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Struff und Siegemund: Die Menschen „hinter dem Schläger”

Seit Anfang 2019 werden auf der Website „Behind the Racquet” persönliche Geschichten von Spielerinnen und Spielern auf der Tour erzählt. Auch Laura Siegemund und Jan-Lennard Struff teilten kürzlich Ereignisse aus ihrem Leben und ganz private Gedanken mit den Followern des Online-Projekts.

Jan-Lennard Struff: Der Junge aus Warstein

„Ich war sehr schüchtern als Kind, habe immer daran gezweifelt, was ich erreichen kann“, erzählt Jan-Lennard Struff bei „Behind the Racquet“ von seiner Kindheit. „Struffi“ verfolgte schon früh den Traum, irgendwann professionell Tennis zu spielen. In Warstein begann er mit dem Tennissport. Für sein Ziel nahm er lange Tage auf sich, nach der Schule und dem Training war er oft erst um 21 Uhr zu Hause. Die Hausaufgaben erledigte er im Zug.

„Es gab auf jeden Fall Zeiten, in denen ich zu spät zur Schule kam, weil ich nicht aufhören konnte zu schauen“, beschreibt die deutsche Nummer zwei seine damalige Faszination für Turniere wie die Australian Open, die er noch vor Schulbeginn im Fernsehen verfolgte. Struff beendete die Schule im Jahr 2009 erfolgreich mit dem Abitur und widmet sich seitdem vollends seiner Profikarriere. Aus Kostengründen habe er zunächst bei Turnieren innerhalb Europas gespielt, erinnert er sich zurück.

Langer Weg an die Weltspitze

„Ich wollte frei sein, trainieren, meinen Traum und mein Leben leben und nicht in ein System gesteckt werden”, begründet der heute 29-Jährige seine damalige Entscheidung, sich nicht an der Uni einzuschreiben. Sein Mut sollte sich auszahlen, inzwischen steht der Warsteiner seit mehreren Monaten unter den Top 40 in der Weltrangliste. Dass er es einmal so weit nach oben schafft, war allerdings in der Jugend nicht unbedingt abzusehen. „Ich wusste nicht, wie gut ich sein würde, weil ich als Junior nicht den Erfolg hatte, den andere hatten”, erzählt Struff gegenüber „Behind the Racquet“. Im ITF-Ranking war er damals nur auf Position 400 zu finden. Doch mit der Zeit ging es voran für den Rechtshänder, der seit 2019 auch Vater eines Sohnes ist. Im August 2013 schaffte er es erstmals in die Top 100 im ATP-Ranking. Auf seinen ersten Turniersieg auf der Tour wartet er noch.

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Leben zwischen Karriere und Familie

„Es ist eine total neue Situation“, spricht Struff über die Veränderungen in seinem Leben durch die Geburt von Söhnchen Henry. Er gesteht, dass der Spagat zwischen Profisport und Familie nicht immer einfach ist, sieht aber auch die positiven Seiten: „Die meisten Niederlagen fühlen sich nicht gut an, aber wenn mein Sohn aus seinem Zimmer kommt, mich anlächelt […], dann macht das die Welt wieder schön.“ Jan Lennard-Struff genießt beide Teile seines Lebens: die Rolle als Familienvater und die Rolle des Profispielers. Und das obwohl man als Tennisspieler oft mit einem negativen Gefühl nach Hause geht. „Wir verlieren alle an einem Punkt in der Woche, weil nur einer das Turnier gewinnen kann“, zieht Struff sein Fazit, „aber es gibt nichts, das ich lieber täte.“

