2017 Australian Open – Day 2

Haas im exklusiven Interview: „Nie einfach, nächsten Karriereschritt zu finden“

Wenige Tage vor seinem offiziellen Rücktritt hat tM-Chefredakteur Andrej Antic Tommy Haas zum exklusiven Interview in Indian Wells getroffen. Im Gespräch geht es über die Rolle von Haas als Turnierdirektor und die Zukunft des Turniers. Außerdem kritisiert der 39-Jährige die Entwicklungen rund um sein Heimturnier am Rothenbaum in Hamburg.

In der Nacht auf Freitag hat Tommy Haas in seiner Funktion als Turnierdirektor von Indian Wells nun ganz offiziell seinen Rücktritt verkündet – im Beisein von Freund Roger Federer. Seine Mitstreiter bei den BNP Paribas Open haben ihm ein schönes Tribut-Video zusammengestellt.

tennis MAGAZIN: Beim letzten Interview mit tennis MAGAZIN sagten Sie, Ihr Job als Turnierdirektor in Indian Wells sei ein Sechser im Lotto. Sehen Sie das immer noch so?

Tommy Haas: Der Job ist sehr angenehm. Ich glaube es ist für Athleten, egal in welcher Sportart, nie einfach, den nächsten Schritt nach der Karriere zu finden. Manche haben natürlich auch nicht die Not, irgendetwas schnell anzufangen. Ich eigentlich auch nicht. Aber es kam zu dieser Situation, weil ich Larry Ellison, den Besitzer des Turniers, sehr gut kenne und mittlerweile in Los Angeles zuhause bin. Das ist ja auch nicht weit weg von hier. Es ist auch spannend, hinter den Kulissen zu sehen, was alles gemacht wird, um ein Turnier auf die Beine zu stellen. Es sind so viele kleine Details, die dazugehören. Im letzten Jahr war es für mich mehr ein bisschen das Schnuppern.

tM: Sie sind in Ihrem zweiten Jahr kein Lehrling mehr?

Haas: Mittlerweile weiß ich schon ein bisschen mehr, wie es abläuft. Aber trotzdem lernt man da natürlich nie aus. Das Geschäft mit ATP, WTA, ITF und im Zusammenspiel mit den anderen Turnieren ist generell ein sehr vielseitiges.

tM: Sie sind Turnierdirektor des fünftwichtigsten Turniers der Welt. Wie interpretieren Sie Ihre Rolle?

Haas: Ich nenne es ja ganz gerne den fünften Slam. Aber mittlerweile läuft es in den sozialen Medien eher unter dem Namen #TennisParadise. Was meiner Meinung nach aufgrund der Atmosphäre, der zahlreichen Plätze und der Restaurants sehr gut passt. Das ganze Umfeld ist außergewöhnlich. Wir vergleichen uns eigentlich nicht gerne mit anderen Turnieren, aber wenn es ein vergleichbares Turnier gibt, dann vielleicht die US Open. Ich glaube, dass viele Fans hier herkommen, weil man näher an die Stars herankommt als in New York. Die US Open sind ein Megaevent, aber wir sind auf dem richtigen Weg und ich glaube, dass viele Fans, Sponsoren und auch die Spieler froh sind, hier zu sein. Meine wichtigste Aufgabe ist es, dass es weiterhin in die Richtung geht.

tM-Chefredakteur Andrej Antic traf Tommy Haas in Indian Wells zum Interview

tM: Ketzerisch könnte man sagen, dass Indian Wells ein Selbstläufer ist. Die Spieler kommen gerne und es gibt keine größeren Probleme etwa mit schlechtem Wetter.

Haas: Als Turnierdirektor ist es schon optimal zu wissen, dass die Topspieler alle gerne kommen. In diesem Jahr haben wir aufgrund von Verletzungen ein bisschen zurückstecken müssen. Es ist natürlich nicht gut, wenn Nadal, Murray und Wawrinka nicht dabei sind. Aber das sind Sachen, auf die wir keinen Einfluss drauf haben. Wir haben Roger, was natürlich das Wichtigste für jedes Turnier ist und auf der Frauenseite haben wir dafür ein tolles Feld. Serena und Azarenka kamen als Mütter zurück. Auch Sharapova war hier, hat es aber leider nicht in die zweite Runde geschafft. Es gibt viele verschiedene Interessen, die man unter einen Hut bringen muss. Der eine oder andere spielt lieber tagsüber als am Abend, dann kommt das Fernsehen mit ins Spiel. Man muss permanent im Blick haben, dass alle zufrieden sind. Das ist nicht immer einfach.

tM: Welche Ideen haben Sie für die Zukunft?

