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Monica Seles: „Ich bemerkte, wie Leute mich anstarrten”

Der 30. April 1993 ging in Hamburg als „Schwarzer Freitag” in die Tennisgeschichte ein. Während des Seitenwechsels stoch Günter Parche der neunmaligen Grand-Slam-Siegerin Monica Seles ein 22 Zentimeter langes Küchenmesser in den Rücken. Mit viel Glück verfehlte er ihre Wirbelsäule. Seles hätte drei Monate später wieder auf den Platz gekonnt. Ihr seelische Narben blieben jedoch viel länger.

Günter Parche hätte noch größere körperliche Schaden anrichten können, hätte sich Monica Seles nicht nach vorne gebeugt und hätten ihn nicht zwei Passanten aus dem Publikum zu Boden gerissen. Dennoch erreichte Parche sein Ziel: Steffi Graf wurde wieder die Nummer eins der Welt.

Die Karriere von Monica Seles änderte sich komplett. Statt an ihre Erfolge anzuknüpfen, hatte sie mit Angstzuständen, Depressionen und Alpträumen zu kämpfen. Erst 1995 kehrte sie wieder auf die Tour zurück.

Seles: Fresssucht nach Messerattentat

Ihr Comeback gelang auf Anhieb mit dem Titelgewinn in Toronto und später mit dem Sieg bei den Australian Open 1996. Doch in ihre alte dominierende Form fand Seles nicht zurück. Als sie wenig später einen weiteren Schicksalsschlag mit dem Tod ihres Vaters überwinden musste, versuchte Seles, sich durch stetiges Essen zu helfen. Sie verfiel in eine Fresssucht. Es war eine schwere Zeit, sich aus dieser Situation befreien und die Leute, die sie umgaben, waren größtenteils keine Hilfe: „Ich bemerkte, wie die Leute mich anstarrten, als würden sie fragen: ‚Wie kannst du dir und deinem Körper sowas antun?’”, sagte die mittlerweile 45-Jährige gegenüber dem Telegraph.

„Sponsoren würden zu mir sagen: ‚Schau dich an, was ist passiert?‘ Und ich wollte sagen: ‚Ich bin immer noch die gleiche Person. Es sollte egal sein‘”. Doch die Presse war gnadenlos. Mit ‚Sumoringerin‘ oder ‚Donnerschenkel‘ betitelt zu werden, wenn man einen Schicksalsschlag nach dem nächsten verkraften muss, macht es das noch viel schwieriger.

Die ehemalige Nummer eins der Welt kämpfte sich zurück ins Leben und sagt heute, sie sei ein viel glücklicherer Mensch, als sie vorher war. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie gelernt habe, wer auch in schweren Lebenslagen zu ihr hält und wie sie mit den ständig im Kopf rumschwirrenden Was-wäre-wenn Fragen umgehen kann und muss: „Es bringt nichts, sich damit verrückt zu machen.” 2003 folgte ihr endgültiger Rücktritt aufgrund chronischer Rückenschmerzen. Seles hat den Kampf gegen die Fresssucht und gegen die Depressionen gewonnen und ist wieder glücklich.

Seles: „Junge Frauen werden bewertet, wie sie aussehen”

„Ich habe viel gelernt in diesen zehn Jahren, um eine positive Beziehung zum Essen zu bekommen. Als ich anfing, darüber zu reden, sind so viele Athleten aus meinem Sport auf mich zugekommen. Ich habe begriffen, dass es egal ist, wie wir aussehen oder welches Image wir projizieren. Ich hoffe, dass junge Athletinnen in den Sport kommen und wissen, dass es okay ist, wenn sie mit ihrem Gewicht oder ein Essstörung kämpfen und sich diesem Dialog öffnen. Junge Frauen im Tennis wurden immer schon danach bewertet, wie sie aussehen. Das ist immer noch die Wirklichkeit. Es ist besser als vor zehn und 20 Jahren, aber es ist noch ein langer Weg zu gehen“, erzählte Seles.

Zu ihren Kollegen von damals haben sich mittlerweile echte Freundschaften entwickelt. „Das Wichtigste ist, dass Frauen anderen Frauen helfen. Als ich gespielt habe, war es so konkurrenzbetont. Es war sehr schwierig, Freundinnen zu sein, wenn man um einen Grand-Slam-Titel wetteifert. Ich bin sehr stolz, dass einige Spielerinnen, bei denen man diese ‚Ich-mag-sie-nicht-Einstellung‘ hatte, meine Freunde geworden sind. Nun sind wir fast eine Schwesternschaft. Wir haben begriffen, dass wir viel gemeinsam haben, weil wir nie zu einer normalen Schule oder auf das College gegangen sind.“