Fed Cup World Group First Round – Belarus vs Germany

Fed Cup-Sensation: „Kämpferischster Erfolg der letzten 15 Jahre“

Fans wie Experten gleichermaßen hatten die Erstrundenpartie des deutschen Fed Cup-Teams gegen Vorjahresfinalist Weißrussland gedanklich bereits vor dem ersten Ballwechsel in Minsk nach den Absagen von Kerber, Görges und Co. abgeschenkt. Doch Neutrainer Jens Gerlach und sein zusammengewürfeltes Team gelang eine Überraschung – die Ausgangslage im Halbfinale ist plötzlich eine ganz andere.

„Tadde und ich haben auch nach dem verlorenen ersten Satz immer an einen Sieg geglaubt. Wir haben uns daran erinnert, dass wir schon vor über zehn Jahren solche Matches umgedreht und den entscheidenden Punkt geholt haben.“ Aus Doppelspezialistin Anna-lena Grönefeld sprach der pure Stolz. Vor wenigen Momenten hatte die 32-Jährige gemeinsam mit „Tadde“ – Tatjana Maria – den entscheidenden dritten Punkt für das deutsche Fed Cup-Team in der hitzigen Tschyschouka-Arena ergattert.

Das deutsche Duo setzte sich nach 2:29 Stunden mit dem fünften Matchball gegen Aryna Sabalenka und Lidziya Marozava 6:7 (4:7), 7:5, 6:4 durch. Das Marathonmatch zum Abschluss stand sinnbildlich für das gesamte Wochenende in Minsk. Das ersatzgeschwächte deutsche Team um Rückkehrerin Tatjana Maria (zuletzt vor sieben Jahren aktiv), Debütantin Antonia Lottner, Anna-Lena Friedsam und Namensvetterin Grönefeld traute vergangene Woche niemand so richtig etwas zu, nach den Absagen der Stars um Angelique Kerber, Julia Görges und arrivierten Kräften wie Andrea Petkovic hatte sich kurzfrisrig auch noch Carina Witthoeft krank abgemeldet.

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FREUDE PUR: Grönefeld/Malek holten gegen Weißrussland den dritten Punkt.

Fed Cup: Gerlachs mutige Kommunikation

Doch Jens Gerlach, der Barbara Rittner nach ihrem Aufstieg zum Head of Women`s Tennis im DTB nach mehr als einem Jahrzehnt als Teamchefin abgelöst hatte, schaffte es, seinen verbliebenen Spielerinnen von Anfang an ein Siegergen einzuhauchen.  „Wir fahren nicht nach Minsk, um dort bloß artig die Hände zu schütteln“, hatte er auch noch nach Witthöfts Absage erklärt. Das Fehlen seiner Besten hätte er beim Debüt getrost in den Mittelpunkt seines Tuns stellen können, niemand hätte es ihm verübelt.

Stattdessen zeigte der 44-Jährige Verständnis für seine fehlenden Führungskräfte Kerber und Görges, deren Saison 2018 seiner Meinung nach eine ganz Entscheidende in ihrer Karriere darstellen könnte. Mit dieser umsichtigen Kommunikation hat er allen Parteien die Türen für eine Rückkehr noch 2018 offen gehalten.

Nach dem überragenden Wochenende von Minsk gab sich der Kapitän euphorisch und erklärte: „Das Quartett hat sich unter schwierigen Bedingungen als Einheit präsentiert und zu jedem Zeitpunkt alles gegeben. Dieser Sieg ist einfach hochverdient.“

Fed Cup: Betreuerteam im Fokus

Neben den spielerischen Glanzleistungen – Maria (am Sonntag gegen Vera Lepko) und Lottner bereits am Samstag gegen eine grippegeschwächte Aliaksandra Sasnovich – war wohl das erfahrene Betreuerteam ein, wenn nicht der Schlüssel zum Erfolg. „Ich glaube, dass es ein Riesenvorteil ist, dieses erfahrene Betreuerteam an meiner Seite zu haben. Alle kennen die Abläufe, jeder weiß, was er zu tun hat. Auch für die Spielerinnen ist es schön, wenn sie beim Fed Cup auf die ihnen vertrauten Personen treffen“, sagte Gerlach bereits vor dem Coup von Minsk und behielt Recht.

Das Team hinter dem Team stachelte vor allem die arrivierten Maria und Grönefeld immer wieder an, als diese im entscheidenden Doppel trotz Break noch in Satzrückstand gerieten.  „Beim Doppel haben wir gekämpft wie verrückt und nie den Mut verloren. Wir haben immer weitergemacht und dann ging es irgendwann in unsere Richtung“, erklärte Maria, die es kaum fassen konnte, nach so langer Abstinenz wieder im Einzel und Doppel gepunktet zu haben. Zuletzt spielte die 30-jährige Mutter 2011 in der Weltgruppe II beim 4.1-Erfolg in Slowenien für Deutschland. Und auch die Debütantin Lottner profitierte von der Erfahrung im Funktionsteam. „Es ist ein wahnsinniges Erlebnis für mich gewesen, hier beim Fed Cup dabei zu sein. Ich bin megastolz, dass wir das als Team gewonnen haben und freue mich riesig.“

Ein Wehrmutstropfen des überraschenden Erfolgs von Minsk wird nun sein, dass die Matchwinnerinnen um Maria unter Umständen nun wieder ins zweite Glied rücken müssen. Es gilt als wahrscheinlich, dass Kerber und Görges für das Duell in der Vorschlussrunde gegen Tschechien am 21/22. April in Deutschland wieder zur Verfügung stehen. Das Aufgebot der Tschechen betrachtend, die in der Auftaktrunde mit Karina Pliskova, Petra Kvitova, Lucie Safarova und Barbora Strycova die Schweiz besiegten, eine mehr als nachvollziehbare Option. Die deutschen Topspielerinnen werden sicher noch die negativen Erinnerungen an das verlorene Fed Cup-Finale von Prag 2014 im Kopf haben und auf Revanche sinnen.

Fed Cup: Kerber und Görges vor Rückkehr

Unter sozialen Komponenten hätten die Spielerinnen von Minsk eine Wiederberücksichtigung sicherlich verdient. Gerlach steht nun vor einer kommunikativ difizilen Aufgabe, allen Spielerinnen verbal gerecht zu werden. Sportdirektor Klaus Eberhardt sprach von „einer der kämpferisch am härtesten erarbeiteten Erfolge der vergangenen 15 Jahre. Es war unglaublich spannend und von den Mädels eine große Leistung „. Der Erfolg von Minsk, dies machten alle Beteiligten vor Ort deutlich, er war vielmehr als eine Allerweltsleistung.

Dennoch wäre alles andere als eine Nominierung des Duos Kerber und Görges für das Halbfinale eine Sensation. Dem Vernehmen nach scheinen die Stars spielen zu wollen. Eine offizielle Zusage steht aber noch aus.

Doch dahinter scheinen die Karten neugemischt. Lottner ist nach den tollen Leistungen mindestens an Witthöft herangerückt. Gerlach muss zudem entscheiden, ob er Jugend oder Routine (Maria) den Vortritt als Schattenfrauen der Stars lässt. Grönefeld scheint ob ihrer Doppelstärke im gesunden Zustand fürs Aufgebot gesetzt.

„Es war unglaublich. Man spielt Tennis, um solche Matches zu erleben und zu gewinnen“, bemerkte Grönefeld nach dem Doppel und strahlte. Auch sie war in Prag 2014 dabei, allerdings nur als Ersatzfrau. Sie kennt sich also mit personell schwierigen Entscheidungen aus.