wir hier. 

Sie haben 1980 im Alter von 13 mit Tennis begonnen. Wissen Sie noch warum?

Ja, ich habe vorher Handball gespielt, aber das fand meine Mutter auf Dauer zu körperlich, und weil meine Schwester sowieso gerade ihre ersten Tennisstunden bekam, bin ich eben mit. Dazu kam, dass ich kurz zuvor mein erstes Tennismatch im Fernsehen gesehen hatte. Das war ein Wimbledon-Finale Borg gegen Connors. Ich hatte Hausarrest – natürlich völlig zu Unrecht – , musste in meinem Zimmer bleiben und inhalierte das komplette Spiel auf einem alten Schwarzweißfernseher. 

Wissen Sie noch, was Sie fasziniert hat?

Anfangs lief es nur nebenher, aber irgendwann konnte ich nicht mehr wegschauen. Das Duell Mann gegen Mann, die Mischung aus Technik, Dynamik und mentaler Disziplin hat mich fasziniert. Damals habe ich begriffen, dass man beim Tennis nicht über die Zeit gewinnen kann, sondern sich jeden Punkt erkämpfen muss. Ich kannte zu Beginn nicht mal die Regeln, habe sie mir aber im Laufe des Matches erschlossen. Am Ende gewann Borg.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Trainerstunde?

Ja, der Trainer fing an, mein Ballgefühl zu testen. Ich hatte Ballgefühl. Leider musste ich aber in den Wochen drauf feststellen, dass Tennis nach schnellen Anfangserfolgen viel Durchhaltevermögen erfordert. Ich dachte zu Beginn, Tennis sei eine Frage der Kraft. Schnell habe ich gemerkt, es geht um Koordination und Strategie. 

Was für ein Typ war man, wenn man 1980 in Nürnberg Tennis gespielt hat.  

Tennis war damals mehr als heute der weiße Sport.  Mein Verein, der ATV Nürnberg, war aber sehr bodenständig. Mein Vater interessierte sich kaum fürs Tennis – ich war also kein klassisches Tenniskind. Ich fuhr immer mit dem Fahrrad zum Platz und die Ballwand war zu Beginn mein häufigster Trainingspartner. Mein erster Schläger von Intersport hat 20 Mark gekostet. Zur Konfirmation bekam ich dann ein hochwertigeres Modell von Völkl. Später war jeder neue Schläger ein weiterer Höhepunkt meines jugendlichen Lebens. 

Hat es Sie gekränkt, dass Ihr Vater Ihnen nie zugeschaut hat?

Überhaupt nicht. Ich empfand es eher als Entlastung, wenn ich daran denke, wie die anderen Väter ihre Jungen unter Druck gesetzt oder nach einem verlorenen Match auch mal geschimpft haben. Ich war mein eigener Herr und konnte immer befreit aufspielen. 

Markus Söder

Schule fürs Leben: Es ist im Tennis nicht anders als im Leben, sagt Söder. „Wenn mich einer herausfordert, dann mache ich ihm das so schwer wie möglich.”

Im Jahr 1985 gewann Boris Becker Wimbledon. Was hat der Sieg in Ihnen ausgelöst?

Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, weil ich am gleichen Tag Vereinsmeister im Mixed wurde. Ich weiß noch, wie wir nach dem Matchball sofort ins Vereinsheim gestürmt sind und gerade noch diesen letzten legendären Service-Winner von Becker gegen Kevin Curren gesehen haben. In den Jahren danach war ich wie die meisten begeistert von Bum-Bum-Becker. Vorher hatte ich Borg und McEnroe bewundert – bei McEnroe hat mir immer die Leichtigkeit imponiert, wie er beim Return die Bälle einfach nur mit der Rückhand abblockte – , aber ab diesem Moment des Jahres 1985 war dieser Junge aus Leimen mein Held. Ich war stolz, dass auf einmal ein Deutscher so gut Tennis spielte. Vorher gab es Uli Pinner, Rolf Gehring oder den Slice-Gott Max Wünschig, das waren große Spieler, aber mit der Weltspitze hatten sie leider zu wenig tun. 

Die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter sagt, sie könne nicht verstehen, wie man Fan von einem anderen lebenden Tennisspieler sein könne, wenn man Roger Federer gesehen habe. Wem drücken Sie heute die Daumen?

Ganz ehrlich, auch Roger Federer. Seine Eleganz ist einzigartig.  Keiner spielt so ästhetisch wie er. Aber man kann nicht allen den Sieg wünschen. Natürlich hat jeder ungewollt Sympathie  für den ein oder anderen Spieler. 

