Fred Mast

Professor Fred Mast: „Tennis ist ein absoluter Antizipationssport”

Der Erfolg auf dem Platz hängt auch von den Denkstrukturen des Spielers ab. Fred Mast, Professor für Kognitive Psychologie, spricht über die Bedeutung von Imagination und das Reafferenzprinzip. 

Der Experte

Fred Mast ist Professor für Kognitive Psychologie an der Universität Bern. Er hat an der Harvard Universität und am MIT geforscht. Als Gastprofessor war er an der York Universität in Toronto und am Institut für Neurowissenschaft der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shanghai tätig. Die Erforschung der Imagination ist sein Schwerpunktthema. In seinem Buch „Black Mamba oder die Macht der Imagination“ aus dem Herder Verlag bringt er das Thema der breiten Öffentlichkeit nahe.

Herr Mast, in Ihrem Buch „Black Mamba oder die Macht der Imagination“ beschreiben Sie, wie unser Gehirn die Wirklichkeit bestimmt. Was macht Imagination genau aus? 

Bei jeglicher Art von Wahrnehmung und Bewegung ist es wichtig, die unmittelbar nächsten Zeitschritte vorwegzunehmen. Das ermöglicht ein angepasstes Agieren in der Welt und ist die Basis der Imagination. Bei Menschen hat sich die Imagination weiterentwickelt und wir können weit in die Zukunft planen und künftige Szenarien genau mental simulieren. Das führt zu einer enormen Flexibilität unseres Handelns. Wir können verschiedene Alternativen zuerst in der Vorstellung ausprobieren und dann abschätzen, welche Variante wir in die Tat umsetzen wollen. Das ist ein evolutionärer Jackpot. 

Einfach gefragt: Kann man sich zum Erfolg denken? 

In den USA spricht man oft von „Grit“, einer Kombination aus Beharrlichkeit und Leidenschaft. Diese ist für den Erfolg unentbehrlich. Nur an den Erfolg zu denken reicht leider
nicht aus.  

Wie können Tennisspieler von der Macht der Imagination profitieren? 

Tennis spielt sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Kopf ab. Tennis hat ausgesprochen viel mit Kognition zu tun. Das Spiel verlangt sehr schnelle Entscheidungen. Das Abwägen von Alternativen muss jeweils blitzschnell erfolgen. Dabei gilt es auch, den Gegner genau zu beobachten und zudem für den Gegner unberechenbar zu bleiben. Als Ergänzung zum Training sind motorische Vorstellungsübungen wirksam. 

Hat die Imagination Grenzen? 

Ja, auch die Imagination hat Grenzen. Wir können uns zum Beispiel nur biologisch mögliche Bewegungen unseres eigenen Körpers vorstellen. Also solche Bewegungen, die wir auch ausführen können. 

Es gibt die Geschichte, wie sich der sechsjährige Novak Djokovic eine Wimbledontrophäe bastelt und fortan davon träumt, der beste Tennisspieler der Welt zu sein und Wimbledon zu gewinnen. Was kann man daraus lernen? 

So eindrucksvoll diese Schilderung ist, wäre es interessant zu wissen, wie viele Kinder solche Trophäen im vergleichbaren Alter gebastelt haben und denen die Tenniskarriere dann trotzdem nicht gelang. Aber solche Bilder sind sehr wichtig. Sie sind Ausdruck starker Visionen. Zum Erfolg braucht es dann auch enorm viel Beharrlichkeit, Frustrationstoleranz
und natürlich die notwendige körperliche Konstitution. 

Während der Corona-Pandemie konnten Freizeitspieler einige Monate nicht spielen. Man konnte also nur in Gedanken auf dem Platz stehen und sich die Bewegungen vorstellen. Ein Vorstellungstraining kann das praktische Training zwar nicht ersetzen. Aber wie sieht ein optimales Vorstellungstraining aus? 