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“I grew up playing in a very small town in Germany called Warstein. It was very tough to find partners for training sessions, which is why we could never really schedule anything. My mom would pick me up from school with packed lunch so I was prepared for practice. She then brought me to the bus stop, which was about a 30 minute ride to the train station. The train ride was about 45 minutes which was where I used to do my homework. After practice and my return home, it would be about nine at night. At that age it was very long days. I always had this dream of becoming a professional tennis player. It helped that I had two parents who coached close to home. I remember when I was young waking up at 5:30 in the morning to watch the Australian Open for a few hours right before school. There were definitely times when I was late for school because I wouldn’t stop watching. I would then rush home after school to catch the night session. It didn’t matter how good I was, I always had the desire to be where those players were. I was a really shy kid, always doubting what I could do. In the beginning I played mostly in Europe because it was cheaper and easier to get to. After finishing school, I knew what I wanted but it wasn’t an easy choice. I got some offers from colleges and decided not to go even though it could’ve been a great experience. Many friends were telling me to go to college but I knew what I wanted. I wanted to be free, train, live my dream, live my life and not be put into a system. At the time I still questioned it all but just decided to give professional tennis a try and see how far I could go. I didn’t know how good I could be because I didn’t have the success as a junior that others had. I was ranked 400 in the ITF rankings and got my first professional point when I was 19 years old, which is a late start compared to others. It even took some time to battle pass the other Germans my age. Every year, step by step from 700, 300, 200 and now. There has been so many things that has changed, life is so different now…” @jl_struff Check out full story and others at behindtheracquet.com (link in bio @behindtheracquet )

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Laura Siegemund: Psychologie-Studentin mit Comeback-Story

Wie „Struffi“ nahm sich auch Laura Siegemund die Zeit, um ihre Gedanken mit den Lesern von „Behind the Racquet“ zu teilen.

„Ich war ausgebrannt und habe das Bedürfnis verspürt, einen Schritt zurück zu machen“, offenbart die 31-Jährige. Mit diesen Worten begründet sie ihre Entscheidung, sich Ende des Jahres 2012 vom Profitennis zurückzuziehen. Siegemund war damals im Jahresendranking auf Platz 388 zu finden. Die Rechtshänderin, die zugibt, auch als Kind schon sehr ehrgeizig gewesen zu sein, begann stattdessen ein Psychologie-Studium. Sie arbeitete nebenbei als Tennistrainerin und lernte die Sportart so, abseits der Profitour, aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen.

2015 qualifizierte sich die damals 27-Jährige dann für das Hauptfeld in Wimbledon und erfüllte sich damit einen Traum. Von dort an packte sie wieder die Lust, auch dank der neu erlangten Mentalität, erneut einen Versuch auf der Profi-Tour zu wagen. „Ich habe zu diesem Zeitpunkt gemerkt, dass ich immer zu sehr versucht habe, Erfolg zu haben, anstatt ihn einfach auf mich zukommen zu lassen. Ich habe mich selber zu sehr gestresst“, erklärt sich Siegemund den mangelnden Erfolg vor ihrer Tennispause.

Der Suchtfaktor „Tennis”

Die Stuttgarterin gibt offen zu, wie sehr sie es genießt, auf den großen Courts vor vielen Fans spielen zu dürfen. „Das ist es, was mich motiviert“, sagt die Deutsche, die oft auch durch ihren unkonventionellen Spielstil auffällt. Sie beschreibt den Sport als süchtig machend: „Sich im Ranking zu verbessern, dich anfeuernde Menschen zu sehen, Fans für dein Tennis zu begeistern, das ist großartig.”

Laura Siegemumd gewinnt in ihrer Wahlheimat Stuttgart 2017 ihren zweiten WTA-Titel beim Porsche Tennis Grand Prix.

Siegemund erwähnt gegenüber „Behind the Racquet” auch die Dinge, die sie nicht nur sportlich, sondern auch als Person haben wachsen lassen. „Du lernst, mit großen Erfolgen umzugehen, aber auch mit großen Niederlagen.” Auch seine eigenen Stärken und auf was und wen man verlassen kann, lerne man jeden Tag besser kennen. „Tennisspieler reifen sehr viel schneller als die meisten Menschen, die ein ’normales Leben‘ führen”, stellt Siegemund auch mit Blick auf ihre Freundinnen fest, „Profisport ist eine gute Schule für das Leben.”