Was ist mit Alexander Zverev?

Ein riesiges Talent, keine Frage, aber er braucht noch Zeit und muss beweisen, dass er die ganz großen Turniere gewinnen kann. 

Welche Bedeutung hatte Tennis in Ihrer Jugend, wie intensiv haben Sie trainiert und gespielt?

Ich stand fast jeden Tag auf dem Platz und hatte jedes Wochenende ein Spiel mit der Mannschaft – manchmal zwei, weil ich parallel für die Junioren und die Herren gespielt habe. 

Wo standen Sie in der Bayerischen Rangliste?

Oje, über die Kreismeisterschaften bin ich nicht hinausgekommen, aber ich wurde Vereinsmeister der Herren beim ATV und konnte in der Bezirksklasse der Herren gut mithalten. Als ich zur Bundeswehr kam, ließ mein Trainingseifer naturgemäß nach. Im Studium wurden dann andere Dinge wichtiger. Heute spiele ich nur noch ein paarmal im Jahr, mehr ist leider nicht drin. 

„Was sein Tennisspiel über ihn verrät“ lautet die Überschrift eines Spiegel-Porträts über Sie. Was verrät es denn über Sie? 

Ich glaube nicht, dass man von der Art Tennis zu spielen auf den Charakter schließen kann. Ich wollte halt gewinnen. Ich finde gewinnen einfach schöner als verlieren – das will doch jeder Sportler. Deswegen habe ich Gegner studiert, Stärken und Schwächen analysiert und versucht, das Beste zu geben. Tennis ist für mich ein Schachspiel mit höherem Bewegungsrhythmus. Und eines war klar: Auf meinem Spielniveau von damals gewinnt immer der, der weniger Fehler macht. Das ist nicht immer schön, aber effektiv. Mein Rückhandslice hat mir oft aus der Patsche geholfen. Ich war keiner, der in Schönheit sterben wollte. 

Markus Söder

Aufschlag Söder: Bayerns Ministerpräsident ist leidenschaftlicher Tennisspieler. Und vor allem Fan.

In dem Porträt steht auch, Sie seien vor allem ein sicherer Spieler, einer, der alles zurückbringt, aber kaum selbst angreift. Man kann es, ehrlich gesagt, kaum glauben, wenn man Sie so im Parlament oder im Bierzelt reden hört. 

Ach wissen Sie, weil ich erst mit 13 angefangen habe, war ich nie ein vollkommener Techniker. Ich hatte keine ‚Tenniseltern’ und wurde vom Verein wenig gefördert. Aber ich glaube, ich habe das Beste aus meinen Möglichkeiten gemacht. Ich hatte sichere Grundschläge und ging nach einem guten Angriffsball auch mal ans Netz. Meine Stärke waren gute Nerven und dass ich selten aufgeben habe. Egal, wie aussichtslos die Lage schien, ich habe um jeden Punkt gekämpft und  somit manchen Gegner geschlagen, der technisch eigentlich besser war als ich. 

Haben Sie einen guten Aufschlag?

Ich habe nie die Geschwindigkeit gemessen, aber er ist nicht schlecht.  Ich stelle mich so seitlich wie möglich an die Linie und gehe tief ins Kreuz. Gegen Hobbyspieler ist mein Aufschlag eine gute Waffe. In der Halle ziehe ich auch mal richtig durch, nach dem Motto: Roscoe Tanner für Anfänger. 

Haben Sie mit Psychotricks gearbeitet?

Nein, aber ich war ein bisschen abergläubisch wie alle Tennisspieler. Ich hatte meine Siegersocken und mein Siegerhemd und will nicht ausschließen, dass ich mal aus Versehen über einen Abdruck auf der Linie gerutscht bin, aber Ehrenwort: immer ohne Vorsatz. 

Gegen welchen anderen Spitzenpolitiker würden Sie gern mal spielen?

Ich habe vor Jahren mal mit Günther Beckstein und Wolfgang Bosbach gespielt. Mit dem Kabarettisten Django Asül habe ich mal bei einem Promi-Turnier in Nürnberg gegen Andrea Petkovic und Sabine Lisicki gespielt. Django ist richtig gut, da kann ich nicht mithalten. 

Wenn Ihr Verhältnis zu Horst Seehofer ein Tennismatch wäre, in welchem Satz befänden wir uns und wie stünde es?

Oje, das ist eine knifflige Frage. Sehr schwer zu beantworten, weil wir offiziell ja im Herren-Doppel antreten. 