Tennis ist im Gegensatz zu Gewichtheben oder Kunstturnen ein hochgradig interaktiver Sport mit jeweils hohen Unsicherheiten über die in den nächsten Zeitschritten folgenden Ereignisse. Insofern muss man sich im Vorstellungstraining auf einzelne isolierte Bewegungsabläufe oder den Aufschlag konzen­-
trieren. Dabei werden in der Vorstellung die einzelnen Komponenten einer komplexen Bewegung zu einem „Ganzen“ zusammengeführt, indem beispielsweise das Zusammenspiel von Armbewegung, Körperstellung und Blickrichtung optimiert wird. Motorisches Vorstellungstraining präzisiert das Wissen über seine eigenen Bewegungen und verfeinert sie. Es hilft sowohl bei der Ausführung von Bewegungen als auch bei der Antizipation der eigenen Bewegung. Tennis ist ein absoluter Antizipationssport.  

Als Tennisspieler muss ich im Sekundentakt Entscheidungen treffen, wohin ich laufe und den Ball schlage. Welchen Effekt haben die ständigen Entscheidungen sowie das Antizipieren auf das Gehirn?

Der Aufschlag beim Tennis wird so hart gespielt, dass wir keine Chance haben, den Ball zu sehen. Unser visuelles System ist dazu schlichtweg zu langsam und deswegen spielt die Antizipation die entscheidende Rolle. Wir sehen die Körperbewegungen des Gegners und erschließen daraus, wohin der Ball serviert wird. Da diese Schätzung mit großer Unsicherheit behaftet ist, benutzen wir auch viel Vorwissen, zum Beispiel die Präferenzen unseres Gegners, der beispielsweise bevorzugt durch die Mitte aufschlägt. Weiter haben wir auch Vorwissen über die Geschwindigkeit des Balles, was uns beim Timing helfen kann. Der Return resultiert folglich aus einer Kombination von Vorwissen und den Bewegungen des Gegners beim Aufschlag. Je mehr Infor­mationen wir zur Verfügung haben, desto besser wird unser Spiel. Das ständige Antizipieren und Entscheiden ist mental anspruchsvoll. Und das Resultat meldet auch unmittelbar zurück, ob wir gut entschieden haben oder nicht. Im laufenden Spiel kann eine Anpassung der Strategie notwendig sein. 

In Ihrem Buch beschreiben Sie das Reafferenzprinzip. Was hat es damit auf sich und wie können sich Tennisspieler dies zunutze machen?

Dieses Prinzip kommt aus der Grundlagenforschung und beschreibt die Tatsache, dass wir vorausschauend agieren. Wir wissen jeweils über den eigenen Bewegungsablauf Bescheid, bevor wir ihn ausführen. Bei jeder Bewegung machen wir in Echtzeit eine Vorhersage, wie sich die Bewegung anfühlen wird. Dies erst ermöglicht ein rasches Reagieren, da wir ohne Vorhersage nur mit den Daten unserer Sinnesorgane viel zu langsam wären. Vorhersage und einfließende Sinnesinformationen werden situativ gewichtet. Gerade im Tennis ist die vorausschauende Komponente extrem wichtig. Spieler, die sich auf sie verlassen können, spielen besser. 

Black Mamba oder die Macht der Imagination

Black Mamba

Autor: Fred Mast
Seitenanzahl: 288, Taschenbuch
Verlag: Herder
Beschreibung: Die Wahrnehmung ist eine Konstruktion, allerdings keine beliebige. Fred Mast nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch die Wunderwelt des Gehirns und dessen Fähigkeit zur Imagination. Imaginativ können Handlungen und Situationen vorwegnehmen und bessere Entscheidungen getroffen werden. Durch mentales Training werden Ziele erreicht. Im normalen Leben, aber auch im Tennis Von der Funktion der Träume über den Simulator im Kopf bis zur Frage, ob Maschinen Fantasie haben: Mast schreibt humorvoll, wissenschaftlich fundiert und gut verständlich über die Macht der Imagination, dem evolutionären Jackpot.
ISBN: 978-3451600876
Preis: 24 €