Seniorentennis

Seniorentennis: Aufschlag in den besten Jahren

Tennisspieler im Rentenalter erleben einen regelrechten Boom: Es werden immer mehr und sie spielen immer länger. Medizinische Studien belegen nun, dass kein Sport im hohen Alter so gut tut wie Tennis. Einblicke in einen immer noch unterschätzten Wachstumsmarkt. 

Jeden Morgen, kurz nach dem Aufstehen, macht Leonid ­Stanislavsky aus der Ukraine 20 Kniebeugen, ein paar Übungen mit seinen Kurzhanteln und dann rennt er einige Minuten auf seinem Laufband. Dreimal pro Woche spielt er Tennis in seinem Heimatclub von Charkiv, der zweitgrößten ukrainischen Stadt mit 1,4 Millionen Einwohnern. Vor anderthalb Jahren schlug er Bälle mit der ukrainischen Topspielerin Elina Svitolina. „Ich bin ihr ­größter Fan“, sagt ­Stanislavsky. Seit 2015 nimmt er ­regelmäßig an den Tennis-Weltmeisterschaften für Senioren teil, die Ende September im kroatischen Umag stattfanden. Er trat dort in der Altersklasse 85 an – und war mit seinen 94 Jahren der ­älteste WM-Teilnehmer. 

 31 Spieler waren im Feld der „Herren 85“ vertreten – so viele wie noch nie, seitdem der Tennis-Weltverband ITF diese Altersklasse vor 20 Jahren einführte. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die über 90-Jährigen in einer eigenen Altersklasse ihren WM-Titel ausspielen. In den USA gibt es bereits die „Herren 90“. 

Tennis als ewiger Jungbrunnen

Leonid ­Stanislavsky ist nicht allein. Das Seniorentennis wächst weltweit rasant und hat das in erster Linie dem demographischen Wandel zu verdanken. „Die Chancen, heute selbstbestimmt älter zu werden, sind so gut wie noch nie. Im Vergleich zu unseren Großeltern leben wir zehn Jahre länger, sind im Schnitt gebildeter, gesünder und körperlich fitter“, schreiben der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen und der Medizin­professor Tobias Esch in ihrem jüngst erschienenen Buch „Die bessere Hälfte“. Eine der wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse für das Älterwerden fasst von Hirschhausen so zusammen: „Der Körper hat objektiv seine Macken, doch der Geist emanzipiert sich von ihm als Glücksquell“. Wie das Glücksgefühl erreicht wird, ist letztlich egal. 

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Fitte Senioren: Wer heutzutage sein Arbeitsleben hinter sich lässt, gehört nicht automatisch zum alten Eisen. Viele Rentner sind noch so agil, dass sie sich voll und ganz ihrem Lieblingssport hingeben – zum Beispiel Tennis.

Für Marlies Jennis, 93 Jahre alt, liegt das Glück auf dem Tennisplatz. Die Düsseldorferin trat in diesem August zum 50. Mal bei den Deutschen Meisterschaften der Senioren an, die traditionell in Bad Neuenahr ausgerichtet werden. Für Jennis waren es die letzten nationalen Titelkämpfe. „Aber mit dem Tennis höre ich natürlich nicht auf“, beteuert sie. „Ich werde weiter zwei-, dreimal die Woche Doppel und Mixed spielen, weil mir das großen Spaß macht. Nur auf ­Turniertennis verzichte ich künftig.“  

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*Quellen: „Various Leisure-Time Physical Activities Associated With Widely Divergent Life Expectancies: The Copenhagen City Heart Study“ – Mayo Clinic Proceedings/September 2018 (li.) / ITF Tennis 2018 (re.)

Tennis als ewiger Jungbrunnen? ­Neueste Studien sprechen dem Spiel mit der Filzkugel – im Vergleich zu anderen Sportarten – tatsächlich die größte ­lebensverlängernde Wirkung zu. Die Anfang ­September 2018 veröffentliche „Copenhagen City Heart Study“ kommt zu dem Ergebnis, dass regelmäßiges Tennisspielen das Leben um knapp zehn Jahre verlängern kann. Zum Vergleich: Wer oft ins Fitnessstudio geht, hat „nur“ Chancen auf zusätzliche anderthalb Jahre. Joggern werden etwas mehr als drei Extra-Jahre geschenkt. Warum aber ist Tennis so  gut für die Gesundheit? 