Wie intensiv verfolgen Sie Profitennis?

Früher habe ich viel geschaut. Heute fehlt mir die Zeit. Als Ministerpräsident kann ich kaum mehr ein vierstündiges Grand Slam-Finale anschauen, das geht zeitlich selten. Dafür war ich vor einigen Jahren in Wimbledon beim Finale Djokovic gegen Federer. Djokovic gewann letztlich. Ein unglaubliches Erlebnis. 

„Tennis ist nicht nur ein Sport, sondern eine Kunst“, hat Erich Kästner geschrieben. Stimmen Sie zu?

Ja, weil es wenig Sportarten gibt, bei denen Geist und Körper so aufeinander abgestimmt sein müssen. Beim Tennis kommt es vor, dass einer den ersten Satz dominiert und im zweiten und dritten sang- und klanglos untergeht. Die Bewegungsästhetik ist beeindruckend. Schauen Sie sich mal einen Aufschlag in Zeitlupe an, dieser Bewegungsablauf ist so komplex, da kann man schon von einem Kunstwerk sprechen. 

Noch ein Kästner-Zitat: „Tennis ist ein Duell auf Distanz“, ähnlich einem Duell mit Pistolen, mit dem Unterschied, dass man nicht dahin schießt, wo der Gegner steht, sondern wo er nicht steht.

Stimmt, es ist ein klassisches Duell, und zwar ein ganz Besonderes, weil es kein Foul gibt. Beim Tennis berühren sich die Kontrahenten nicht, das ist einfach stilvoll. Man sieht sich, kämpft gegeneinander, geht beim Seitenwechsel aneinander vorbei, schaut sich vielleicht kurz an, aber es kommt nie zu einer Berührung, nur am Schluss beim Gratulieren. Tennis ist tiefsinnig, fast philosophisch, weil man ja nicht nur gegen den anderen antritt: Wenn die Sonne runterbrennt und der Sand vollkommen ausgetrocknet ist, aber die Hände nass und glitschig sind, dann kämpft man vor allem gegen sich selbst. 

Was haben Sie vom Tennis für die Politik, vielleicht fürs ganze Leben gelernt?

Dass man bis zum Schluss durchhalten muss. Dass man nicht aufgeben darf. Dass man, auch wenn es gerade nicht danach aussieht, immer gewinnen kann. Und dass man keine Angst vor großen Gegnern haben darf. 

Roger Federer sagt: „Es ist nett, wichtig zu sein, aber wichtiger nett zu sein.“

Umgangsformen spielen beim Tennis eine große Rolle. Man muss sich gegen eine Niederlage stemmen so lange es geht, aber wenn sie dann da ist, muss man höflich bleiben und Größe zeigen. Das hat schon was. Das schult den Charakter. Ich habe selten meinen Schläger geschmissen, das war nicht mein Stil.  

Über dem Spieler-Eingang zum Centre Court in Wimbledon steht ein Zitat des Dichters Rudyard Kipling aus dem Jahr 1895: „If you can meet with triumph and desaster/ and treat those two imposters just the same“, auf Deutsch: „Wenn du mit Sieg und Niederlage umgehen, und diese beiden Blender gleich behandeln kannst.“ Sind Sie in der Lage, Ihre sportlichen und politischen Siege als Blendwerk zu durchschauen? 

Ob ich das hinkriege, weiß ich nicht, aber eines steht fest: Die Dinge, die im Leben nicht so glatt laufen, prägen einen mehr als die Dinge, die leicht von der Hand gehen. Das Leben ist ein fortwährendes Spiel, man ist nicht im fünften, sondern im hundertsten oder zweihundertsten Satz. In guten Zeiten drücken einem viele die Daumen, entscheidend  ist aber, von wem man in schlechten Phasen Zuspruch bekommt. Das ist beim Tennis nicht anders als im Leben. Ich halte es mit Faust: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Ich suche immer meine Chance. Und wenn mich einer herausfordert, dann mache ich ihm das so schwer wie möglich.

Das Interview führte Tobias Haberl. 

Vita Markus Söder

Der CSU-Politiker (52) gehört seit 1994 dem bayrischen Landtag an. Seit 2007 führte er mehrere Ministerien (Bundes- und Europaangelegenheiten; Umwelt und Gesundheit; Finanzen, Landesentwicklung und Heimat). Seit dem 16. März 2018 ist der gebürtige Nürnberger Ministerpräsident von Bayern. Tennis spielt er, seit er 13 ist.