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Sandplatzgötter: Schmutzige Wäsche

Mit „Sportswashing“ haben vor allem die FIFA und das Internationale Olympische Komitee so ihre Rechtfertigungsprobleme? Nicht ganz. Auch im Tennis-Circuit gibt es ähnliche Tendenzen, von denen die Sandplatzgötter herzlich wenig halten.

Als diese Kolumne entstand, war die Fußball-WM 2022 in Katar noch voll im Gange. Und jeder, der nicht unter einem medialen Stein lebt, wird in diesen Wochen den Begriff „Sportswashing“ gehört haben. Für diejenigen, bei denen das tatsächlich nicht der Fall war: Nein, es geht nicht darum, wie die Sportklamotten wieder möglichst sauber werden. Sondern grob gesagt darum, dass außerhalb von internationalen Meisterschaften rund um Doha regelmäßiger Menschenrechte als Fußbälle mit Füßen getreten werden. Und dass solche Sportevents ganz bewusst ins Land geholt werden, um das eigene Image reinzuwaschen und aufzupolieren, bis mehr als nur ein Hauch von Weltoffenheit durchscheint.

Wie angenehm wäre es da, sich als Tennisfan unbeteiligt zurücklehnen zu können. Allerdings: Tennis ist, um bei der Sport-Waschküchen-Metapher zu bleiben, nicht der weiße, sondern der dunkelgraue Sport. Man schafft es zwar, genau wie Golf oder die Formel 1, trotz des Anspruchs globale Sportart zu sein, diverse Regionen in Bezug auf Großevents als weiße Flecken auf der Weltkarte zu belassen. Jedoch sind das selten bis nie die Orte, von denen aus eher fragwürdige politische Systeme mit dem großen Geld winken.

Die Sandplatzgötter über die Doppelmoral im Sport

Und so bekommen Länder (die der arabischen Halbinsel und China sind da nicht die einzigen, aber vielleicht die hervorstechendsten Beispiele), die bei diversen Grundrechten allerhöchstens auf Challenger-Niveau agieren, seit Jahren immer wieder den Zuschlag für bedeutende Tennis-Turniere. Dass die WTA ihre Events in China aussetzt, solange sie die Vorkommnisse rund um Peng Shuai nicht als aufgeklärt ansieht, zeigt vor allem eines. Man ist bemüht, Haltung zu zeigen. Doch gleichzeitig wird durch die Konzentration auf den Fall Peng Shuai die Doppelmoral deutlich, die die WTA mit der ATP und vielen anderen Sportverbänden teilt. Einerseits werden hehre Wertvorstellungen offensiv mit dem Sport verknüpft. Andererseits macht man bereitwillig Geschäfte mit denen, die diese Werte ganz grundsätzlich nicht teilen. Auch wenn man zumindest mit ein wenig mehr Rückgrat als die ATP oder gar das IOC agiert. Gemessen an den eigenen Ansprüchen, gibt auch die WTA noch lang keine „bella figura“ ab.   

Apropos eigene Ansprüche. Während erstaunlicherweise Davis Cup-Veranstalter Kosmos (zweifellos eher monetären als moralischen Zielen zugetan) sogar irgendwie darum herumgekommen ist, den altehrwürdigen Wettbewerb auch noch auf die arabische Halbinsel zu verlagern und damit gegebenenfalls zusätzliche Rechtfertigungsnot auf Spielerseite zu produzieren, endete gerade, da tennis MAGAZIN-Leser dieses Heft frisch in den Händen halten, ausgerechnet in Saudi-Arabien eine Exhibition, an der von Verbänden unbeeinflusst und gänzlich aus freien Stücken Profis mit so illustren Namen wie Zverev, Wawrinka, Kyrgios, Medvedev oder Tsitsipas teilnahmen. Organisiert von einem Turnierveranstalter aus Österreich.

Sandplatzgötter auf der richtigen Seite?

Wir gehen schwer davon aus, dass der Ausgang dieses belanglosen Schauturniers die Karriere der genannten Herren nicht beeinflusst hat. Die ohnehin schon prallgefüllten Bankkonten aber umso deutlicher. Dagegen gehen wir nicht davon aus, dass einer dieser Spieler seine medialen Reichweiten dazu genutzt hat, auch nur irgendwelche leisen Zwischentöne in die Präsentation des Landes als blitzeblanke exotische Urlaubsdestination einzubringen.    

Ein Glück, dass wir Sandplatzgötter auf der sicheren und guten Seite stehen. Uns bietet keiner unmoralisch viel Kohle an, um in Autokratien oder Diktaturen unsere Tenniskünste vorzuführen und diese damit zu unterstützen. Und Turniere in Doha, Riad, Peking & Co. strafen wir halt einfach mit Missachtung. Reines Gewissen – Check! Stattdessen widmen wir uns dem eigenen Spiel. Gerade sind die neuen Schläger angekommen. „Made in China“. Oh!