Tennis/Maenner: Davis Cup 2004, Relegation, GER-ISR

„Wünsche Haas den inneren Frieden“

Nicht viele kennen Tommy Haas besser als Alexander Waske. Der tennis MAGAZIN-Kolumnist war einst sein Doppelpartner und später der Trainer von Haas. Bereits in unserer Januar/Februar-Ausgabe erinnerte sich Waske an die gemeinsame Zeit.

In der Nacht auf Freitag hat Tommy Haas in seiner Funktion als Turnierdirektor von Indian Wells nun ganz offiziell seinen Rücktritt verkündet – im Beisein von Freund Roger Federer. Seine Mitstreiter bei den BNP Paribas Open haben ihm ein schönes Tribut-Video zusammengestellt.

Waskes Kolumne

Es war kein guter Start mit uns beiden, damals beim Davis Cup 2004 in Aachen gegen Israel. Erst am Samstag­morgen hatten Tommy und ich erfahren, dass wir gemeinsam im Doppel auflaufen würden. Mein erster Einsatz für Deutschland neben ihm, dem großen Tommy – WOW! Er war, wenn überhaupt, nur halb so euphorisch wie ich, als Teamchef Patrik Kühnen uns aufstellte. Ich war in der Mannschaft mit Rainer Schüttler, Nicolas Kiefer und Tommy Haas der unbekannte Vierte. Auch die Teamkollegen kannten mich kaum. Und dann sollte ausgerechnet Tommy mit mir Doppel spielen?

Wir lagen schnell 0:2 Sätze hinten gegen das damalige Weltklasse-Duo Ram/Erlich. Es musste sich etwas ändern, das war klar. Aber ich, Nobody Waske, konnte einem der besten Spieler Deutschlands doch nicht sagen, wie wir zu spielen hätten.

Gemeinsamer Schlüsselmoment im Davis Cup

Dann, Anfang des dritten Satzes, passierte das Unerwartete. Tommy kam auf mich zu: „Wenn wir so weiterspielen, verlieren wir. Lass uns so spielen, wie du es willst. Also, was soll ich machen?“ Das war der Wendepunkt. Wir holten das Ding noch in fünf Sätzen und brachten Deutschland mit 3:0 uneinholbar in Führung. Es war ein Sieg, der meine gesamte Karriere veränderte.

Im ersten gemeinsamen Doppel ließ sich Haas von Waske führen

Ich bin Tommy bis heute für seine Aufrichtigkeit, für seinen Mannschaftsgeist und für seinen Mut, sich auch unterzuordnen, dankbar. Keine Frage: Er war der viel bessere Tennisspieler als ich. Aber in unseren gemeinsamen Doppeln überließ er mir meistens das Kommando. Mir fallen etliche Weltklassespieler ein, die so etwas nie zulassen würden. Tommy schon. Er war nicht der klassische Ego-Shooter, den viele in ihm sahen. Ich erlebte ihn oft als uneigennützigen Teamplayer.

Respekt vor Comebackqualitäten von Haas

Seine Karriere ist herausragend. So viele Comebacks, so viele richtig geile Matches. Und diese einhändige Rückhand – ein Traum. Als er mich 2014 als Coach anheuerte, merkte ich schnell, warum er so lange auf einem so hohen Niveau spielen konnte. Ich erlebte nie wieder einen Profi, der seine Einheiten mit solch hoher Intensität absolvierte. Er brannte wie ein Osterfeuer, sobald der erste Ball im Spiel war. Und er hielt dieses hohe Level zwei Stunden durch. Dabei verlangte er die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des gesamten Trainerteams.

Es war sauanstrengend. Und höchst professionell. Einmal erzählte er mir, woher seine Einstellung beim Training stammte: Er hatte sie sich bei Andre Agassi abgeschaut. Mit 15 Jahren ­trainierte er bei Nick Bollettieri erstmals mit Agassi. Tommy war nach einer Viertelstunde völlig platt. Dann erlöste ihn Agassi mit einer Trinkpause. Sein Coach rief zu Tommy: „Krasse Intensität, oder?“ Tommy antwortete: „Wenn die Nummer eins der Welt so ­trainiert, wieso trainieren wir dann nicht jeden Tag so?“

„Wünsche ihm den inneren Frieden“

Als Trainer lernte ich Tommy neu kennen. Da blitzte auch mal sein Ego auf, aber das ist als Tennis­profi normal. Valentina, seine erste Tochter, war oft dabei, wenn wir uns sahen. Es ging familiär und vertraut zu.

Ich bin immer davon ausgegangen, dass Tommy eines Tages auf der großen Bühne seine ­Karriere beenden wird. Nichts anderes hätte er nämlich verdient. Doch es kam alles anders – leider. Ich weiß, dass Tommy immer damit rechnete, 2017 Wildcards in Wimbledon und bei den US Open zu erhalten – aber er bekam sie nicht. Das war extrem frustrierend für ihn. Er wird nicht noch einen weiteren Anlauf auf der Tour unternehmen, um seinen Abschied zu bekommen.

Anfang November sagte er mir am Telefon: „Ich habe damit abgeschlossen.“ Er meinte das Profitennis. Ich weiß, dass er selbst sehr enttäuscht darüber ist, nicht den perfekten Abschluss gefunden zu haben. Er ist das letzte Rennen nicht gelaufen. Aber er kann auf eine Giganten-Laufbahn zurückblicken. Sie war viel zu gut, als dass ein paar Niederlagen am Ende daran etwas ändern könnten. Ich wünsche ihm, dass er nun seinen inneren Frieden damit findet.