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US Open-Oberschiedsrichter Friemel: „Es gab keinen Ermessensspielraum“

Der deutsche Schiedsrichter Sören Friemel disqualifizierte Novak Djokovic bei den US Open. Im Interview nennt er die Gründe dafür.

Seit April 2014 ist Sören Friemel beim Tennis-Weltverband ITF als „Head of Officiating“ tätig. Er ist damit quasi die oberste Instanz des Schiedsrichterwesens innerhalb der ITF. Er wacht über die Einhaltung der Regeln, koordiniert die Ausbildung der Unparteiischen und plant deren Einsätze weltweit. Bei den US Open ist der Mann aus Münster, der nun in London lebt, seit 2019 Oberschiedsrichter. Er hatte im vergangenen Jahr den Amerikaner Brian Early beerbt, der sein Amt nach 26 Jahren niedergelegt hatte.

Den Vorfall rund um Novak Djokovic hatte Friemel am Sonntagabend nicht live miterlebt. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt im Schiedsrichter-Büro. Doch als US Open-Oberschiedsrichter war es seine Aufgabe, ein Urteil in der Sache zu fällen. Nachdem Djokovic seine Pressekonferenz schwänzte und die Anlage sofort verließ, erklärte Friemel in einer kleinen virtuellen Medienrunde die Gründe für die Disqualifikation.

Herr Friemel, wie haben Sie das Geschehen auf dem Platz wahrgenommen?
Ich habe gesehen, dass die Linienrichterin auf dem Boden lag, neben ihr der Arzt, der Physiotherapeut, auch Novak und die Stuhlschiedsrichterin. Alle haben ihr geholfen, damit es ihr besser geht. Danach haben mir der Grand Slam-Supervisor Andreas Egli und die Stuhlschiedsrichterin Aurelie Tourte erzählt, was passiert war. Mir wurde erklärt, dass Novak nach einem verlorenen Punkt einen Ball aus seiner Tasche nahm, den er dann rücksichtslos und wütend nach hinten schlug und dabei die Linienrichterin an der Kehle traf. Sie war offensichtlich verletzt, hatte Schmerzen und ging zu Boden. In so einer Situation ist es besonders wichtig, dass wir hundertprozentig sicher sind, was genau passiert ist, zumal ich den Vorgang nicht selbst sah, weil ich im Schiedsrichterbüro war. Dann habe ich mit Novak geredet und ihm dabei die Chance gegeben, seine Sicht darzulegen. Aber auf der Grundlage, dass der Ball wütend und rücksichtslos nach hinten geschlagen worden war, und zwar direkt auf die Kehle der Linienrichterin, haben wir die Entscheidung getroffen, Novak zu disqualifizieren.

Hätten Sie sich in so einem Fall nicht noch einmal eine Wiederholung des Vorfalls anschauen können?
Nein, so etwas haben wir hier bei den US Open nicht, auch bei den anderen Grand Slams nicht. Natürlich, die Geschwindigkeit und auch der Einschlag des Balles beeinflussen die Entscheidung. Aber in diesem Fall wurde der Ball direkt auf die Linienrichterin geschlagen, er hat sie hart getroffen. Es gab also gar keine andere Entscheidungsmöglichkeit.

Wie hat Djokovic sein Verhalten erklärt?
Er hat zugegeben: „Ja, ich war wütend, ich habe den Ball geschlagen, ich habe die Linienrichterin getroffen, die Fakten sind sehr deutlich – aber ich habe es nicht absichtlich gemacht, also sollte ich dafür auch nicht disqualifiziert werden.“

Hat Djokovic noch etwas anderes in Ihrer langen Unterhaltung gesagt?
In so einem Moment ist bei allen Beteiligten die Anspannung groß. Also ist es wichtig, die Fakten zu überprüfen, und darum gab es auch eine längere Diskussion mit der Stuhlschiedsrichterin und dem Grand Slam-Supervisor. Es gehört auch zum Prozedere, dass wir dem Spieler das Recht geben, alle Fakten aus seiner Sicht zu nennen. Novak hat später wiederholt, dass er nichts mit Absicht gemacht habe, aber es gab keine Diskussionen, die nichts mit diesem Vorfall zu tun hatten.