Vorbild auch für andere Spielerinnen

2017 zog sich Siegemund, damals auf Rang 32 im WTA-Ranking, in Nürnberg einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu und musste eine mehrmonatige Zwangspause einlegen. In der Zwischenzeit hielt sie einige Vorträge und sprach darin unter anderem über die Herausforderungen im Leben als Profisportlerin und über Strategien, um ausgeglichen zu bleiben. Sie berichtet auch von Spielerinnen, die danach in der Umkleidekabine zu ihr kamen. „Sie haben beinahe geflüstert, als sie über ihre Ängste gesprochen haben […], weil sie befürchteten, dass andere Spieler sie hören und für schwach halten würden.” Der Deutschen liegt das Thema merklich am Herzen. „Ich wünsche mir von Organisationen wie der WTA und der ATP, dass sie […] Plattformen für Spieler bieten, um miteinander kommunizieren und voneinander lernen zu können, anstatt den Wettbewerb und die Isolation auf der Tour zu fördern”, beendet Siegemund ihre Erzählung für „Behind the Racquet”.

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“Throughout my whole career I thought it was as simple as one plus one. If you put in hard work and don’t give up, you will be successful. It’s not true. I worked my a** off and didn’t get what I wanted. It wasn’t nothing, but not how I summarized success. I was a very ambitious kid and looking back probably needed someone to tell me when to hold back rather than to push me. In my mid 20’s, at the end of 2012, I decided to quit the professional tour for some time. It was a very unhappy time for me. I was burnt out. I just felt the need to take a step back. I started to teach tennis which gave me a completely different perspective. At that time I decided I didn’t want to put myself in that much pain and unhappiness again, which is the tour. I was still playing tennis during this break, but it was for me, no one else. I was seeing tennis differently not just from this competitive angle. I played some club tennis matches in Germany for fun and some extra money. I slowly got back into tennis, but mentally it was something I did on the side of my studies. It wasn’t until 2015, when I qualified for Wimbledon where I thought I should get back into it. It was a dream to play main draw of a Grand Slam and here I was with that chance. I had a few tough setbacks with injuries and other situations. I always try too hard to reach for success or improvement. I put crazy stress on myself that actually prevents movement forward. I am not sure if this will ever go away in my tennis career or even my life. To learn to put in the hard work but also to relax at times is nearly impossible for me. Everyday I try to understand that opening the door for success, besides running after it, will actually lead to better results. The moment I learned to let go even a little is when things flowed a bit better. This sport has a way of being addictive. Moving up the rankings, people cheering for you, all the fans in your corner, it’s amazing. The motivation to be in front of those great crowds, on those great courts, consistently, is what keeps players in this sport…” @laurasiegemund Read full story and others at behindtheracquet.com (link in bio @behindtheracquet )

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Noah Rubin: Der Mann hinter „Behind the Racquet“

Die Idee für das Format hatte der US-Amerikaner Noah Rubin, aktuell die Nummer 247 der Weltrangliste. Seit Januar 2019 teilten, neben ihm, bereits 106 weitere Spieler ihre ganz persönlichen Geschichten. Mit dem Online-Projekt sollten Spieler die Chance bekommen, ihre Gedanken zu teilen. So sollte es gleichzeitig Fans ermöglicht werden, auch die Person hinter dem Tennisspieler kennenzulernen.

Die erste Geschichte, die veröffentlicht wurde, stammt von Noah Rubin selbst. Doch es dauerte nicht mehr lange, bis auch andere Spieler mitmachten. „Die Menschen sind sehr viel offener, als ich gedacht hätte”, sagt der US-Amerikaner zu dem Projekt. „Es gibt so viel zu lernen von diesen Geschichten. Die Menschen brauchen nur eine Plattform dafür und die gebe ich ihnen.”

Alle Geschichten gibt es hier:

https://www.behindtheracquet.com