Haas: Es gab schon vor ein paar Jahren die Idee, hier ein Tennismuseum aufzubauen. Wir müssen jetzt schauen, wie wir das machen und wo wir das machen. Bislang gibt es zwei Stadien, die permanente Stadien sind. Es gibt die Überlegung, in Zukunft noch ein Stadion 3 zu bauen. Aber das alles kostet viel Geld. Da müssen wir schauen, wie wir mit den Finanzen umgehen und was ein Larry Ellison auch verwirklichen will. Er hat selbst eine große Vision und gewisse Vorstellungen, was er in den nächsten Jahren sehen will.

tM: Wie sieht Ihre Vision aus?

Haas: Wie gesagt: Ein Stadion 3 mit einem integrierten Museum ist eine Option, aber vielleicht auch nur ein Museum – die Fans lieben das. Insgesamt gibt es noch viele offene Fragen: Wann macht man das genau? Warten wir erst, was die nächsten ein bis zwei Jahre bringen? Was gibt es für Veränderungen auf der ATP-/WTA-Tour? In den Verbänden gibt es ja permanent Diskussionen über Veränderungen. Da müssen wir uns auch orientieren.  Generell lautet die Vision: uns weiter zu vergrößern und das Tenniserlebnis zu verbessern. Es gibt viele Leute, die in Wimbledon vorbeischauen und mit Tennis nichts am Hut haben. Wir wollen das Gefühl vermitteln, dass die Leute, die aus aller Welt hierherkommen, eine Erfahrung mitnehmen, die sie nicht vergessen werden.

Der Turniersieg in Halle 2012 ist einer der größten Erfolge von Tommy Haas

tM: Die Fläche, sich zu vergrößern, ist ja theoretisch da.

Haas: Ja, es gibt noch ein bisschen Land hier. Aber viele Besitzer wissen auch, dass Ellison ein bisschen mehr zahlen könnte, als das Land eigentlich wert ist. Sie treiben die Preise hoch. Fakt ist: Wir haben nach dem Turnier genau 50 Wochen Zeit, das nächste große Ding hier zu organisieren. Da bleibt nicht viel Zeit, um wirklich was Großes zu bauen. Stadion 2 wurde vor fünf Jahren gerade so ein paar Tage vor Turnierbeginn erst fertiggestellt. Die Renovierung von Stadion 1 war letztes Jahr auch erst in der Woche vor dem Turnier fertig. Es gibt viele Herausforderungen. Wenn man nicht so viel Zeit hat, dann funktionieren einige Sachen auch mal nicht so, wie man es sich erhofft hat.

tM: Wie groß ist der Stab, der für Sie arbeitet?

Haas: Zwischen 40 und 50 Leute sind in jedem Fall permanent hier. Für mich ist es eine schöne Erfahrung, auch mal Teamspieler zu sein. Es ist angenehm, sich bei einem Problem zusammenzusetzen und gemeinsam zu gucken, wie man es lösen kann.

tM: Sie hatten früher einmal über eine Seniorenkonkurrenz nachgedacht. Gibt es Bestrebungen, Champions wie Sampras oder Agassi herzubringen?

Haas: Das ist schwierig. Ich habe mit Agassi gesprochen, aber es nicht mehr so einfach für ihn, auf den Platz zu gehen und sich zu bewegen. Pete hat jetzt auch angefangen, weniger zu spielen. Bei vielen von den Topleuten ist es häufig eine finanzielle Frage. Es gibt schon Überlegungen, die Legenden einzuladen und sie in der zweiten Woche spielen zu lassen. Aber es stellt sich auch die Frage, inwiefern sich das finanziell lohnen würde.

tM: Wie sehen Sie Ihr Leben in den nächsten, sagen wir, fünf Jahren?

