2019 French Open – Day Fourteen

Kevin Krawietz & Andreas Mies: Perfekter Paarlauf in Paris

Als erstes deutsches Doppel in der Open Era gewinnen Kevin Krawietz und Andreas Mies ein Grand Slam-Turnier. Ihr Sieg in Paris zeigt: Es gibt sie doch noch, diese unfassbaren Tennismärchen.

Niemand, der sich für Tennis interessiert und zugeben muss, dass er die Namen Kevin Krawietz und Andreas Mies noch nie in seinem Leben gehört hat, muss sich nun schämen. Ganz ehrlich: Krawietz und Mies waren bislang nur den Nerds der Szene ein Begriff. Das ist nicht abwertend gemeint. Sondern es liegt in der Natur Sache: Als Doppelspezialisten, die rund um Weltranglistenplatz 50 stehen, genießt man keine erhöhte Aufmerksamkeit.

Das dürfte sich nach ihrem irren Triumph in Paris nun ändern. Sie werden jetzt TV-Auftritte haben, lange Interviews geben und immer wieder werden sie erklären müssen, wie ihr Sensationslauf in Roland Garros möglich wurde. Denn nichts anderes ist das: eine Sensation – auch wenn dieser Begriff im Sport mittlerweile gerne bei jeder Kleinigkeit benutzt wird.

Krawietz und Mies – in Kurzform #KraMies

Krawietz/Mies, die sich selbst den Teamnamen #KraMies gegeben haben, sind das erste deutsche Doppel in der Open Era, das ein Grand Slam-Turnier gewinnen konnte. In Paris siegten zuletzt 1937 Gottfried von Cramm und Henner Henkel. Das ist jetzt 82 Jahre her! Die letzte deutsche Paarung, die es bis ins Finale von Paris schaffte, waren David Prinosil und Marc-Kevin Goellner 1993 – das ist 26 Jahre her. Das, was Samstagabend auf dem Court Philippe Chatrier geschah, ist nichts weniger als ein Tennismärchen. Und es ist wunderbar, dass die Hauptfiguren zwei deutsche Profis sind, die bisher nur die Wenigsten überhaupt auf dem Schirm hatten.

Wie sie sich im Finale gegen das französische Duo Jeremy Chardy und Fabrice Martin durchsetzten, war eine Demonstration von Spielwitz, taktischem Verständnis und im Doppel so wichtigen Instinkten. Es wurde aber auch deutlich: #KraMies ist keine reine Zweckgemeinschaft. Da spielten zwei Kumpels zusammen, die sich gegenseitig zu einer Höchstleitung antrieben, sodass die Doppelfans vor dem Fernseher (Eurosport zeigte das Doppelfinale zum Glück live!) vor Entzücken oft laut aufschreien mussten.

Das Erstaunliche: Die beiden Deutschen zeigten null Nerven – obwohl es erst ihr zweiter gemeinsamer Auftritt auf der großen Grand Slam-Bühne war. Sie spielten zum ersten Mal in ihrer Karriere auf einem so großen Court wie dem Chatrier, erhielten internationale TV-Coverage und hatten das französische Publikum gegen sich. Doch selbst als der zweite Satz in einem Tiebreak mündete, die Franzosen stärker und das Fans lauter wurden, spielten sie die einzelnen Punkte ohne einen Wackler runter – als würden sie gerade irgendein Doppel auf einem Challenger-Event nach Hause bringen müssen. Dort, in der zweiten Liga der Profitour, waren Kevin Krawietz und Andreas Mies lange unterwegs.

Aufschläge mit knapp 200 Stundenkilometern, blitzschnelle Reaktionen vorne am Netz und zart hingehauchte Flugbälle mit sagenhafter Spielübersicht – selten hat man zwei Debütanten derart souverän ein so großes und wichtiges Match abschließen sehen. Ihr Auftritt war Werbung für das Doppel.

„Doppel ist zweite Geige“

Einschränkend muss man aber auch einfügen: Es war eben nur das Doppel. Auf der Tour hat Doppel das Image eines netten Nebenschauplatzes: sportlich durchaus spektakulär, aber längst nicht so wichtig wie das Einzel – „nice to have“ eben. Tim Pütz, ein anderer deutscher Doppelspieler, sagte jüngst der Süddeutschen Zeitung: „Doppel ist zweite Geige. Die wenigsten Leute kommen zum Zuschauen wegen des Doppels. Für das Wachstum des Tennissports ist Doppel nicht sehr wichtig. Wenn es das Einzel nicht gäbe, gäbe es das Turnier nicht. Das muss allen klar sein.“

Natürlich sollten Kevin Krawietz und Andreas Mies solche Gedanken jetzt ziemlich egal sein. Sie sind French Open-Champions, Grand Slam-Sieger. Wie das für sie klingen muss? Noch vor wenigen Monaten, als sie in New York ihren ersten ATP-Titel holen konnten, erzählten sie von ihrem Traum, bei den Grand Slam-Turnieren überhaupt mitspielen zu können. Jetzt haben sie glatt eines davon gewonnen und dafür die mit Abstand dickste Börse ihrer Karriere eingestrichen – 580.000 Euro!

Das Schönste wäre jetzt, wenn die beiden durch ihren perfekten Paarlauf in Paris das Doppel ein wenig aus seiner Nische ziehen könnten. Dass Tennisspieler, die sich am Wochenende für ein Punktspiel auf den Platz stellen, gar nicht erst darüber nachdenken, die Doppel abzuschenken, nur weil die Partie nach den Einzeln schon entschieden ist. Dass man sich auch mal zum Doppel verabredet und nicht immer nur zum Einzel, weil es einfach eine ganz andere, spannende Tennisvariante ist.

Doppel, das konnte man am Samstagabend von Kevin Krawietz und Andreas Mies in höchster Vollendung bewundern, ist eine Bereicherung für den Tennis-Kosmos. Allein, dass dieser Gedanke nun wieder einigen Fans und Spielern bewusster wird, ist der Verdienst von #KraMies – danke dafür.

 

 


  1. Thomas

    In Paris siegten zuletzt 1937 Gottfried von Cramm und Christian Kuhnke.“ Diesen Satz bitte noch einmal Korrektur lesen. Kleiner Tipp: Christian Kuhnke war 1937 noch nicht einmal auf der Welt.


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