Maxime Cressy – Photo: Frank Molter

Viele, viele Volleys: Maxime ­ Cressy, 24, spielt nur Serve-and-Volley und ­versucht auch beim Aufschlag des Gegners, möglichst schnell nach vorne ans Netz zu kommen. (FOTO: Frank Molter)

Maxime Cressy im Porträt: Der neue Angreifer

Wer die Matches von Maxime Cressy verfolgt, wähnt sich in einer Zeitschleife aus den 90er-Jahren: Der US-Profi mit französischen Wurzeln rennt nämlich nur nach vorne. Mit dieser Taktik will er das aktuell dominante Grundlinienspiel ablösen.

Fotos: Frank Molter

Als Maxime Cressy im Achtel­finale bei den Australian Open gegen Daniil Medvedev am Ende des vierten ­Satzes zum 132. Mal vorne am Netz auftaucht, entwickelt sich der Ballwechsel genau so, wie er es sich vorgestellt und zuvor tausendfach im Training durchgespielt hat: Sein Aufschlag ist für Medvedev auch nach knapp dreieinhalb Stunden Spielzeit schwer zu lesen, der Russe ist zu spät dran am Return und Cressy, der nach dem ­Service vorne am Netz auf leichte Beute lauert, bekommt mit einem halb­hohen Ball auf seine Vorhandseite genau das.

Aber er verschlägt den einfachen Vorhandvolley beim Spielball zur 6:5-Führung im vierten Satz. Wenige Minuten später hat er verloren – 2:6, 6:7, 7:6, 5:7. Nach dem Fehler gelingt Medvedev das Break, dann bringt er zu null seinen Aufschlag durch. Cressys Lauf ist zu Ende.

Maxime Cressy spielt so wie kein anderer Top 100-Profi

Normalerweise wäre diese Niederlage kaum erwähnenswert. Doch bei Cressy, einem 24-jährigen US-Profi, der in Paris aufwuchs, ist es anders, weil er so spielt wie kein anderer Top 100-Spieler – nämlich nur Serve-and-Volley. Gegen Medvedev war er insgesamt 135-mal am Netz und machte dort 89 Punkte. Egal, ob erster oder zweiter Aufschlag: Er rennt immer nach vorne und bewegt sich dabei trotz einer Körperlänge von fast zwei Metern mit erstaunlicher Geschmeidigkeit. Sein Ziel: Serve-and-Volley wieder zu dem machen, was es einst war – die dominierende Spielweise auf der Herrentour.

Tickt der Typ noch ganz sauber? Serve-and-Volley ist tot, voll old school, sowas von 80er- und 90er-Jahre-Tennis. Spielt kein Mensch mehr. Die Gegner returnieren zu stark heutzutage, die Plätze sind zu langsam und die Bälle zu groß geworden – keine Chance, das kannste vergessen.

Maxime Cressy

TOUCH UND ÜBERSICHT: Cressy begann im Alter von vier Jahren mit Tennis, seine zwei älteren Brüder spielten auch. Erst ab 14 Jahren ­entwickelte er sich zum ­Angriffsspieler. Das Gefühl für feine Flugbälle und die Spielübersicht am Netz trainiert er seitdem ­systematisch. (FOTO: Frank Molter)

Maxime Cressy schmunzelt, als er die typischen Argumente hört, die gegen den Erfolg von Serve-and-Volley im aktuellen Herrentennis sprechen. tennis ­MAGAZIN kann mit ihm vor dem Start des ATP-Turniers in Dallas 20 Minuten via Zoom sprechen. „Das, was da gerade alles aufgezählt wurde, habe ich jahrelang genauso eingetrichtert bekommen“, sagt Cressy. Warum hat er es dann trotzdem geschafft, sich als reiner Serve-and-Volley-Spieler durchzu­setzen, kurz vor den Top 50 zu stehen und in den großen Arenen zu spielen?

Rückblick: Maxime Cressy ist 14 Jahre alt, lebt mit seinen Eltern in Paris, spielt gut Tennis und wird vom französischen Verband gefördert, als seine erste ernsthafte Verletzung alles verändert. Sein Ellenbogen bereitet ihm Probleme, insbesondere bei den Grundschlägen. Weil er aber nicht pausieren will, eignet er sich eine andere Taktik an und stürmt plötzlich bei jeder Gelegenheit ans Netz. Bei den Volleys schmerzt der Arm nämlich nicht.

Maxime Cressy: „Dieses Gefühl hat mich süchtig gemacht“

Seine Trainer sind entsetzt und flehen ihn an, bald wieder so zu spielen wie vorher: von hinten, wie alle anderen französischen Junioren auch. Aber Cressy bleibt nach der Verletzung beim Angriffstennis. „Auf dem Platz gab es kein besseres Gefühl mehr für mich, als mit einem Volley einen Punkt zu gewinnen. Das hat mich süchtig gemacht und ich bin bei dem Stil geblieben. Nicht, weil ich damit so erfolgreich war, sondern weil ich es liebte, Serve-and-Volley zu ­spielen“, er­innert sich Cressy an seine Anfänge als reiner Angriffsspieler.