Haas: Man weiß nie, was das Leben noch bringt. Im Großen und Ganzen muss es einem Spaß machen. Ich bin jemand, der sehr viel Leidenschaft für den Sport hat. Während der zwei Wochen hier zu sein, wo alle Topspieler da sind, das gefällt mir. Ich denke, dass das für mich eine Chance ist, das Turnier in den nächsten Jahren noch größer aufzubauen. Priorität haben aber meine Familie und meine Kinder. Mit ihnen möchte ich in den nächsten Jahren so viel Zeit wie möglich verbringen. Gerade jetzt, wo sie noch jung sind. Ab einem gewissen Alter sind die Kinder dann auch nicht mehr so wild darauf, Zeit mit ihren Eltern zu verbringen (lacht). Dann hab ich ein bisschen mehr Zeit, andere Dinge zu machen. Momentan spiele ich in den USA ein bisschen Champions Tour, mache ein paar Tennis Exhibition, ein bisschen Turnierdirektor und Familie. Man braucht sich also keine Sorgen zu machen, dass mir langweilig wird.

tM: Wie sehen Sie die Tennisentwicklung in Deutschland?

Haas: Es ist keine Frage, dass wir gute Spieler in Deutschland haben. Das sieht man jetzt mit Alexander Zverev auch deutlich. Was er letztes Jahr geleistet hat, war phänomenal. Es wird sicherlich nicht einfacher, dieses Jahr das Gleiche zu schaffen. Wenn man etwas länger auf der Tour gespielt hat, dann wissen die anderen Spieler auch besser, wie jemand spielt. Aber er hat das Potenzial, weit oben zu bleiben und auch mal ein Grand Slam-Turnier zu gewinnen.

tM: Was halten Sie davon, dass Boris Becker als Head of Tennis beim DTB involviert ist?

Haas: Es ist immer gut, wenn Boris ins Tennisgeschehen involviert ist. Das ist seine Sache, wo er sich wirklich gut auskennt und sich wohlfühlt. Ich denke, dass das auch für die jungen Leute und die nächste Generation gut ist, die den Boris nicht mehr haben spielen sehen. Wenn die richtigen Leute involviert werden, dann kann es eigentlich nur in die richtige Richtung gehen.

tM: Sie haben früher auch Kritik am Verband geübt und die Frage gestellt, ob die Weichen richtig gestellt sind zum Beispiel beim Turnier in Hamburg.

Haas: Was der DTB tut und welche Leute Entscheidungen treffen – da kenne ich mich zu wenig aus, um die Arbeit des Verbandes zu beurteilen. Ich weiß, dass Michael Stich damals auch mehr involviert werden wollte und bestimmt auch das ein oder andere geändert hätte. Aber es gab viele Leute im DTB, die das nicht wollten.

tM: Michael Stich verliert ab 2019 die German Open in Hamburg. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Haas: Es ist sicherlich nicht einfach für ihn. Ich glaube er hat einen sehr guten Job als Turnierdirektor gemacht und sich sehr für das Turnier eingesetzt. Er ist auch einer, der sich total für das Tennis in Hamburg engagiert. Ich sehe ihn als sehr wichtigen Mann und hoffe, dass er wieder irgendetwas im Tennisbereich findet.

tM: Müsste man Ihrer Meinung nach etwas ändern im DTB?

Haas: Eventuell. Ich kenn mich zu wenig aus. Ich glaube aber, dass man viele Möglichkeiten hat, wenn man ein gutes Team aufbaut. Aber wenn man immer wieder nur hört, dass man jetzt überlegt, in Hamburg das Stadion umzugestalten, damit da auch Hockey gespielt werden kann – dann finde ich das nicht sinnvoll. Man sollte mehr über Tennis sprechen und darüber reden, wie man das Turnier wieder größer herausbringen kann. Es fehlt einfach ein großes Turnier in Deutschland. Tennis ist in Deutschland nach wie vor sehr beliebt. Ich glaube, dass Hallentennis fehlt. Früher haben wir das erlebt: mit den Masters in Hannover und Frankfurt und dem Super 9-Turnier in Stuttgart. Da habe ich ja als letzter Spieler 2001 noch gewonnen. Als ich dann gehört habe, dass es das Turnier nicht mehr geben wird, war ich fertig. Ich hatte mich immer auf das Turnier gefreut. Dann gewann ich und konnte meinen Titel nicht mehr verteidigen.

Weggefährte und tM-Kolumnist Alexander Waske hat den Rücktritt von Haas mit bewegenden Worten eingeordnet