Alexander Zverev

Alexander Zverevs Wimbledon-Aus: Die Analyse

Alexander Zverev hat in Wimbledon in der ersten Runde 6:4, 3:6, 2:6, 5:7 gegen den Qualifikanten und Weltranglisten-124. Jiri Vesely verloren. Die sportliche Pleite wird zusätzlich von einer irren Situation außerhalb der weißen Linien überschattet. Was läuft schief bei Zverev? Eine zufriedenstellende Antwort gibt es nicht. Dass er sich in einer Krise befindet, darüber gibt es keine Zweifel. 
Es hätte ein gemütlicher Nachmittag werden können. Auf Court 1, der in diesem Jahr noch einmal anders aussieht, weil er eine riesige, weiße Dachkonstruktion hat. 12.345 Sitzplätze hat der imposante Court, die Kapazität ist gegenüber früher noch einmal gestiegen. Aber das Dach hat keine Rolle gespielt. Wird es wohl auch in der ersten Woche nicht. Das Wetter – sehr gut, nicht zu heiß.

Match geht die Themse runter

Als Alexander Zverev gegen Jiri Vesely den ersten Satz gewann und dabei einen guten Eindruck machte, schien nichts die Stimmung zu trüben. Zverev gelangen ein paar Vorhandschüsse, die ein Raunen im Publikum zur Folge hatten. Er schlug gut auf, hämmerte bis Mitte des zweiten Satzes zwölf Asse ins gegnerische Feld. Dazu kamen zahlreiche Servicewinner. Einmal servierte er mit 142 Meilen pro Stunde, fast 230 km/h.

Doch ab 3:3 im zweiten Durchgang ging das Match – um im Bild zu bleiben – die Themse runter. Nach 2:31 Stunden hatte Zverev, die Nummer sechs der Setzliste, die Partie 6:4, 3:6, 2:6, 5:7 verloren – Aus in Runde eins. Chancen hatte er einige. Im vierten Satz nutzte er sechs Breakchancen nicht.

Man könnte argumentieren, gegen Vesely kann man verlieren. Der 25-jährige Tscheche mit dem ungewöhnlichen Wohnsitz in Ras Al Khaimah, Vereinigte Arabische Emirate, galt einst als Riesentalent. Er hatte drei Matches in der Quali, um Matchpraxis zu sammeln. Er ist groß, so groß wie Zverev. Schlägt gut auf, returniert gut. Als Linkshänder ist er ohnehin gefährlich.

Zverevs Gegner durchschauen sein Spiel 

Was dazu kommt: Die Gegner haben sich Zverevs Spiel ausgeguckt, wie es ein Szenekenner formuliert. Sie haben keine Angst vor ihm. Sie sehen, wie er spielerisch stagniert. Spielerische Entwicklung – Fehlanzeige. So sieht das die Szene.

Um 17.43 Uhr Ortszeit war das Match beendet. Gefühlt war Zverev fünf Minuten später in der Pressekonferenz. Aufgewühlt, die Stimme teilweise stockend. „Mein Selbstvertrauen ist unterhalb von null im Moment“, sagt Zverev. Nachfrage: Warum? „Weil ich dieses Jahr nicht viel gewonnen habe. So einfach ist das.“

Dass es keine normale Niederlage ist, wird schnell klar. War vorher schon klar, wenn er denn verlieren würde. Nimmt man diesen ersten Montag der All England Championships und die Niederlagen zuvor sowie die Nebengeräusche außerhalb des Courts ergibt sich ein fast düsteres Bild. Es zeigt einen Jungstar, der letzten November als Weltmeister noch der strahlende Held war, „the hottest thing in Tennis“, dessen aktuelle Karriere aber zumindest eine Delle hat. Wenn nicht mehr. Man muss wahrscheinlich eher von einer Krise reden.

Zverev: „Was gerade los ist, ist abartig”

O-Töne Zverev ungefiltert:
„Es ist kein einfaches Jahr für mich.“
„Ich werde es versuchen zu ändern.“
„Wenn man mit großen Champions redet, werden sie auch alle mal so ein Jahr haben.
Das ist ein Prozess und ich hoffe, dass ich da bald rauskommen werde.“
„Ich habe letztes Jahr das Jahr sehr, sehr schön beendet.

So etwas passiert dann einfach.“

Und dann plötzlich:

„Die letzten beiden Tage waren sehr hart.“
„Es geht um mein Leben.“

„Das hat mit dem Tennis nichts zu tun, auch nicht mit meinem Vater.“

Dann bricht es förmlich aus ihm heraus:

„Ich bin sehr wütend darüber. Jetzt schon.“

Und dann:

„Es ist einfach ein Mensch, der mit meinem Leben viel zu tun hatte in den letzten Jahren.“
„Er versucht jetzt, mein Leben so schwer wie möglich zu machen. Und extra vor solchen Turnieren wie hier.“

„Warum er das macht, können Sie ihn fragen.“

Und schließlich:

„Was gerade los ist, ist abartig.“

„Ich darf nichts Offizielles sagen, das ist einfach nur abartig.“

Dabei hält sich Zverev die Hände vors Gesicht, fährt fort:

„Es tut mir weh, das war ein Mensch, der sehr nahe an meinem Leben war. Ich dachte, wir sind Freunde. Ich dachte, wir sind eng. Nicht nur im Job.“

„Solche Dinge zu machen, die ich nicht verstehe. Warum? Weshalb? Wie man das machen kann?“

Und schließlich:

„Es gibt wieder Neuigkeiten, das können Sie sich nicht vorstellen?“

Viele Baustellen – sportlich und privat

Am Ende, da sind 4:15 Minuten im deutschen Teil der Pressekonferenz im „Main Interviewroom“ verstrichen, sagt er noch auf die Frage, wie es jetzt weitergeht: „Weiß ich nicht. Werde mir ein paar Tage frei nehmen. Wird irgendwo sein, wo mich keiner finden kann.“ Dann schwingt er die langen Beine unter dem Pult hervor und verlässt den Raum.