In seinem Umfeld stößt er damit auf wenig Gegenliebe. Trainer, Eltern, Tennis­kumpels – sie alle versuchen ihm einzureden, dass diese Spielart nicht funktionieren kann. „Ich war auf mich allein gestellt. Es gab kein Vertrauen in mich und mein Spiel, ich verbesserte mich in der Zeit auch nicht. Das ist als 14-Jähriger natürlich hart“, blickt Cressy zurück, der damals keine Profi­ambitionen hatte, aber auf regionaler Ebene schon zu den verheißungsvollen Talenten im Großraum Paris zählte.

Cressy ist 15 Jahre alt, als der franzö­sische Verband ihn aus der Förderung schmeißt – „wegen ausbleibender Erfolge“, merkt er via Handykamera süffisant an. Jetzt, als Achtelfinalist bei einem Grand Slam-Turnier, kann er über den Rauswurf lächeln. Als Junior aber verliert er einige wichtige Jahre. Er flüchtet sich damals in seine eigene Welt und schaut sich stundenlang YouTube-Videos der großen Serve-and-Volley-Könner an. Edberg, Sampras, Rafter – sie vermitteln ihm das Gefühl, weiter an seine Überzeugung zu glauben. „Ich war damals von den Videos besessen. Im Nachhinein waren sie wohl so etwas wie ein mentaler Anker für mich“, räumt Cressy heute ein.

Maxime Cressy

VOM COLLEGE ZUR TOUR: Zunächst wurde Cressy vom franzö­sischen Verband in Paris ­gefördert, doch sein Wechsel in die USA – erst an eine ­Akademie, dann an ein College – förderte schließlich den Wunsch zu Tage, es als Profi im ATP-Circuit zu probieren. (FOTO: Frank Molter)

Seine Mutter Leslie Nelson-Cressy, eine Amerikanerin, die seit über 30 Jahren mit ihrem Mann Gerard, einem Franzosen, in Paris lebt, erkennt die Nöte ihres Sohns und vermutet: „Max“, wie sie Maxime nennt, braucht ein komplett neues Tennisumfeld. Die Familie beschließt, ihn als College­spieler in die USA zu schicken. Zunächst aber landet er in der „Weil Tennis Academy“ von Ojoi, Kalifornien. Hier beendet Cressy seine Schule und trainiert nebenbei täglich: „Die Akademie war für mich ein Glücksfall, weil die Coaches voll hinter mir standen und mich als Angriffsspieler akzeptierten.“

Maxime Cressy war nur als Doppelspieler vorgesehen

Als der Wechsel ans College ansteht, ist Cressy durchaus gefragt und erhält einige Angebote. Allerdings: Die Tennis­teams der kalifornischen Unis wollen ihn nur als Doppel­spieler verpflichten, für das Einzel ist er nicht vorgesehen. 2015 landet Cressy an der UCLA von Los Angeles und darf anfangs tatsächlich nur im Doppel auflaufen. Sein ehemaliger Teamkollege Austin Rapp sagte der ATP-Website, dass Cressy damals „ein großer Kerl mit starkem Aufschlag“ gewesen sei, der sonst aber „nicht viel drauf“ hatte. „Jetzt erkenne ich ihn als Spieler nicht mehr wieder“, so Rapp anerkennend.

Am College wächst ­Cressys Ehrgeiz. Er will täglich besser werden und der Teamcoach, Billy Martin, hilft ihm dabei. Martin entwickelt die Feinabstimmung in dem oft noch wilden und ­unstrukturierten Offensiv­spiel. In seinem letzten UCLA-Jahr ist Cressy der Top-Einzelspieler des Teams. „In der Phase reifte in mir der Entschluss, es auf der Tour zu probieren“, erzählt er.

Er macht seinen Abschluss in Mathe­matik und Wirtschaft, wird US-Bürger, spielt erste Future-Turniere und lernt während eines Aufenthalts bei seinen Eltern in Paris Romain Sichez und Armand D’Harcourt kennen, die ihn bis heute als Coaches und Manager begleiten. Sichez und D’Harcourt lassen ihn im Training ewig Laufwege, Bewegungsmuster und Schlagvarianten trainieren. „Serve-and-Volley ist so viel mehr, als nur blind ans Netz zu rennen“, betont Cressy.

2021 bei den US Open schlägt er als 151. im Ranking Pablo Carreno Busta nach Abwehr von vier Matchbällen. „Im Anschluss kamen Fans auf mich zu und sagten, dass sie meinen Stil cool finden würden“, erzählt Cressy, der sich darüber noch heute freut. Nach seinem Einzug als Quali­fikant ins Finale beim ATP-Turnier in ­Melbourne Anfang 2022, das er gegen Rafael Nadal verliert, steht Cressy erstmals in den Top 100.

