2018 French Open – Day Four

Mail aus Paris: Der geduldige Zverev

Er spielte nicht sein bestes Tennis. Er litt, er schrie, er verzweifelte, aber Alexander Zverev biss sich durch und bezwang Dusan Lajovic nach 3:24 Stunden mit 2:6, 7:5, 4:6, 6:1, 6:2. Der tennis MAGAZIN-Reporter erlebte die Partie in der Stierkampfarena und konstatiert: ein imponierender Sieg, ein Triumph der neuen Reife.



Der Platz fast am Rand  der Anlage in Roland Garros ist berühmt. Er ist einmalig in der Turnierszene – Court 1, die Stierkampfarena. Im Englischen Bullring genannt. Das klingt martialischer, mehr nach Kampf. Nach Drama. Nach Blut, Schweiß und Tränen.

Blut und Tränen gab es nicht, aber jede Menge Schweiß. Nüchtern betrachtet, war es ein Arbeitssieg für Alexander Zverev, dieses 2:6, 7:5, 4:6, 6:1, 6:2 nach rund dreieinhalb Stunden am Mittwochnachmittag gegen den Serben Dusan Lajovic, die Nummer 60 der Welt. Aber eigentlich war es viel mehr.

Zverev mit dem „Mindset“ für mehr

Es war der Beweis, dass Zverev unter schwierigen Bedingungen fünf Sätze in Paris durchstehen kann – bei seinen drei Starts davor, musste er nie über die volle Distanz spielen. Dass er, wie Mats Wilander es im tennismagazin.de-Interview formuliert, das passende „Mindset“ hat für höhere Weihen. Aber Zverev ist klug genug zu wissen, dass ihm nichts zufällt. Hört man sich bei den Experten im Roland Garros um, geraten alle – und das ist keine neue Erkenntnis – ins Schwärmen. Dass er die Nummer eins wird – nur eine Frage der Zeit. Dass er viele Majors gewinnen wird – keine Frage.

Aber wer auf Court 1 Zeuge des Spektakels in Runde zwei dieser 117. French Open war, bekommt einen anderen Eindruck: Es sagt sich viel zu leicht daher. Es ist ein verdammt weiter Weg zu all den prognostizierten Meriten. Zverev musste hunderte Bälle schlagen. Er rutschte aus und war dreckig wie ein Kind, das im Sandkasten spielt. Er schrie und er haderte, er kämpfte und verzweifelte. Er spielte schlecht, aber er fand  Lösungen.

Die letzten beiden Durchgänge suggerieren, dass es am Ende ein Spaziergang war. Es war eher wie ein Boxkampf, bei dem der eine (Lajovic) ein bisschen erschöpfter als der andere (Zverev) ist. In der Analyse sagt Zverev: „Die letzten beiden Sätze habe ich mich gut auf dem Platz gefühlt.“ Mag sein. Weil der Rhythmus da war. Aber platt war er schon.

Nach 44 Minuten flog der Schläger zum ersten Mal

Zverev begann nicht gut. Nach 40 Minuten der erste Schrei auf russisch. Nach 44 Minuten flog der Schläger zum ersten Mal. Dann das Anfeuern durch die Kinder auf den Rängen – am Kids Day skandierten sie „Zverev, Zverev“. Es nützt nichts. Zverev verliert den Satz, kassiert ein Break zum 1:2 im zweiten Durchgang. Wieder fliegt der Schläger und es klingt, wie es nun einmal klingt, wenn etwas bricht. Den Rest gibt Zverev dem Spielgerät auf dem Weg zur Bank.

Später wird er gefragt, ob es etwas Erlösendes hatte. Zverev hat manchmal die Fähigkeit, Dinge ganz einfach auf den Punkt zu bringen. Er überlegt kurz und antwortet: „Ich habe den zweiten Satz gewonnen – es hat funktioniert.“

Eineinhalb Sätze fand die Nummer drei der Welt, der an Position zwei Gesetzte, kein Rezept. Aber: Nach dem er sein Racket zerstört hatte, blieb er ruhig. Er spielte nicht berauschend, aber er wartete auf seine Chancen und gewann den Satz. Wenn es eine Fähigkeit gibt, die ein Champion in spe haben muss, dann die: geduldig sein, warten können, Treffer hinnehmen, Rückschläge verkraften. Es ist ein bisschen wie bei einem Kartenspiel: Irgendwann bekommt man gute Karten. Irgendwann läuft es wieder.

Lajovic mit einem tollen Service-Mix

Nach dem Satzausgleich hätte das Drehbuch so aussehen können, dass Zverev, der Favorit, jetzt davonzieht. Aber Lajovic spielte stark und Zverev hatte immer noch nicht seinen Rhythmus gefunden. Was auch am Serben lag. Er kann den Aufschlag hervorragend mixen. Mal schlägt er erste Aufschläge mit 130 km/h per Kick und treibt Zverev an die Banden. Mal serviert er humorlos durch die Mitte. Was mag Zverev gedacht haben? Dass der Platz zu klein für einen wie ihn, einen fast Zwei-Meter-Mann ist? Dass hier auf dem Court 1, den sie nach dem Turnier abreißen und durch eine Grünfläche ersetzen, seine Reise zu Ende geht? Wieder einmal früh bei ein Grand Slam-Turnier.

„Nein, so denken wir nicht. Wir versuchen, Spiele zu gewinnen, Punkt für Punkt“, sagt Zverev später. In die Gedankenwelt der Spieler würden Journalisten zu viel hineininterpretieren. Mag sein. Andre Agassi hat einmal gesagt, niemand ist so einsam auf dem Platz wie ein Tennisspieler. Keine Ahnung, ob auch Zverev einsam war in den Stunden in der Stierkampfarena.

Lajovic führte 2:1-Sätze und war unter dem Strich der bessere Spieler. Der Serbe spielte vorzügliches Sandplatztennis. Aber irgendwie kam die Wende. Nicht plötzlich, sondern schleichend. Wer direkt am Spielfeldrand sitzt, kann wunderbar beobachten, wie sich eine Partie dreht. Der eine wird ein bisschen müder, der andere einen Tick zuversichtlicher. Die Gewichte verschieben sich. Ganz langsam, aber unaufhaltsam.

Zverev: „Versuche, Grand Slams zu genießen“

Zverev wurde immer besser, auch wenn es ein zähes Ringen war. Am Ende blieb das Drama aus. Als der Deutsche mit Doppelbreak im fünften Satz führt, weiß er, dass das Rennen gelaufen ist. Beunruhigt sei er nie gewesen. Er wird sagen: „Wenn man 1:2-Sätze zurückliegt, ist das so, als würde man bei einem Drei-Satz-Match einen Satz zurückliegen.“ Mit dem Unterschied allerdings, dass man bei einem Five-Setter in der Regel länger auf dem Platz steht und die körperliche Fitness einen höheren Stellenwert bekommt.

20 Minuten nach dem Match sitzt Sascha im großen Presseraum, wirkt entspannt, cool, grinst viel, sagt: „Ich versuche, die Grand Slams so viel wie möglich zu genießen.“ Am Freitag spielt er gegen den Bosnier Damir Dzumhur um den Einzug ins Achtelfinale. Es scheint bereit zu sein, noch viele Schritte zu gehen. Anders kann man eine seiner finalen Aussagen nicht deuten: „So ein Match braucht jeder, um durchzukommen.“

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