Sabalenka_VOGUE

Hollywood lässt grüßen. Aryna Sabalenka auf dem Cover der neuen US-Vogue. Bild: Vogue

Aryna Sabalenka: „Wenn ich alles in mir behalte, zerstört es mich.“

Zwischen Wut, Trauer und Glamour: Wie Aryna Sabalenka zu einer faszinierenden Figur im Welttennis wurde, beschreibt die Vogue in einem ausführlichen Porträt.

Sie trägt Gucci auf dem Weg zum Court, posiert für die US-amerikanische Vogue wie ein Hollywood-Star – und spricht gleichzeitig offen über Schmerz, Verlust und Selbstzweifel. Das große Vogue-Porträt über Aryna Sabalenka zeigt nicht nur die aktuelle Nummer eins der Welt. Es zeigt eine Frau, die gelernt hat, mit Chaos zu leben.

In Rom, wo die Reportage angesiedelt ist, wirkt Sabalenka laut Vogue wie eine Naturgewalt. Laut, emotional, explosiv – aber inzwischen kontrollierter als früher. Die 28-Jährige hat die vergangenen Jahre nicht nur sportlich transformiert. Sie hat sich selbst neu zusammengesetzt. „Emotionen zu zeigen, hilft mir“, sagt Sabalenka. Ihre Ausbrüche auf dem Platz seien kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil ihres Überlebensmechanismus. „Wenn ich alles in mir behalte, zerstört es mich.“

„Von den Matchbällen geträumt“

Zwischendurch allerdings schlägt sie auch nachdenkliche Töne. Wenige Tage zuvor verlor sie in Madrid erstmals nach 16 Matches wieder ein Tennisspiel. Und zwar auf besonders quälende Weise: Gegen die junge Amerikanerin Hailey Baptiste vergab sie gleich sechs Matchbälle. „Das war nicht leicht“, gibt Sabalenka in der größten Suite des Bvlgari Hotels von Rom zu. „In der Nacht nach der Niederlage habe ich von all diesen Matchbällen geträumt. Ich habe ständig an diese verpassten Chancen gedacht.“

Niederlagen seien für Spitzensportler kompliziert, erklärt sie. Soll man sie verdrängen – oder analysieren? „Es ist ein Lernprozess. Wenn ich einfach sagen würde: ‚Egal, weiter zum nächsten Match‘, dann würde ich nichts lernen“, räumt sie ein. „Das wäre ungesund. Das Schwierige am Sport ist: Du kannst nicht alles gewinnen. Irgendwann setzt dein Körper dir Grenzen. Aber genau das macht Sport auch schön.“

Das lange Porträt zeichnet das Bild einer Spielerin, die ihre Emotionalität lange als Problem vermittelt bekam – und sie inzwischen als Stärke begreift. Gerade das macht Sabalenka im modernen Tennisbetrieb so ungewöhnlich. Während viele Profis auf maximale Kontrolle bedacht sind, lebt sie von Intensität und Emotionalität. Vogue beschreibt sie deshalb beinahe wie eine Rockmusikerin des Sports: unberechenbar, laut und anziehend zugleich.

Sabalenka: die Schatten hinter ihrem Erfolg

Besonders eindringlich wird das Porträt dort, wo Sabalenka über persönliche Verluste spricht. Der Tod ihres ehemaligen Partners Konstantin Kolzow im Frühjahr 2024 habe sie komplett erschüttert. Tennis sei damals fast zu einer Flucht geworden. „Ich musste einfach weitermachen“, erzählt sie. „Der Sport hat mir geholfen, nicht komplett zusammenzubrechen.“

Auch der frühe Tod ihres Vaters Sergej Sabalenka bleibt ein zentrales Thema ihres Lebens. Ihr Vater hatte sie einst zum Tennis gebracht, nachdem seine eigene Eishockey-Karriere abrupt beendet worden war – wegen eines schweren Motorradunfalls. Noch heute, so schildert sie es, denke sie fast täglich an ihn.

Bewegend ist auch eine Passage, in der Sabalenka beschreibt, wie sie sich manchmal frage, ob die Öffentlichkeit sie überhaupt möge. „Hassen mich die Leute wirklich so sehr?“, zitiert Vogue sie. Hinter der dominanten Athletin erscheint plötzlich eine verletzliche Person, die unter öffentlicher Kritik deutlich stärker leidet, als ihre harte Fassade vermuten lässt.

Von der „Chaos-Spielerin“ zur Nummer eins

In dem Text wird Sabalenkas sportliche Entwicklung mit einem Reifungsprozess verglichen. Früher galt sie als Spielerin des maximalen Risikos: enorme Power, aber oft auch Kontrollverlust. Heute sei sie kompletter geworden – taktisch flexibler, mental stabiler und deutlich variabler. Sabalenka habe 2026 mit dem „Sunshine Double“ – den Titeln in Indian Wells und Miami – endgültig ihre Dominanz manifestiert.

Gleichzeitig habe sie gelernt, ihre Energie besser zu steuern. „Früher hat mich jede Kleinigkeit aus der Bahn geworfen“, sagt sie. Heute versuche sie, Verantwortung für ihre Emotionen zu übernehmen. Dazu gehöre auch, Fehler öffentlich einzugestehen und sich nach Ausrastern zu entschuldigen.

Sabalenka als Fashion-Star

Parallel zum sportlichen Höhenflug ist Sabalenka längst auch zu einer Modefigur geworden. Gucci verpflichtete sie Anfang 2026 als Markenbotschafterin, Vogue inszeniert sie entsprechend glamourös – irgendwo zwischen Tennisstar und Popkultur-Ikone. Doch gerade dieser Mix aus Luxus, Direktheit und emotionaler Offenheit scheint ihre besondere Wirkung auszumachen. Sabalenka wirkt nicht geschniegelt oder perfekt kalkuliert. Sie bleibt roh, spontan und manchmal unbequem.

Im Vogue-Interview spricht sie auch über ihren Verlobungsring. Sie habe ihrem Partner, dem Unternehmer Georgios Frangulis, scherzhaft gesagt: „Ich will einen großen, blendenden Ring.“ Heraus kam ein maßgefertigter Diamantring mit Smaragden – allerdings „nur“ mit zwölf statt vierzehn Karat.

Superstar und Außenseiterin zugleich

Das Porträt spart auch die politische Dimension nicht aus. Wegen ihrer belarussischen Herkunft wurde Sabalenka seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine immer wieder kritisch betrachtet. Vogue beschreibt, wie sehr sie unter Anfeindungen und öffentlicher Projektion gelitten habe.

Sabalenka selbst versucht offenbar, sich auf Sport und persönliche Beziehungen zu konzentrieren. Tennis, so ihre Haltung, solle Menschen verbinden und nicht weiter spalten. Gerade dadurch bleibt sie eine der widersprüchlichsten Figuren des Welttennis: glamourös und verletzlich, aggressiv und sensibel, Superstar und Außenseiterin zugleich. Oder, wie Vogue es sinngemäß beschreibt: Aryna Sabalenka hat nicht gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Sie hat gelernt, mit ihnen zu gewinnen.