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Mail aus Frankfurt: Ein starkes Davis Cup-Debüt!

Man neigt häufig zu überschwänglicher Berichterstattung nach dramatischen Matches. Ganz besonders dann, wenn man die Emotionen der Spieler und Fans hautnah miterleben und eine Partie über knapp viereinhalb Stunden aus der ersten Reihe, direkt vom Platzrand, beobachten durfte. Jan-Lennard Struff hat nach seinem Davis Cup-Debüt jede Lobeshymne verdient – völlig nebensächlich ist es dabei, dass es am Ende doch nicht zur Sensation reichte und er, der Weltranglisten-74., Gilles Simon, Nummer 14, nach einem phasenweise grandiosen Spiel 6:7, 6:2, 7:6, 2:6, 8:10 unterlag.

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Starke Vorhand-Peitsche: Jan-Lennard Struff.

Ihm gebührt die Anerkennung vor allem deshalb, weil er von der ersten bis zur letzten Sekunde aufopferungsvoll kämpfte, mutig spielte, kein Risiko scheute – und man dabei zu keinem Zeitpunkt das Gefühl bekam, Struff würde übermäßige Nervosität verspüren. Tiefenentspannt wirkte er in den meisten Phasen der Partie, fast so, als würde er ein Trainingsmatch zuhause im Westfälischen Tennis Verband absolvieren. Cool, cooler, Struff.

Ein Typ wie Marc-Kevin Goellner

Ein wenig erinnert der 24-Jährige optisch wie spielerisch an Marc-Kevin Goellner in jungen Jahren – Bubi-Face, die Cap verkehrt herum auf dem Kopf. Ein krachender Aufschlag (auch im fünften Satz servierte Struff teilweise noch bis zu 210 km/h) und eine Vorhand-Peitsche mit extremem Topspingriff. Einzig die Rückhand ähnelt nicht der des früheren „Baby-Bum-Bum“, wie sie Goellner nannten. Denn die spielt Struff beidhändig – mit ähnlich starker Power wie die Vorhand. Gilles Simon schwärmte nach der Partie sogar von „einer wundervollen Rückhand“ seines Kontrahenten.

Kein Charismatiker – aber ein Hoffnungsträger

Als Struff eine gute Dreiviertelstunde nach dem Match zur Pressekonferenz erscheint (diesmal trägt er die Cap mit dem Schirm nach vorn), formuliert er nüchtern und sachlich. „Natürlich war ich vor dem Match nervös, aber ich konnte es schnell ablegen“, erzählt er. Glückwünsche für eine starke Leistung wolle er nicht entgegen nehmen. „Ich bin enttäuscht, dass ich heute keinen Punkt holen konnte“, sagt er. „Klar bin ich froh, ein gutes Match gespielt zu haben, aber die Enttäuschung überwiegt.“ Man spürt, dass die Niederlage an ihm nagt – trotzdem wirkt er souverän und innerlich aufgeräumt. Klar ist: Ein Charismatiker ist er nicht, dieser Jan-Lennard Struff. Er ist keiner, der nur durch seine Ausstrahlung Respekt verbreitet, keiner, der unterhaltsame und witzige Pressekonferenzen gibt. Und trotzdem tut er dem deutschen Davis Cup-Team gut. Weil er Hoffnung verbreitet, dass das deutsche Herrentennis auch nach der Ära Haas/Kohlschreiber nicht völlig im Nirvana verschwinden wird.

Was bleibt von dieser Partie? Die Erkenntnis, dass Jan-Lennard Struff einer für die Zukunft des deutschen Davis Cup-Teams ist – ach was, einer für die Gegenwart! Man wünscht sich – für ihn, aber auch für das deutsche Tennis allgemein –, dass er auf der ATP-Tour künftig ähnlich starke und konstante Leistungen zeigen kann. Dass er über das Potenzial für die erweiterte Weltspitze verfügt, ist spätestens seit heute klar.