Das beste Mittel gegen Stress heißt Spielen

Für die Antwort ist ein genauerer Blick in die Studie erforderlich. Forscher aus den USA und Dänemark haben 25 Jahre lang die Gesundheitswerte und Lebensstil-Angaben von 8.600 Menschen aus Kopenhagen untersucht. Anhand der sportlichen Gewohnheiten ihrer Probanden wollten die Wissenschaftler herausfinden, welche Sportart den höchsten Effekt auf ein längeres Leben hat. Nach ihrer Datenanalyse konnten sie zwar ein entsprechendes Ranking erstellen, über die genauen Gründe für ihre Ergebnisse ­können sie aber nur spekulieren. 

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Gerne gemeinsam: Wer im hohen Alter Tennis spielt, schätzt vor allem die Geselligkeit – beim Mixed, beim Doppel und bei den Einsätzen für die eigene Medenmannschaft.

Der Kardiologe James O‘Keefe, einer der Autoren der Studie, vermutet, dass sich ­Tennis (und auch andere Ballsportarten) neben den positiven Stimulationen für Herz, Kreislauf, Muskeln und Koordination in zwei Aspekten wesentlich von Joggen, Schwimmen oder Radfahren unterscheidet: Es enthält eine soziale und eine spielerische Komponente: „Emotionale Verbundenheit ist genauso wichtig wie körperliche Aktivität. Und: Das beste Mittel gegen Stress heißt Spielen. Ich nenne es Vitamin P.“ P wie Play, dem englischen Wort für Spielen. Erstaunlich an den Einschätzungen ist die hohe soziale Komponente, die dem Einzelsport Tennis zugeschrieben wird. Gilt nicht gerade Tennis als der Ego-Sport schlechthin? 

Jens Kleinert, Leiter der Abteilung für Gesundheit und Sozialpsychologie am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln, sieht das anders: „Im Freizeit- und Breitensportbereich wird ­Tennis – gerade in den höheren Altersklassen – als Teamsport wahrgenommen. Die Mannschaftsmitglieder trainieren, spielen, essen, trinken und feiern regelmäßig zusammen. Das befriedigt das Beziehungsbedürfnis und fördert das soziale Miteinander bis ins hohe Alter hinein. In der Hinsicht unterscheidet sich Tennis nicht vom Fußball – nur das Spiel an sich trägt man allein aus.“ Kleinert kann auch erklären, warum der spielerische ­Aspekt, also das „Vitamin P“, so wichtig im fortgeschrittenen Alter ist: „Dadurch wird Tennis zu einer Art Denksport, die den Geist aktiviert. Das haben alle Ballsportarten den klassischen Ausdauersportarten voraus.“ 

Senioren haben Zeit und Geld

So positiv die Studie gerade für Tennisspieler auch ausfällt: Experte Kleinert bringt einen wichtigen Faktor ins Spiel, den die Autoren der Studie zu wenig in ihre Ergebnisse mit einbezogen haben – den Bildungsstatus. „Bei Tennisspielern kann man grundsätzlich einen hohen Bildungsgrad annehmen. Das heißt: Sie wissen, was gut für die Gesundheit ist und sie achten besser auf sich“, ­erläutert er. Hinzukommt, dass ­Tennisspieler in der Regel wohlhabend sind, was sich ebenfalls oft in einem gesunden Lebensstil widerspiegelt. Viele Punkte sorgen also dafür, dass Tennis bei Senioren beliebt ist und es ihnen gut tut. 

„Derzeit spielen mehr als 25.000 ­Senioren auf über 450 Turnieren weltweit. Weil die Zahlen weiter steigen, werden wir im Dezember ein neues Konzept vorstellen, um den ­Senior-Circuit zu vergrößern und zu optimieren“, sagt Matt Byford, bei der ITF zuständig für Seniorentennis. Immer mehr Senioren spielen immer länger ­Turniertennis und investieren dafür viel Geld und Zeit – davon will die ITF profitieren und „der ­populärste Seniorensport der Welt werden“, kündigt Byford an. Das wiederum soll sich positiv auf das gesamte Welt­tennis aus­wirken. Die zarte Hoffnung: Wenn Opa spielt, greifen die Enkelkinder vielleicht auch zum Schläger. 