Warum spielt die Absicht keine Rolle?
Die Absicht wird miteinbezogen, aber vor allem gibt es zwei Faktoren: die Handlung und das Resultat. Und die Handlung – selbst ohne Absicht – mit dem Ergebnis, dass die Linienrichterin getroffen und verletzt wird, ist in diesem Entscheidungsprozess der wesentliche Faktor. Hätte er es mit Absicht gemacht, hätten wir auch nicht diese lange Diskussion gehabt – so aber wollten wir alles berücksichtigen.

War es am Ende eine Ermessensentscheidung Ihrerseits?
Letztendlich ist jeder Verstoß gegen den Kodex zum Teil eine Ermessenssache. Aber in diesem Fall gab es meiner Meinung nach keine Möglichkeit für eine andere Entscheidung als Novak zu disqualifizieren. Denn die Fakten waren so klar, so offensichtlich. Die Linienrichterin war eindeutig verletzt und Novak war wütend. Er schlug den Ball ohne Rücksicht zurück. Wenn man alles in Betracht zieht, war kein Ermessensspielraum vorhanden.

Hat Djokovic auch für sich geworben, indem er darauf hingewiesen hat, wer er ist?
Einen Spieler bei einem Grand Slam zu disqualifizieren, ist eine sehr schwerwiegende Entscheidung. Daher ist es egal, auf welchem Platz es passiert und ob es die Nummer 1 oder ein anderer Spieler ist. Du musst die richtige Entscheidung treffen. Jeder auf dem Platz war sich dessen bewusst, was auf dem Spiel steht. Aber davon dürfen wir uns nicht beeinflussen lassen.

Quelle: USTA/red


  1. Joachim

    Er widerspricht sich selbst: angeblich keine Ermessenentscheidung, dann aber wiederum doch eine Ermessensentscheidung.

    Natürlich ist es eine Ermessensentscheidung, alles andere zu behaupten ist albern.
    Mir kam Djokovic jetzt nicht soo wütend vor und ich habe das Schlagen des Balles auch nicht als „rücksichtslos“ erlebt. Aber es war „unbeherrscht“ und „überflüssig“.

    Dass er die Linienrichterin am Kehlkopf getroffen hat, war allerdings einfach unglücklich und Pech, so hart war der Ball nicht geschlagen, an jeder anderen Stelle hätte es vermutlich nicht mal wehgetan.

    Man kann dafür jemanden disqualifizieren, das ist schon richtig.

    Aber ich finde es zu hart und unangebracht.

  2. schneegans

    Es war nicht unangebracht sondern alternativlos. In anderen (vergleichbaren) Fällen endete es auch mit Disqualifikation. (Es ist ein bisschen beruhigend, wenn kein Unterschied zwischen Nonames und Vielfachsiegern gemacht wird). Hinzu kommt noch, dass es im selben Match schon der zweite Wutball war. Beim ersten hatte er noch Glück, dass dieser niemanden getroffen hatte. Das Fernbleiben von der Pressekonferenz lässt außerdem nachträglich noch tief blicken. Eine läppische „Entschuldigungs-Erklärung“ im Internet ist eines erwachsenen Familienvaters nicht würdig.
    Es wird viel über den jungen Nachwuchs gemeckert, wenn da mal einer enttäuscht einen Schläger zertrümmert (einen Gegenstand!). Aber wenn ein fast immer siegender Erwachsener den Verlust eines Satzes nicht erträgt und mit gefährlichen Ausbrüchen reagiert, stimmt etwas nicht und bedarf der deutlichen Antwort.

  3. schneegans

    Und nun bekommen wir auch noch die „Täter“ – „Opfer“ – Vertauschung. Egal ob die Wettmafiosos oder private Leute hinter den Drohungen (bis zum Tod) stecken, es ist widerlich. Und den Äußerungen von Djokovic dazu fehlt auch die notwendige Deutlichkeit.


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