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Zum Rücktritt von Agnieszka Radwanska: polnischer Diamant

Zum Rücktritt von Agnieszka Radwanska: Der polnische Tennis-Journalist Adam Romer verabschiedet sich von einer der größten Spielerinnen in der modernen Geschichte seines Landes.

Zum ersten Mal habe ich Agnieszka Radwanska 2002 entdeckt. Zusammen mit Schwester Urszula siegte sie im Doppel bei den polnischen Jugend-Meisterschaften, Altersklasse U-14, im Warschauer Club „Tiebreak“, in dem ich Mitglied bin. Gold im Einzel schnappte sich damals eine ein Jahr ältere Spielerin und für „Isia”, wie wir Agnieszka damals nannten, blieb „nur” Silber.

Das war aber eine ihrer letzten Niederlagen, die die spätere Wimbledon-Finalistin bei Meisterschaften im eigenen Land einstecken musste. Zwar war sie kleiner, dünner und oft jünger als ihre Gegnerinnen, aber ihr Spiel war schon sehr früh  geformt und ausgereift. Als Juniorin spielte sie schon perfekte Stopbälle und Lobs. Sie besaß die Fähigkeit, die Bälle immer so zu platzieren, dass ihre Gegnerinnen sehr viel laufen mussten.

Agnieszka war ein Diamant, der von dem richtigen Juwelier bearbeitet wurde. Ihr Vater Piotr Robert war lizenzierter Tennis-Coach, der seine Erfahrungen im polnischen Krakow und in Deutschland gesammelt hatte. Der Tennisplatz war seine Heimat und er wurde es logischerweise auch für seine beiden Töchter.

Agnieszka Radwanska: Keine Alternative zum Tennis

„Tennis war für Agnieszka und Urszula eine ganz natürliche Wahl“, sagte mir vor ein paar Jahren Vater Piotr Robert und schmunzelte dabei. Alle wussten, dass der Vater in der Familie das Sagen hatte. Streng genommen hatten seine beide Töchter keine Alternative zum Tennis.

Agnieszka Radwanska

BEGINN EINER GROSSEN KARRIERE: 2005 gewann Agnieszka Radwanska, damals 16 Jahre alt, bei den Juniorinnen in Wimbledon.

Dann kam der Durchbruch: Sieg bei den Juniorinnen in Wimbledon 2005. Es folgte ein steiler Aufstieg in die Weltklasse der Damen. 2006, bei ihrem ersten „echten“ Grand-Slam-Start, erreichte sie in Wimbledon das Achtelfinale. Im gleichen Jahr gewann sie ihren ersten WTA-Titel (in Stockholm). Insgesamt gewann sie 20 Turniere, erreichte ein Grand Slam-Finale (2012, wieder in Wimbledon, 2012) und stand, mit einer kurzen Unterbrechung, neun Jahre in Top 10. Im Juli 2012 war sie sogar die Nummer zwei der Welt. 2015 holte sie ihren größten Titel: Sie wurde WTA-Weltmeisterin in Singapur.

Längst aber sind diese glorreichen Zeiten vorbei. Agnieszka ist nicht mehr die kleine „Isia“ von damals. Nach 13 Profijahren ist sie keine gesunde und fitte Sportlerin mehr. „Mein Fuß fühlt sich an, als wäre er zusammengequetscht. Bremsen, starten, enorme Belastungen – ich kann praktisch nicht mehr trainieren und kaum noch spielen“, erzählte Agnieszka polnischen Journalisten Ende Oktober 2018.

Agnieszka Radwanska – der „Tennis-Ninja“

Über die Jahre aber hatte sich der „Tennis-Ninja”, wie Agnieszka aufgrund ihrer Entfesselungskünste in der Defensive und ihrer wunderbaren Trickshots genannt wurde, zu einer selbstbewussten, modernen Frau entwickelt, die über sich selbst und ihre Karriere entschied. Es war für polnische Journalisten keine Überraschung, dass sie nach dieser Saison aufhören wird.

Die beste polnische Spielerin der Moderne ist in  Pension gegangen. Die Entscheidung traf sie so, wie sie gespielt hat: schnell, kompromisslos und präzise. Jetzt, mit 29 Jahren, wird sie ein neues Leben beginnen. Aber für polnische Fans und Tennis-Nerds bleibt sie für immer das kleine, schmächtige Mädchen, das die große, kräftige Serena Williams im Wimbledon-Finale 2012 herausgefordert hatte. Sie bleibt die filigrane Ballzauberin, die jede noch so brenzlige Situation mit erstaunlicher Eleganz auflösen konnte.

Wir werden sie auf dem Platz vermissen.

Agnieszka Radwanska

Über den Autor:

Adam Romer ist Chefredakteur der größten polnischen Tenniszeitschrift, dem „Tenisklub Magazine“, seit 2005. Als Sportjournalist ist er seit 1997 tätig. Geborener Warschauer, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Warschau und Wien. Glücklich verheiratet und Vater von zwei Söhnen, die beide Sportler werden möchten.