Wie viel Überwindung kostet es ihn, gegen Star-Spieler wie Nadal oder Medvedev durchgängig volle Attacke zu spielen? „Gar keine. Ich darf mir als Serve-and-Volley-Spieler kein Zögern erlauben, auch wenn ich mich an das Level der Topspieler erst noch gewöhnen muss“, antwortet er.

Maxime Cressy

VOLLES BRETT: Bei den Aus­tralian Open gelangen Cressy 26 direkte Return­winner – so viele wie keinem anderen Profi. „Ich muss mein Returnspiel aber noch weiter ver­bessern“, gibt er zu. (FOTO: Frank Molter)

Er hat sich sein eigenes Mindset über die Jahre geschaffen. Weil er ständig Widerstände aus dem Weg räumen und sich so oft für seinen Spielstil rechtfertigen musste. In seinen Matches, so erläutert er es, geht es darum, bei sich zu bleiben und keinen Gedanken an den Gegner zu verschwenden. Wie schafft er das?

Ein Hilfsmittel ist ein kleines Buch, in das er während der Seitenwechsel manchmal reinschaut. „Es stehen nur zwei Wörter darin, die mich zurück ins hier und jetzt holen. Mentale Keywörter, die mich in meiner Bubble lassen. Sie bedeuten nur mir etwas, aber ich verrate sie nicht“, sagt Cressy und er muss schmunzeln bei seinen Worten, weil er sich vorstellen kann, wie seltsam so eine Methode auf einen Außenstehenden wirken kann. „Ich weiß, es klingt komisch, aber es hilft mir“, fügt er hinzu.

Maxime Cressy: „Der Gegner darf nie erahnen, was ihn bei meinem Aufschlag erwartet“

Cressy sieht sich als neuen Angreifer, der zwar in der Tradition der großen Offensiv­spieler agiert, aber doch seinen eigenen Stil gefunden haben will. „Ich habe viele Serve-and-Volley-Spieler intensiv ­analysiert. In engen Situationen hatten sie einen Lieblingsaufschlag. Genau das habe ich nicht. Der Gegner darf nie erahnen, was ihn bei meinem Aufschlag erwartet. Ich muss so aufschlagen, dass ich in der Summe viele einfache Volleys bekomme.“ Cressy, der studierte Mathematiker, erklärt sein Spiel so, als wäre es eine Gleichung aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Aber was ist, wenn sein risikobehaftetes Spiel mal nicht funktioniert? Wenn der Gegner etwa jeden Return trifft? Braucht er dann nicht einen Plan B? „Nein, den brauche ich nicht. Ich weiß, dass ich mit meinem Spiel gegen jeden gewinnen kann. Es geht nur darum, dass ich mich wohlfühle – und das passiert am ehesten, wenn ich am Netz stehe“, erklärt Cressy.

Michael Stich, der gerade von einem Spaziergang mit seinen Hunden nach Hause kommt und per Handy mit tennis ­MAGAZIN über Serve-and-Volley spricht, teilt den Optimismus von Cressy nicht ganz. „Er hat mir während der Australian Open schon ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert“, gibt Stich zu, „aber ihm fehlen noch die massiven Grundschläge, um ein kompletter Spieler zu sein. Er braucht mehr Abwechslung, um seine Angriffe auch von hinten aus dem Spiel heraus aufzubauen. Dann wird er noch gefährlicher. Nur Serve-and-Volley reicht auf Dauer nicht.“

Stich, früher ein begnadeter Allrounder mit durchschlagendem Serve-and-Volley-Spiel, ist davon überzeugt, dass ein offensiv ausgerichteter Spielstil heute erfolgsversprechend sein kann. Auch weil ein Spieler wie Cressy „seine Gegner komplett aus dem Rhythmus bringt“. Daniil Medvedev „wusste zwischendurch nicht mehr, was mit ihm geschah“, analysiert Stich. Der Russe schimpfte im Match gegen Cressy, dass dessen Stil „total langweilig“ sei. Für Cressy ist das ein Lob von höchster Stelle: „Ich bin in seinen Kopf gekommen. Wenn er sich über meinen Stil beschwert, dann weiß ich, dass ich es mit Serve-and-Volley weit bringen kann.“

Kann er sagen wie weit genau? Die ­Leitung nach Dallas ruckelt etwas, dann sagt Cressy: „Grundlinienspieler dominieren das Tennis heute. Aber die Evolution ­schreitet voran. Es wird sich ein Spielertyp ent­wickeln, der den Baselinern überlegen sein wird. Irgendwann wird die Nummer eins der Welt ein Serve-and-Volley-Spieler sein – und ich hoffe, dass ich das sein werde.“