Mutua Madrid Open – Day Seven

MADRID, SPAIN - MAY 05: Benoit Paire of France reacts during his second round match against Stefanos Tsitsipas of Greece during day seven of the Mutua Madrid Open at La Caja Magicaon May 05, 2021 in Madrid, Spain. (Photo by Clive Brunskill/Getty Images)

Benoit Paire: Enfant Pairible

Hitzkopf Benoit Paire: Er verhält  sich unmöglich, hat aber trotzdem seine Fans. Die Sandplatzgötter ergründen das Phänomen genauer

Benoit Paire im ersten Halbjahr 2021 bei der Arbeit oder vielmehr bei der Arbeitsverweigerung zuzusehen, war nichts für schwache Nerven. Auch für das seinen ­Launen direkt ausgesetzte Platzpersonal gab es keinesfalls vergnügungssteuerpflichtige Momente: Spuck­attacken in Buenos Aires, Pöbeleien und Demütigungen der Balljungen in Rom. 

Paire hatte sich aufgrund der coronabedingten Auswirkungen aufs Profitennis in eine Art bockige Verweigerungshaltung geflüchtet und garnierte diese mit einer gehörigen Portion Arroganz und Ignoranz. Etwa wenn er die systembedingten Ungerechtigkeiten der Rangliste nach „Corona-Regeln“ anprangerte, diese jedoch gleichzeitig auf seine Art ausnutzte: Mit Bart, aber ohne Motivation reiste er durch die Welt und präsentierte – allen Niederlagen zum Trotz – seine durchaus stattlichen Wocheneinkünfte über die sozialen Medien. Höhepunkt war ein Tweet,  in dem er tönte: „Am Ende lohnt es sich, schlecht zu sein“. Dazu postete er einen Screenshot seines Karriere-Preisgelds von mehr als 8,5 Millionen Dollar.  

Benehmen ist Glückssache

Nun muss man nicht nur in diesen ­Zeiten vorsichtig mit schnellen Verurteilungen der mentalen Verfassung von Profisportlern sein. Bei Paire hat sich allerdings über die Jahre herauskristallisiert: Benehmen ist Glückssache und glücklich ist Paire offensichtlich nur, wenn die Rahmenbedingungen ihm Spaß am Spiel verschaffen. Die Aussicht auf großen sportlichen Erfolg, die bei anderen Charakteren auch unter ungeliebten Bedingungen profihafte Motivation erzeugt, löst beim Mann mit dem hochgestellten Polohemd-Kragen (in Zeiten ohne Motivation und ohne Sponsor auch ersatzweise mit T-Shirt vom Wühltisch) dagegen wenig bis nichts aus. Er spielt im Wortsinn amateurhaft: aus Liebe zum Spiel. Ist diese weg, wird es schwierig bis schwer erträglich. Für ihn und andere. 

Anders als bei Nick Kyrgios, bei dem ja immer noch die ­(wenigstens theoretische) Möglichkeit im Raum steht, dass er sich in einem Mix aus Nutzen des spielerischen Potenzials und abklingender Adoleszenz zum großen Wurf aufrafft, ist da der TGV bei Paire längst abgefahren. Spielerisch gibt es beim ­Franzosen trotz aller Highlight-Reel-tauglichen Momente viel zu viele Phasen der fehlerbehafteten Tristesse. Und das mit dem Erwachsenwerden wird bis zum Karriereende – wenn überhaupt irgendwann – eher auch nichts mehr. 

Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit

In Frankreich hat man das mal anders gesehen. 2013 prognostizierte die im Sportbereich ja nun nicht komplett inkompetente L‘Equipe für Benoit Paire den Weltranglistenplatz 2 (!) im Jahre 2018. Wahrscheinlich hatten die Sportjournalisten die Hoffnung, dass aus den 1.000 mentalen und spielerischen Puzzle­teilen Paires irgendwann das perfekt ineinandergreifende große Ganze entstehen muss. Mittlerweile ist jedem klar: Mindestens das Puzzleteil „Vorhand“ war von Anfang an nicht im Karton und wurde auch nie nachgeliefert.

Genau diese Unvollkommenheit macht Paire aber auch zur Identifikationsfigur für Tennis-Touristen mittleren Alters auf dem Niveau der Sandplatzgötter. Niemand im Profibereich verkörpert so sehr diese enorme Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit und die persönliche mentale Tragödie, die daraus entsteht, wenn ein bestimmter Schlag alle Schaltjahre mal im Augen-zu-und-drauf-Modus ein traumhaftes Ergebnis erzielt. Im Normalfall aber in Drucksituationen immer erster Kandidat dafür ist, technisch komplett in sich zusammenzubrechen. Niemand steht so sehr für den großen Drang, praktisch jeden Rückhandvolley zu einem Stopp mit so viel Drall zu verwandeln, dass er im besten Fall direkt über das Netz zurückspringt.

Das ist zwar nicht mit der Idee von Prozent­tennis zu vereinbaren, die ausschweifende Schilderung des ­einen gelungenen Versuchs danach an der Clubhaus-Theke beim Belohnungsbier entschädigt aber für alle fahrlässig verlorenen Punkte. Nur etwas anständiger benehmen als Benoit müssen wir uns auf dem Court vorher dann schon, wenn wir danach auch weiterhin ein Pils ausgeschenkt bekommen wollen.


  1. Sam

    Liebe Sandplatzgötter,
    wenn ich Beiträge wie diese lese, frage ich mich immer, wie perfekt muss ein Profisportler denn sein? Profisport ist ein Beruf, wie jeder andere, wie Jurist, Lehrer oder Journalist. Warum müssen alle Sportler immer an den Top 10 gemessen werden? Sollen wir anfangen auch unter den Profi Journalisten eine Weltrangliste einzuführen und alle Befindlichkeiten haarklein in den Medien kommentieren? Was ist denn mit euren Fähigkeiten? Bekommt Ihr auch immer für jeden Artikel eine Eins? Ist eure „Vorhand“ oder euer „Aufschlag“ auch wie bei Nadal oder Federer? Oder darf man euch eher mit Lokaljournalisten vergleichen?

    Warum seid Ihr nicht etwas netter zu Menschen die einfach ihren Job machen? Niemand ist immer nur gut drauf, aber es gibt immer Menschen, die den Mut haben, darüber zu sprechen, wen etwas nicht passt, ohne andere dafür zu beurteilen.
    Dass die Leistung darunter leidet, ist nicht nur im Sport so. Und was macht Ihr, Ihr legt noch eine Schippe drauf. Was ist das für eine Haltung?
    Schöner wäre es, man würde an eurer Stelle mehr Motivationsarbeit betreiben und den Menschen einen „normalen“ Profisportler zeigen. Und das ist auf keinem Fall jemand aus den Top 100 sondern jemand aus den unteren Reihen, der hart trainiert und dennoch steht ihm oft vieles im Wege, was sich nicht mal eben abtrainieren lässt, wie mentale und psychische Probleme.

    Warum muss ein Profisportler einen Vertrag mit einem Sponsor haben?
    Warum darf es nicht ein einfaches, günstiges T-Shirt sein?
    Warum ist das schon ein Grund für euch sich darüber lustig zu machen – „Wühltisch“
    Wenn das Profijournalismus ist…


Schreibe einen neuen Kommentar