Nick Kyrgios

­Nick Kyrgios: Grosse Show zum ­Selbstschutz?

Über Nick Kyrgios streiten sich die Fans. Die Sandplatzgötter ­versuchen lieber das ­Verhalten des Australiers neutral zu erklären.

Nick Kyrgios spaltet die Tennisfans dieser Welt in zwei Lager. Zwischen „Schande für den Sport“ und „Größter Entertainer der Tour“ schwingt das Pendel der Bewertung meist extrem aus. ­Sowohl in den sozialen Medien als auch sonst in der ­öffentlichen Meinung bleibt wenig Raum für Differenzierung, was den 23-Jährigen angeht.

Kyrgios mischt bei dieser Schwarz-Weiß-Malerei auch durchaus selbst heftig mit. Auf Kritik reagiert er oft bockig bis trotzig mit dem direkten General-Gegenangriff: alle doof und langweilig, außer mir. Das widerspricht dem von ihm gerne postulierten Selbstbild eines Typen, dem die Meinung anderer komplett schnurz ist.

Kyrgios: der ewige Underperformer?

Interessanter, als jetzt jede neue Verhaltensauffälligkeit des Nick Kyrgios einzeln auf die Kompatibilität zu Ethik, Moral und den Regeln des Tennissports abzuklopfen, erscheint uns aber die Beantwortung einer allgemeineren Fragestellung. Es ist eine Frage, die – als eine der wenigen – glühende Verehrer, strenge Richter und auch Kyrgios selbst, jedenfalls in einem seiner reflektierenderen Momente, umtreibt: Warum ist er eigentlich, gemessen an seinen technischen und taktischen Möglichkeiten, regelmäßig ein so krasser ­Underperformer? Ausnahmen wie der Sieg in Acapulco bestätigen da eigentlich nur die Regel.

Ein Aufschlag „von unten“ zu viel oder zu wenig scheint uns da kaum die Antwort zu sein. Und auch grenzwertige bis grenzüberschreitende Kommunikation mit Platzpersonal oder Zuschauern hat andere nicht davon abgehalten, viel mehr große Siege einzufahren. John McEnroe lässt grüßen. Der Unterschied zwischen Kyrgios und McEnroe: Der Amerikaner ließ sich bei all seinen Extravaganzen höchst selten davon abhalten, den Fokus darauf zu halten, was hinten raus kommen soll. Wie alle großen Spieler war er praktisch immer bereit, emotional und sportlich alles zu geben, um am Ende den Sieg davonzutragen.
Davon ist Kyrgios zu weit entfernt.

Kyrgios: Die eigene Fehlbarkeit kaschieren

Und da wird es dann sportpsychologisch interessant. Denn wenn man sich im Wettkampf (und auch in der Wettkampfvorbereitung) einer Sache zu 100 Prozent verschreibt, ist das nicht nur die Grundlage für maximalen Erfolg. Es ist unglücklicherweise auch die Basis für eine sehr schmerzliche Erfahrung, die selbst (oder vielleicht auch gerade) die größten Champions machen müssen: dass es manchmal nicht zum Sieg reicht, selbst wenn man an seine Grenzen gegangen ist. Das schmerzt und macht verletzlich, weil es die eigene Fehlbarkeit sichtbar macht. Für andere, aber vor allem auch für den Sportler selber. Es bleibt nicht viel Raum für Ausreden.

Kyrgios baut diese Ausreden aber in sein Spiel mit ein. Immer, wenn er ein Match demonstrativ nicht mehr ernst nimmt, schützt er sich vor einer wirklich bitteren Pleite. Er wandelt das Ganze für die Öffentlichkeit, mehr noch aber für seinen eigenen Kopf, in eine „Niederlage-Light“ um. Denn: Wer sich gar nicht erst richtig bemüht hat, fängt sich zwar ein paar vernichtende Kommentare, erspart sich aber das echte Scheitern. „Hey, richtig habe ich doch gar nicht verloren, weil ich nicht richtig versucht habe zu gewinnen. Ich bin doch der coole Dude, dem alles egal ist. Der Tennis gar nicht so mag, für den andere Dinge wichtiger sind.“

Wenn man darüber nachdenkt, ist dieser Selbstschutz nicht so ungewöhnlich. Pünktlich zum Start der Medenspiele werden die Terrassen auf deutschen Tennisanlagen voll sein von Spielern, die eifrig betonen, dass das ganze „nur ein Spiel ist“, und sie „Tennis nicht mehr so ernst nehmen wie früher“. Und, dass man „die Sache mit dem Ehrgeiz auch übertreiben kann“. Wenn das dazu führt, dass die nachfolgenden Sonntage nicht zur Tortur für Familien von demoralisierten Bezirksliga-Verlieren werden, finden wir das auch gut so. Sollte Nick Kyrgios allerdings in diesem Verhaltensmuster stecken bleiben und nie sein volles Potenzial entfalten, fänden wir das richtig schade. Für ihn. Und für alle Tennisfans.