Mariella Thamm

Die Bühne liegt ihr: Mariella Thamm, 16, beim Fotoshooting mit tennis MAGAZIN in Melbourne. Bild: Jürgen Hasenkopf

Mariella Thamm: Versprechen für die Zukunft

tennis MAGAZIN traf die 16-jährige Mariella Thamm bei den Australian Open. Auf den Spuren einer Hoffnungsträgerin im deutschen Damentennis.

Am Donnerstagnachmittag der ersten Woche steht Torben Beltz im Schatten der Rod Laver Arena. Der Bundestrainer der Damen ist jetzt eigentlich arbeitslos. Mit Laura Siegemund ist gerade die letzte deutsche Spielerin in der zweiten Runde gegen die australische Qualifikantin Maddison Inglis ausgeschieden. Die anderen drei deutschen Damen – Tatjana Maria, Ella Seidel und Eva Lys – scheiterten alle in der ersten Runde. 

Es ist kein Ruhmesblatt für den DTB, aber Beltz sagt trotzdem: „Ich sehe es gar nicht so schwarz. Wir hatten im Dezember gute Lehrgänge in Oberhaching. Wir haben wirklich sehr gute junge Leute, die nachkommen.“

Eine von den „guten, jungen Leuten“, die Beltz meint, heißt Mariella Thamm. Die 16-Jährige ist auch in Melbourne. In zwei Tagen nimmt sie als einzige deutsche Spielerin an der Juniorinnen-Konkurrenz teil. Zur Vorbereitung hat sie in der Woche zuvor ein Junior-Turnier in Traralgon, rund zwei Autostunden westlich von Melbourne, gespielt, schied dort in der dritten Runde aus.

Könnte man sich morgen treffen? „Klar“, antwortet Beltz, „ich frage sie.“ Ein paar Minuten später kommt auch schon die Antwort per WhatsApp: „Sie würde es machen, trainiert aber bis 16 Uhr“, schreibt Beltz. Am nächsten Tag textet er noch mal: „Passt es euch um 18 Uhr? Treffen NTC Practise desk?“

Mariella Thamm

Mama ist immer dabei: Dagmar Thamm (li.) begleitete ihre Tochter auf dem Trip nach Australien. Nach gut drei Wochen ging es zurück nach Deutschland.Bild: Jürgen Hasenkopf

Kurzer Check. Frühestens um 18.30 Uhr spielt Alexander Zverev gegen Cameron Norrie in der John Cain Arena. Immerhin die Richtung auf der weitläufigen Anlage stimmt schon mal. Mit NTC ist das National Tennis Center gemeint, es liegt direkt hinter der John Cain Arena. 

Wer von den Profis nicht draußen in der Hitze Bälle schlagen mag, kann im NTC trainieren. Acht schicke Hallenplätze, alle mit Hardcourt, reihen sich aneinander. Physio- , Fitnessräume und feinste Umkleidekabinen gibt es. Hier mischen sich Hauptfeldspieler, Trainer, Manager und Junioren.

Und dann stehen Mariella Thamm und ihre Mutter Dagmar pünktlich da. Was einem sofort auffällt: Die 16-Jährige, in Jogginghose und weißem Shirt, wirkt extrem selbstbewusst. Unbekümmert. Die große Tenniswelt scheint sie nicht zu beeindrucken. Dass sie morgen um 10 Uhr ihr erstes Match spielt – wegen des angekündigten Temperaturanstiegs auf 40 Grad wurde ihre Partie gegen die Japanerin Sonobe Wakana um eine Stunde nach vorne gezogen –, lässt „Elli“, wie sie ihre Mutter nennt, cool.

Ein Fototermin im National Tennis Center von Melbourne

Wir starten mit dem Fototermin. „Sie liebt so etwas“, hat Torben Beltz uns noch mit auf den Weg gegeben. 20 Minuten später sind die Fotos im Kasten. Mariella sieht dabei nicht so aus, als würde ihr das Shooting Stress bereiten. Im Gegenteil: Auch diese Bühne scheint sie zu genießen. Mal guckt sie cool. Mal lächelt sie. 

Ist sie nie nervös? Mariella lächelt: „Das fragen immer alle: ‘Bist du eigentlich mal nervös?’ Ich sage dann ’doch’, aber anscheinend merkt man es mir nicht an.“ Ein bisschen Erfahrung hat die 16-Jährige schon gesammelt. 2025 spielte sie ihr bisher einziges Junioren-Grand-Slam-Turnier in Roland Garros.

Aktuell mixt sie Junior-Events mit Damenturnieren. „In Costa Rica habe ich schon vor 7.000 Menschen gespielt. Es war Wahnsinn“, berichtet Mariella. Das ITF-Juniorenturnier hatte sie gewonnen. Wir sitzen inzwischen in einer gemütlichen Sitzecke unter Sonnenschirmen. Es ist wahrscheinlich die ruhigste Ecke im hektischen Melbourne Park.

