John Isner, Nicolas Mahut

Größte Pleite in der Geschichte: das Drei-Tage-Match zwischen John Isner und Nicolas Mahut in Wimbledon 2010.

Mental stark im Tennis – Der Umgang mit Niederlagen

Nicht gesiegt? Ist halb so wild. Man muss nur damit umgehen können, meint unser Kolumnist Michael Berrer.

Jetzt, wo die Plätze bald wieder aufmachen werden, kommt zwangsläufig ein Thema auf uns Tennisspieler zu, mit dem wir umgehen müssen: Niederlagen. Und damit auch die Frage: Wie geht das? Gerade zu Saisonbeginn wird es Rückschläge geben. Das Gefühl ist nicht da, die Rückhand sitzt nicht. Was Amateure jetzt erleben, ist ein bisschen vergleichbar mit dem Season Break der Profis. Man ist einen längeren Zeitraum ohne Matches. Der Touch ist weg, wenn es wieder losgeht. Ich weiß noch, wie meine ersten Turniere zum Start einer Saison in Doha, Brisbane oder Chennai verliefen. Man ist hölzern, verkrampft.

Die drei A’s: akzeptieren, analysieren, abhaken

Entscheidend ist die eigene Erwartungshaltung. Man muss akzeptieren, dass man nicht in Bestform ist. Man darf sich davon nicht entmutigen lassen, sondern muss es als Chance sehen. Nehmen wir an, Sie spielen ein Trainingsmatch mit Ihrem Kumpel. Der Aufschlag kommt nicht, die Rückhand landet im Zaun. Sie sollten dann Folgendes machen: beim Service über die Quote kommen, aggressive zweite Aufschläge spielen. Suchen Sie sich bei der Rückhand größere Ziele. Spielen Sie mutig durch die Mitte oder holen Sie Ihren Slice aus der Tasche. Sie verlieren trotzdem? Dann treten die drei „A“ in Kraft: akzeptieren, analysieren, abhaken. Die gute Nachricht bei Niederlagen: Wir Tennisspieler verlieren meistens. 

Bei einem Grand Slam-Turnier gibt es 127 Verlierer. Bei einem Major ist schon am Mittwoch der ersten Woche die Hälfte draußen. Das heißt: Mit Niederlagen umzugehen, ist part of the game. Die andere gute Nachricht: Eine neue Chance kommt schnell wieder. Bei dem Profi das nächste Turnier, bei Ihnen die Revanche mit dem Kumpel am nächsten Abend.  

Die Matchanalyse können Sie mit dem Trainer, dem Spielpartner oder alleine machen. Das funktioniert manchmal sogar im Auto, wenn Sie nach Hause fahren: Was habe ich gut gemacht? Woran muss ich arbeiten? Was genau sollte ich trainieren? Und danach heißt es Üben, Üben, Üben. Das kann man auch im Match tun. Denn Matches machen am meisten Spaß. Seien Sie sich nicht zu schade, auch den Gegner (im Idealfall ein Freund) zu fragen, wie er Ihr Spiel beobachtet hat. Der Blick von außen hilft immer. 

Von Nicolas Mahut lernen

Spielen Sie lieber „Elfer“ von der Grundlinie? Auch gut. Nur: Spielen Sie „Zehner“. Bis zehn spielt man auch im Champions Tiebreak. Das Gehirn speichert diese „Ziellinie“ ab. Es ist besser für das Mindset. Und: Setzen Sie sich Ziele – eine höhere LK erreichen oder in der ersten Mannschaft zu spielen, können Beispiele sein. Der Fokus auf die eigenen Ziele treibt einen an, wenn die Motivation nach Niederlagen im Keller ist. 

Stellen Sie sich vor, wie sich Nicolas Mahut bei der wahrscheinlich größten Niederlage in der Historie, beim 68:70 im fünften Satz gegen John Isner in Wimbledon 2010, gefühlt haben muss. Er ist damit bemerkenswert umgegangen. Danach gewann er vier Grand Slams im Doppel und war in dieser Disziplin die Nummer eins! 

Michael Berrer

Michael Berrer: Der Stuttgarter war die Nummer 42 der Welt, studierte Sportpsychologie. Arbeitet heute als Unternehmens- und Sportcoach.

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