Für Außenstehende ist das, was er sagt, kryptisch. Wer aber im Thema ist, kann attestieren: Es gibt eine Reihe von Baustellen im Tennisleben, aber vor allem im richtigen Leben von Zverev. Was den einen oder anderen erstaunen mag, Zverev spricht seine wunden Punkte selbst an. Das macht ihn zerbrechlich, aber auch sympathisch. Er mag früher oft arrogant aufgetreten sein, jetzt wirkt er vor allem menschlich.

Das Interview in den Katakomben des Millennium-Gebäudes hatte phasenweise einen Touch von Gesprächstherapie. Zverev wollte etwas loswerden. Aus seiner Sicht muss sich die Tour für ihn, um es etwas überspitzt zu formulieren, wie ein Horrortrip anfühlen.

Rechtsstreit mit Manager Patricio Apey

Vor allem liegt es an „ihm“. Er, dessen Namen er nicht in den Mund nimmt. Er, der soviel mit Zverevs Leben zu tun hatte in den letzten Jahren: Patricio Apey, sein Ex-Manager, mit dem er schon monatelang im Streit ist.

Was in den zwei Tagen vor Zverevs Erstrundenniederlage vorgefallen war: Man weiß es nicht. Man kann es sich nur vorstellen. Es ist eine schmutzige Schlammschlacht. Zverev hatte Apey abserviert und der sinnt auf Rache. Will ihn nicht aus dem Vertrag lassen. Lässt ihm möglicherweise Schreiben per Anwalt zukommen. Macht ihm, wie Zverev es selbst formuliert hat, das Leben schwer.

Zverev sind die Hände gebunden. Er leidet. Und Apey? Steht in der Zeit, als Zverev sich den Frust von der Seele redet, auf dem Grün im Spielerbereich. Designeranzug mit Einstecktuch. Er parliert mit Tim Henman. Er lacht, ist sichtlich gut gelaunt. Ein kurzer Reporter-Reflex, ihn zur Rede stellen. Aber dann die Einsicht: Nein, er würde ohnehin nichts sagen. Er ist gerissener als Zverev.

Lendl und Zverev senior im Clinch?

Apey ist die größte Baustelle im Leben von Zverev. Eine andere heißt Lendl. Sein Trainer. Niemand redet offen über die Konstellation, die Beziehung zwischen dem Zauberlehrling Zverev und dem Supercoach Lendl. Als Lendl im Frühjahr bei den Sandplatzturnieren nicht dabei war, hieß es, er leide unter Heuschnupfen. Der wahre Grund dürfte sein: Lendl ist erstens exorbitant teuer. Den 5.000 Dollar-Tagessatz dürfte er überschreiten. Zweitens: Lendl und Vater Alexander Zverev senior mögen sich nicht. Dafür spricht auch, dass Zverevs Vater zurzeit in Hamburg weilt. Als Lendl im letzten Jahr seine ersten Rechnungen vorlegte, muss Zverev senior einen regelrechten Tobsuchtsanfall bekommen haben.

Bei der Pressekonferenz kamen noch zwei weitere Dinge zum Vorschein: Der Streit mit Apey schwelt schon lange. Und er brach in dem Moment aus, als alle eigentlich happy sein sollten. Nämlich als Zverev in London – wieder London, nur 17 Meilen entfernt, so schließt sich der Kreis – zum ATP-Weltmeister gekürt wurde.

Wie es dazu kommen konnte, wurde Zverev gefragt. Seine Antwort: „Weil nach dem Erfolg kommt seine Arbeit. Da kommen viele Dinge dann raus.“ Im Klartext heißt das: Der Manager hat aus Sicht von Zverev und dessen Familie keine gute Arbeit gemacht. Nicht die großen Sponsoren an Land gezogen. Nicht ein Image geschaffen.

Spielt Zverev in Hamburg?

Was auch noch zu Tage trat: Zverev wird dieses Jahr nicht in Washington starten, dem Turnier vor den US Open, das er in den letzten beiden Jahren jeweils gewann. Warum nicht? „Die Turnierorganisatoren sind andere. Es gibt einen neuen Besitzer. Aus irgendeinem Grund mag er mich nicht besonders“, sagt Zverev. Die Geringschätzung dürfte sich in Form eines niedrigen Angebotes beim Antrittsgeld ausgedrückt haben.

Man möchte Zverev zurufen: Spiel in Hamburg, da, wo deine Wurzeln sind. Sand ist dein bester Bodenbelag, das hast du bei den French Open trotz schwieriger Umstände bewiesen. Hol dir in deiner Heimatstadt vor deinen Freunden dein Selbstbewusstsein zurück und reise gestärkt zu den US Open!

Über das letzte Grand Slam-Turnier der Saison sagt Zverev: „Ich habe immer gesagt, die US Open in diesem Jahr könnten das Turnier sein, bei dem mir bei den Grand Slams der Durchbruch gelingt.“ Es wird spannend sein, die Zverev-Story weiter zu verfolgen.