Mariella Thamm: Die jüngste Spielerin in den Top 800 der WTA

Wer ist die junge Frau, die als große, deutsche Hoffnung gilt? Mit 15 war sie die jüngste Spielerin in den Top 800 der Damenweltrangliste. Thamm, Jahrgang 2009, stammt aus Mönchengladbach, wuchs aber in der Nähe von Stuttgart auf, weil die Familie wegen des Berufs des Vaters dorthin ziehen musste. 

Michael Thamm ist Geschäftsführer in der KFZ-Branche. Die Firma Matzker hat Land- und Range Rover im Sortiment. „Er war früher Fußballprofi, hat ziemlich hoch gespielt“, sagt Mariella. Die Tennisgene kommen von der mütterlichen Seite der Familie.     

Mit fünf schlägt sie erste Bälle im ETV Nürtingen. Eigentlich hat sie auf Tennis keine Lust, fährt lieber Ski, tanzt Hip-Hop. Aber ihre Trainer, Uwe Allgaier und später der über die baden-württembergischen Landesgrenzen hinaus bekannte Zeljko Tomasic beim TC Bernhausen, sind begeistert von ihrem Talent. Sie bleibt beim Tennis, was auch ihren drei Jahre älteren und schwer tennisbegeisterten Bruder Maximilian freut.

Die Mutter ohnehin. Dagmar Thamm begleitet ihre Tochter, wann immer es geht.   Die Karriere, die immer mehr Fahrt aufnimmt, finanziert größtenteils der Vater. Später helfen die Ausrüster Nike und Wilson, Porsche und der DTB.

Mariella Thamm

Augen auf den Ball: Die Vorhand spielt Mariella Thamm mit Spin und Power. Mit bis zu 180 km/h serviert sie.Bild: Jürgen Hasenkopf

Die Schule, erst zwei Jahre in Mannheim, dann in Frankfurt – das meiste per Online-Kursen – , hat sie letztes Jahr beendet. Ihren Abschluss hat sie in der Tasche, bis zum Abitur müsste sie aber noch zwei Jahre büffeln.

„Ich fühle mich jetzt freier“, sagt sie. Klar, sie kann sich voll auf Tennis konzentrieren. Die sportliche Heimat heißt inzwischen wieder Nordrhein-Westfalen, um genau zu sein Köln, wo der Vater jetzt arbeitet. Der Umzug inklusive Labrador-Hündin Joey steht bevor. Die Vorbereitung auf Australien absolvierte Thamm in der Akademie von Robert Orlik, der schon einige deutsche Talente auf ihrem Weg nach oben begleitete. Eine ihrer Vertrauten heißt Barbara Rittner. „Die Chemie passt super zwischen uns“, sagt Mariella. Rittner kennt Thamm seit einem DTB-Lehrgang Ende 2023. Sie sagt: „Mir fiel schon damals auf, dass sie die Bälle unheimlich gut und satt im Schläger hat.“ ­Natürliche Schwünge habe sie, sie erinnere sie an ­Lindsay Davenport. 

Thamm selbst ist Fan von Aryna Sabalenka, „nicht nur, weil sie die Nummer eins ist, sondern weil ich mich mit ihr identifizieren kann. Sie spielt aggressiv. Sie ist laut auf dem Platz“. Megacool sei sie und „eigentlich mein Vorbild“.

Mariella Thamm: Aufschlag über 170 km/h und pfeilschnelle Grundschläge

Der nächste Morgen, zehn Uhr Ortszeit, Court 12. Die Sonne knallt zum ersten Mal so richtig bei diesem Turnier. Thamm gewinnt 6:1 und 6:2 gegen die japanische Qualifikantin. Was auffällt: Die 1,75 Meter große Thamm serviert regelmäßig mit mehr als 170 km/h, hat pfeilschnelle Grundschläge. An der Körpersprache muss sie allerdings noch arbeiten – ein paar Mal lamentiert sie ohne Grund.

Zwei Tage später verliert sie gegen die gleichaltrige, an 13 gesetzte Russin Mariia Makarova. Das Fazit kommt ein paar Tage später per Textnachricht vor dem Rückflug nach Deutschland über Hongkong: „Ich bin drei Wochen in Australien gewesen und es war ein tolles Erlebnis. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, die mich definitiv weiterbringen werden. Generell habe ich mich hier als Spielerin weiterentwickelt und werde viel von dem Turnier mitnehmen!“

Klar ist nach Melbourne 2026 auch, dass Thamms Weichen in puncto Profitennis justiert werden. „Wir stellen uns neu auf, mit Coach, Travelcoach, Physio und neuem Management“, sagt Dagmar Thamm. Mehr will sie noch nicht verraten. Es geht darum, nach vielen wechselnden Coaches Ruhe ins Umfeld zu bekommen. Auch in dieser Hinsicht wird man noch viel von Mariella Thamm hören.

Mariella Thamm

Treffen in Melbourne: Mariella Thamm und tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic vor dem Start des Juniorenturniers.Bild: Jürgen Hasenkopf