John Isner

Zum Umfallen: John Isner bejubelt seinen Erfolg beim Match über drei Tage auf Court 18. (22. bis 24. Juni 2010).

Reporter von Isner vs. Mahut: „Es war das erste Tennismatch, das ich kommentierte”

Ronald McIntosh feierte beim Wimbledonturnier 2010 seine Premiere als Tennis-Kommentator für den Fernsehsender BBC. Seine erste Partie, die er begleitete, war ausgerechnet das Rekordmatch zwischen John Isner und Nicolas Mahut. 

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 8/2020

Herr McIntosh, Sie haben das denk­würdige Rekordmatch zwischen John Isner und Nicolas Mahut beim Wimbledonturnier 2010 für die BBC kommentiert. Welche Gedanken hatten Sie vor dem Match? 

Es war ein äußerst bedeutsames Match für mich. Ich war zwar schon einige Jahre Sportkommentator mit dem Schwerpunkt Boxen und Leichtathletik, aber ein Tennismatch hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kommentiert. Wimbledon 2010 war also meine Premiere. Isner gegen Mahut war mein erstes Match überhaupt – ausgerechnet muss man im Nachhinein sagen. Auch wenn ich Tennis vorher noch nie kommentiert hatte, war ich sehr gut vorbereitet auf das Match und die beiden Protagonisten. Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht.  

Und dann passierte das Unfassbare. 

Die Partie wurde am Montag nach Ende des vierten Satzes wegen Dunkelheit abgebrochen. Ich war an diesem Tag schon beeindruckt von der Intensität des Matches und der Aufschlagleistung der beiden. Wir alle gingen davon aus, dass das Match am Dienstag in einer normalen Zeitspanne beendet werden würde. Aber es sollte ganz anders kommen. 

Der fünfte Satz, der am zweiten Tag zu Ende gespielt werden sollte, nahm kein Ende. Wann wurden Sie sich bewusst, dass Sie Teil von etwas Historischem im Tennis sein würden? 

Als sowohl Isner als auch Mahut ihre Aufschlagspiele meist ohne große Schwierigkeiten hielten, kam mir schon der Gedanke, dass es lange gehen könnte. Aber dass alleine der fünfte Satz das zuvor längste Tennismatch der Geschichte übertreffen würde, das war schwer vorstellbar. Das Interesse am Match in Großbritannien war zu diesem Zeitpunkt noch gering. 

Warum?

Parallel lief das letzte Gruppenspiel von England bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika, bei dem es für die Briten um alles ging. Erst als die Partie am späten Nachmittag zu Ende war und der fünfte Satz von Isner und Mahut immer weiter voranschritt, fokussierte sich das Interesse immer mehr auf Court 18 in Wimbledon. Dazu muss man wissen, dass sich dieser Platz direkt am Mediencenter befindet mit einer Dachterrasse, von der man das Spielgeschehen gut verfolgen kann. Court 18 ist eine Art Amphitheater. Alle Zuschauer im All England Club versuchten, einen Blick vom Spielgeschehen zu erhaschen. Und ich hatte einen Premiumsitz bei diesem unglaublichen Spektakel. 

Konnten Sie am zweiten Tag mit sieben Stunden Spielzeit essen oder auf Toilette gehen? 

Mein Co-Kommentator an diesem Tag war Greg Rusedski. Weder er noch ich haben die Kommentatorenbox in dieser Zeit verlassen. Wir haben uns von Wasser und Bananen ernährt. Beides wurde ständig nachgeliefert. Die Kommentatorenboxen in Wimbledon sind nicht wirklich geräumig. Greg Rusedski ist 1,93 Meter groß, ich 2,06 Meter. Es war also ziemlich eng während dieser vielen Stunden. Greg und ich haben um die minimale Beinfreiheit unter dem Tisch gekämpft, um Krämpfe zu vermeiden.  

Haben Sie während des fünften Satzes auf ein schnelles Ende gehofft oder wegen der Rekordbücher sogar auf einen noch längeren Satz?

Weder noch. Natürlich wurde man sich der Bedeutung des Matches während des fünften Satzes immer mehr bewusst, auch dass immer mehr Rekorde purzelten. Aber ich wollte nur absorbieren, was auf Court 18 gerade passierte, und in dem jeweiligen Moment verharren. 

Welche Sache im Match hat Sie am meisten fasziniert? 

Ich war vor allem sehr beeindruckt, wie Nicolas Mahut mit dem Druck umgegangen ist. Er musste im fünften Satz als zweiter servieren, während Isner zuvor jeweils Aufschlagwinner in Serie produzierte. Ich bewunderte die Resilienz von Mahut, seine mentale Stärke so viele Stunden dran zu bleiben und immer die passende Antwort gegeben zu haben. Das war eine erstaunliche Demonstration nicht nur der Physis, sondern auch der Koordination, des Spirits und des Willens. Das war unglaublich anzuschauen. Ich kann mich glücklich schätzen, all dies aus nächster Nähe gesehen zu haben. 

Durch das Match wurden Sie auch zu einer kleinen Berühmtheit. Was passierte genau? 

Als Kommentatoren sind wir es gewohnt, die Geschichte zu erzählen. Da es mein erstes Tennismatch war, das ich kommentierte, war das Interesse an meiner Person bereits vor Beginn des dritten und letzten Tages des Matches riesig. Das war eine ziemlich seltsame Situation für mich. Ich musste zahlreiche Interviews für TV, Radio und Zeitungen geben.  Dieses Match ging weit über die Tennisszene hinaus. Es wurde größer als Tennis oder Sport im Allgemeinen. 

Ein Jahr später ergab die Auslosung für Wimbledon 2011, dass Isner und Mahut erneut in der ersten Runde gegeneinander spielen sollten. Die Wahrscheinlichkeit hierfür lag bei 1:142,5. Haben Sie dieses Match auch kommentiert? 

Während die Auslosung in Wimbledon lief, habe ich Leichtathletik in Norwegen kommentiert. Ich erhielt einen Anruf vom BBC Radio, die mich zu der Auslosung befragt hatten. Ich dachte, es wäre ein Scherz. Erst als ich selbst die Auslosung sah, wurde mir klar, dass dies tatsächlich stimmt. Ich wurde gefragt, ob ich Isner gegen Mahut erneut kommentieren möchte. Und das habe ich wieder sehr gerne getan. Es ging übrigens schnell. Mahut siegte 7:6, 6:2, 7:6  in ungefähr zwei Stunden. Ich selbst schätze mich glücklich, seit dem Rekordmatch 2010 als Kommentator beim berühmtesten Turnier der Welt dabei sein zu dürfen.

John Isner, Ronald McIntosh

Marathonmänner: John Isner (2,08 Meter) traf Kommentator Ronald McIntosh (2,06 Meter) nach dem Match.

Isner gegen Mahut in Zahlen:

– 11:05 Stunden Spielzeit
– 70:68 endete der fünfte Satz
– 8:11 Stunden dauert der fünfte Satz
– 46:39 Stunden vergingen zwischen dem ersten und letzten Ballwechsel
– 980 Punkte wurden ausgespielt (Mahut 502, Isner 478)
– 215 Asse wurden geschlagen (112 von Isner, 103 von Mahut)
– 168 Aufschlagspiele in Folge ohne Break