OLY-1988-TENNIS

Olympia 1988 – Als Steffi Graf den Golden Slam holte

Heute vor 30 Jahren schaffte Steffi Graf etwas, was bis in das heutige Jahr einmalig geblieben ist – den Golden Slam. Die damals 19-Jährige ergatterte sich erst alle vier Grand Slam-Titel des Jahres 1988 und gewann dann noch das olympische Tennisturnier von Seoul. Es war das erste, bei dem die Tennisprofis zugelassen waren. Anlässlich dieses historischen Ereignis haben wir im Archiv gekramt und den Vorortbericht aus dem tennis Magazin 11/1988 gefunden. Die Abschnitte über Graf gibt es hier zum Nachlesen. Viel Spaß bei der Zeitreise!

Die Meinungen waren geteilt: Hat Tennis etwas bei Olympia zu suchen? Nach den Tagen von Seoul sind alle überzeugt – die Profis gehören dazu. Nicht nur, weil es den Zeichen der Zeit entspricht, sondern auch, weil Steffi Graf und Co. sich problemlos in die olympische Familie integrieren ließen

Wie sie so dasteht, die Goldmedaillengewinnerin Steffi Graf, könnte man sie richtig ein bisschen beneiden. Alles hat sie gewonnen in diesem Jahr, und selbst, als sie müde wurde zum Schluss der Serie, hat sie nochmal alle Reserven mobilisiert, als es darum ging, das soeben Erreichte im wahren Wortsinn zu vergolden.

Und deshalb erklingt nun im Tennisstadion von Seoul die bundesdeutsche Nationalhymne, und an den Flaggenmasten hoch über der Tribüne flattert stolz Schwarz-Rot-Gold. Eine Gänsehaut hätte sie verspürt in diesem Moment, sagt Steffi Graf, und vielleicht hat sie dort oben auf der höchsten Stufe des Treppchens heimlich, still und leise sogar eine Träne vergossen. Und wenn schon.

Steffi Graf ist Olympiasiegerin geworden beim ersten Tennisturnier dieser Art seit immerhin 64 Jahren. Der fünfte große Erfolg dieses Jahres nach dem Gewinn des Grand Slam – das sind Siege bei den Turnieren in Melbourne, Paris, Wimbledon und Flushing Meadow hintereinander – brachte ihr außer ein paar Gramm auf Hochglanz poliertes Edelmetall und den obligatorischen 15 000 Mark des Deutschen Sport-Bundes (DSB) einen neuen Superlativ. Und natürlich haben sie den Titel gleich neu erfunden: „Golden Slam“ soll es nun heißen. Klingt gut, wirklich gut eigentlich.

Steffi Graf: Nichts wichtiger als gewinnen

Und nun sitzt sie da und verbreitet wahrlich olympisches Gedankengut. Als Athletin, so sagt also Steffi Graf, sei ihr immer das Wichtigste gewesen, zu gewinnen. In diesem Fall also: Gold zu holen für Deutschland. Und damit niemand etwas falsch versteht, fügt sie noch hinzu, Geld hätte in ihren Überlegungen überhaupt nicht und nie eine Rolle gespielt.

Klaus Hofsäss, Grafs Berater und Fed Cup-Coach, gratuliert der frischgebackenen Olympiasiegerin.

Und gut fühle sie sich, wirklich „sssuuper“, denn es werde nicht mehr viele Spielerinnen geben auf der Welt, die erreichen könnten, was sie erreicht hat. Nur als einer festhalten will, dass diese Leistung wohl gänzlich einmalig bleiben wird für immer und alle Zeiten, erhebt die junge Dame aus Brühl lautstark Einspruch: „ Nein, nein, man weiß ja gar nicht, wie lange es die Erde noch gibt.“

Steffi Graf: „Man weiß gar nicht, wie lange es die Erde noch gibt“

Nur einmal ist sie dann doch ganz Profi. Als die Rede ist von der Verliererin Gabriela Sabatini, der schwarzhaarigen Doppelpartnerin aus Argentinien, kennt die junge Dame kein Pardon. Nein, sie habe kein Mitgefühl, die Gabi würde schließlich auch nicht mitleiden, wenn sie verloren hätte. „ Mir war wichtig, dass ich gewinne“, sagt Steffi Graf. Aus. Basta.

Und dann steht sie unter den Olympische ringen auf dem Center Court, das Gold um den Hals und in den Augen. Gut steht ihr das. Die Bronzene fürs Doppel, die ihr weniger gefällt, hat sie lieber gleich zu Hause gelassen. Steffi Graf, das wissen nun alle, hat mit diesem Sieg die Saison so erfolgreich abgeschlossen, wie es nur geht. Ja, abgeschlossen, denn was zählen jetzt noch Zürich, Brighton, New York.

Aber was viel wichtiger war: Zwei Wochen lang ist dieses 19 Jahre alte Mädchen die gute Botschafterin des Tennissports gewesen 12000 Kilometer weit entfernt in Seoul, eine Rolle, die eigentlich dem Landsmann Boris Becker zugedacht war. Doch als der, verletzt und als Olympia-Tourist verschmäht, abgesagt hatte, schenkte Südkorea dieser Steffi Graf sein Herz.

Finale von Steffi Graf und Sabbatini weltklasse

Dieses Finale zwischen Steffi Graf und Gabriela Sabatini bot Weltklasse-Tennis. Die Argentinierin, das hatte Bundestrainer Klaus Hofsäss noch herausgefunden, spielte dabei „so gut wie noch nie gegen Steffi“, und dennoch hatte sie keine Chance. 6:3, 6:3. Zack-zack und dann: Die Nummer eins bin ich.

Da hat sich Steffi zur privaten Flaggenparade im Hotel Ramada Renaissance nochmal fein rausgeputzt und das kleine Schwarze angezogen. Sie hat sich auch dezent geschminkt und im 23. Stock hoch über Seoul bei Kaviar und Champagner nochmal Gold und Bronze präsentiert.

So edel war’s da wieder, dass man Olympia und seinen Geist glatt vergessen konnte. Und auch Steffi war schon wieder ganz Profi. Das mit der Goldmedaille sei zwar schön, erzählte sie, nur das Größte auf Erden, das sei es alles dann doch nicht gewesen. „Denn Wimbledon“, so sagte Steffi Graf, „war mir wichtiger.“

Eine Gänsehaut hat sie da nicht mehr bekommen.