Jan-Lennard Struff

Jan-Lennard Struff: „Das wird eine brutal neue Situation”

Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst spricht Jan-Lennard Struff über seinen Trainingsalltag in Zeiten von Corona und eine mögliche Rückkehr in den Spielbetrieb.

Jan-Lennard Struff, nach behördlich angeordneter Pause dürfen Sie nun wieder mit einer Ausnahmegenehmigung trainieren. Wie fühlt sich das an?

Jan-Lennard Struff (29): Es war mit die längste Phase ohne Schläger, die ich je hatte und es war auch merkwürdig, sich anders als gewohnt fit zu halten. Als ich das erste Mal wieder gespielt habe, war es ganz ehrlich schon relativ gruselig und hat sich nicht gut angefühlt. Aber man kommt dann leicht wieder in den Rhythmus. Ich habe so lange Tennis gespielt, ich verlerne es nicht. Aber es braucht schon seine Zeit.

Wie läuft eine Einheit unter den aktuellen, besonderen Vorzeichen ab?

Struff: Wir haben die Genehmigung, zu zweit in der Halle zu trainieren – also entweder mit meinem Trainer oder mit meinem Sparringspartner. Es sind Desinfektionsgeräte da, wir halten komplett den nötigen Abstand. Das Training läuft momentan so ab, dass wir ein bisschen spielen, kleine Impulse geben. Zum Beispiel bei der Vorhand technisch mehr rumzudrehen oder in die Ecken zu laufen – das ist derzeit das Schwierigste, die Intensität geht so schnell weg. Man kann draußen laufen gehen, aber es ist eine ganz andere Belastung.

Normalerweise hat man als Profi ein Turnier vor Augen. Wie ist es, jetzt ohne ein echtes Ziel zu trainieren?

Struff: Wir wissen nicht wirklich, wie wir damit umgehen sollen. Ohne Ziel zu spielen, ist schwierig. Sonst denkt man sich: Okay, ich muss in zwei Wochen wieder ready fürs Turnier sein und arbeite beispielsweise etwas an meinem Aufschlag. Jetzt habe ich mich in einer Einheit zum ersten Mal gefragt, wofür ich das Ganze mache. Einen Tag später hatte ich dann wieder das Gefühl: Okay, ich weiß wieder ein bisschen wofür. Es ist echt eine schwierige Situation. Wenn wieder Turniere in Sicht sein werden, wird es wohl wieder zu einer vier- bis sechswöchigen Vorbereitung kommen, in der man das Niveau und die Intensität wieder aufbauen muss.

Sie sind normalerweise wahnsinnig viel unterwegs, nun sind Sie plötzlich ganz viel zu Hause. Wie erleben Sie die Zeit?

Struff: Ich bin megahappy, dass ich so viel Zeit mit meiner Freundin und meinem Sohn verbringen darf. Er ist jetzt vor Kurzem ein Jahr alt geworden. Ich habe mich zuletzt bewusst auch ein bisschen zurückgezogen aus Tennisthemen, weil ich die Zeit einfach meiner Familie widmen wollte. Jetzt kann ich tagsüber was mit meinem Kind machen und habe abends auch mal Zeit mit meiner Freundin, was in letzter Zeit auch oft ein bisschen kurz gekommen ist. Das ist einfach wunderschön.

Andererseits waren Sie beim Stopp der Tour gerade in Topform. Wurmt das?

Struff: Ja, natürlich war ich gut in Form. Wenn eine Pause sehr lange dauert, nimmt das einfach auch Zeit weg von den Jahren, in denen man Tennis spielen kann. Jahre sind in einer Karriere befristet, da ist es sehr schade, wenn so etwas wie jetzt passiert. Aber ich muss einfach schauen, dass ich aus dieser Zeit das Beste machen kann. Im Sportlichen, aber auch familiären Bereich, dass ich gestärkt auf die Tour zurückkehren kann. Wenn es wieder losgeht, wird sich zeigen, wer sich gut ausgeruht und gut gearbeitet hat. Das wird eine brutal neue Situation für alle werden.

Wie stark ist ein Tennisprofi von der momentanen Krise betroffen? Spüren Sie das auch finanziell?

Struff: Natürlich. Ich habe die letzten Jahre sehr gut gespielt und es geschafft, mir ein kleines Polster anzulegen. Wenn man diese Wochen jetzt aber mal hochrechnet, ist das krass, was da alles wegfällt. Wenn man allein nur die Erstrunden-Preisgelder addieren würde, ist das schon eine ordentliche Summe – mit den French Open, mit Wimbledon. Mal schauen, ob die Sponsoren alle weitermachen, das ist mehr als fraglich. Wir Tennisspieler sind selbstständig. Wir bezahlen das Training, die Reisen und die Coaches selbst. Das sind enorme Kosten. Ich will jetzt überhaupt nicht jammern, weil es mir und vielen Profis sehr gut geht, aber Spieler hinter Ranglistenplatz 100 oder 150, die werden Probleme kriegen.

Können Sie sich Modelle wirtschaftlicher Hilfen für diese Spieler vorstellen?

Struff: Die LTA in Großbritannien unterstützt ihre Spieler ab Rang 101, die haben aber auch ein Grand-Slam-Turnier bei sich im Land, das auch als einziges Turnier für die Pandemie versichert war. Beim DTB dürfte es schwieriger werden, viele Spieler zu unterstützen. Aber ich bin mir sicher, dass sie ihr Bestes versuchen werden. Es gibt ja nicht nur die Spieler, es gibt die Vereine, die Trainer und die Turniere. Die ATP, WTA und ITF werden meiner Meinung nach auch gefragt sein. Das Wichtigste ist, dass so vielen wie möglich geholfen wird.

Glauben Sie, dass in diesem Jahr auf der Tour noch gespielt wird? Und können Sie sich vorstellen, ohne Zuschauer zu spielen?

Struff: Ich sehe es sehr kritisch, dass in diesem Jahr noch gespielt wird. Die Reisen unter einen Hut zu bekommen, wird brutal schwierig. National ist es vorstellbar, weil Tennis als Sport eigentlich ideal ist zu dieser Zeit mit zwei Spielern, die sehr weit weg voneinander stehen und keinen Körperkontakt haben. Spiele ohne Zuschauer kann ich mir vorstellen, auch wenn es brutal schade wäre. Ich liebe es, vor Fans zu spielen. Das macht den Sport einfach so unglaublich.