 

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*Quellen: Deutscher Tennis Bund / Deutscher Olympischer Sportbund (2018)

Wie sehr die „Best Ager“ mittlerweile den Tennissport unter breitensportlichen Gesichtspunkten dominieren, wird längst auch in Deutschland sichtbar. Während die Anzahl der Mitglieder und Clubs im ­Deutschen Tennis Bund (DTB) weiter schrumpft, erhöht sich der Anteil der über 60-jährigen Spieler in deutschen Vereinen konstant. Fakt ist: Jedes vierte Mitglied in einem deutschen Tennisclub ist heutzutage 60 Jahre und älter. Von den knapp 1,4 Millionen Mitgliedern sind etwa 900.000 älter als 35 Jahre. Ohne die ­Senioren, so viel ist klar, wäre das deutsche Tennis so gut wie erledigt. 

„Wir halten das deutsche Tennis am Leben”

„Wir halten das deutsche Tennis am ­Leben“, behauptet Jürgen Vollstädt. Der DTB-Seniorenreferent, 70 Jahre alt, meint mit „wir“ seine Altersgenossen, die sich in den Vorständen engagieren, das ­Clubleben aufrechterhalten und nicht selten die ­Mitgliedsbeiträge kompletter Familien zahlen. Die Tennis-Landschaft hat sich der ­älteren Klientel angepasst, es gibt hierzulande ein reichhaltiges Angebot für die Oldies (s. ­Kasten unten). „Die ganze Welt beneidet uns darum“, betont Vollstädt. Zudem sind die DTB-Senioren international ein Aushängeschild des deutschen Tennis. In ihren Reihen tummeln sich etliche Welt- und Europameister. 27-mal hintereinander ­wurde Deutschland schon als beste Senioren-Nation Europas ausgezeichnet – da können selbst die finanziell viel besser ausgestatteten Grand Slam-Nationen Frankreich und Großbritannien nicht mithalten. „Dennoch haben wir im DTB keine Lobby, der Fokus liegt auf ­Jugend- und Leistungstennis“, klagt Vollstädt, auch wenn der DTB seine Reise­zuschüsse 2017 für Senioren, die für die Team-Weltmeisterschaften nominiert werden, mittlerweile erhöht hat.  

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Lange zusammen: Tennis lässt sich auch noch in einem Alter von weit über 80 Jahren spielen und bietet damit den Vorteil einer lebenslangen Sportart, die man im Idealfall auch mit dem Partner ausübt.

Vollstädt sieht im Seniorentennis eine große Chance für den DTB. Denn: In den nächsten 15 Jahren werden 20 Millionen ­Arbeitnehmer der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Berufsleben ausscheiden. „Was sollen die dann alle machen?“, fragt Vollstädt – und liefert die Antwort gleich mit: Tennis spielen, natürlich. Fit genug sind die ­meisten. Und für Anfänger im ­Rentenalter gibt es neuer­dings „Fast Learning-Kurse für ­Senioren“, in denen die Generation „65plus“ in vier Wochen Tennis lernt. „Das ­funktioniert“, ­beteuert Vollstädt.  

Verbände und Unternehmen tun sich schwer, auf alternde Sportarten zu ­reagieren. „Ältere Sportler werden vom Marketing kaum angesprochen, obwohl sie einen Wachstumsmarkt bilden. Aber bei vielen Sportfirmen herrscht noch der Jugendwahn vor“, sagt Andreas Reidl von AG.E, einer Agentur für Generationen-Marketing. „Im Tennis gibt es wunderbare Ansätze für ­Senioren-Marketing – etwa indem man alte Idole in den Vordergrund stellt“, rät Reidl. Doch Sportmarken, die als fortschrittlich-modern gelten wollen, haben Angst vor einem staubigen Image. Leonid ­Stanislavsky, der 94-Jährige aus der Ukraine, hat andere Sorgen. Bislang gewann er bei seinen WM-Starts noch kein Match. „Ich muss in Zukunft einfach besser werden“, sagt er.