Next Gen ATP Finals

Mail aus Mailand: „Quiet please” war gestern

Bei den Next Gen ATP Finals in Mailand gibt es die „Free Movement Policy“ für die Zuschauer. Störgeräusche im Tennis nehmen immer mehr zu. Die Spieler müssen sich damit wohl oder übel arrangieren.

Kennt Ihr die Roditi-Regel? Wenn ja, dann gehört ihr tatsächlich zu den Tennisfreaks. Die Roditi-Regel existiert in der Tennis-Wettkampfliga von zehn US-Colleges, der „Big 12 Conference“. Benannt ist sie nach ihrem Erfinder, David Roditi, einem Tennistrainer an der Texas Christian University.

Zwischenrufe ausdrücklich erwünscht

Roditi wollte mit der Tennis-Etikette brechen. Um den Zuschauerschwund zu bremsen und mehr Aufmerksamkeit zu generieren, beschlossen die US-Colleges im Jahr 2015 eine neue Regel: Zwischenrufe sind während der Matches im Gegensatz zum normalen Tennisbetrieb nicht verpönt, sondern aus Unterhaltungszwecken ausdrücklich erwünscht. „Tennis hat so eine bestimmte Vorstellung von sich. Du musst ruhig sein und Erdbeeren mit Sahne essen. Ich mag das nicht“, erklärte Roditi.

Doch die Regel hat ihre Grenzen. Obszönität, Anstößigkeit und beleidigende Kommentare werden nicht geduldet, ebenso das Reinrufen und Stören während der Ballwechsel. „Bei der Regel geht es nicht um Störaktionen und respektlos gegenüber den Athleten zu sein. Es geht um Fanbeteiligung und dem Aufbau einer breiteren Fanbasis“, erzählte der Erfinder.

Ständiger Lärmpegel ist normal

Bei den Next Gen ATP Finals in Mailand geht es ebenfalls laut zu. Möglich macht dies die „Free Movement Policy“. Die Zuschauer dürfen sich während des Matches jederzeit im und außerhalb des Stadions frei bewegen – mit Ausnahme von Bereichen direkt hinter der Grundlinie. Lange Wartezeiten für Zuschauer, die nach Satzende drei Spiele lang auf Einlass warten müssen, fallen somit weg. Daniil Medvedev, der gegen Karen Khachanov das Eröffnungsmatch bestritt, hatte mit dieser Regelung zu kämpfen. „Was ich bei den neuen Regeln überhaupt nicht mag, ist die Sache mit den Zuschauern. Sie können hier gehen, wann sie wollen. Normalerweise dürfen sie nicht reden, aber wenn sie gehen dürfen, gibt es einfach viele Geräusche“, erklärte der 21-jährige Russe hinterher.

Medvedev muss sich aber damit arrangieren, dass „Quiet please“ eine Sache von gestern ist – zumindest in Mailand. Allerdings: Die Lautstärke in den Zuschauerrängen wird in Zukunft – auch bei „regulären“ Turnieren – weiter zunehmen. Das liegt auch daran, dass vielen Zuschauern, vor allem Jugendlichen, das lange Stillsitzen immer schwerer fällt. Störgeräusche im Tennis sind ohnehin gang und gäbe, vor allem für Spieler, die regelmäßig auf Außenplätzen spielen. Äußere Einflüsse wie Durchsagen über Lautsprecher, Musik und Jubel von den Hauptplätzen oder Zuschauer, die Courthopping betreiben und während der Ballwechsel hin- und herlaufen, sind an der Tagesordnung.

Wirklich ruhig geht es bei Tennismatches schon lange nicht mehr zu. Bei den US Open herrscht ein ständiger Lärmpegel, dem die Spieler ausgesetzt sind. Die Profis werden mit dieser Veränderung leben müssen. Und: So schlimm kann es letztlich  nicht sein. An das exzessive Stöhnen der Gegner hat sich mittlerweile auch jeder gewöhnt.

Ob die Turnierverantwortlichen allerdings soweit gehen, die „Roditi-Regel“ ins Profitennis zu implementieren, ist eher unwahrscheinlich – auch wenn mit der „Free Movement Policy“ in Mailand ein erster Schritt in diese Richtung gegangen wurde.