2020 US Open – Day 7

Disqualifikation von Djokovic: Hart, aber fair

Novak Djokovic spielte schon seit Jahren auf dem Platz mit dem Feuer. Bei den US Open hat er sich erstmals verbrannt. Einen weiteren „unforced error” beging er nach der Disqualifikation. 

„Hart, aber fair“: So heißt die montagabendliche Diskussionsshow in der ARD. Hart, aber fair: So ist auch das Motto, wenn es um die Disqualifikation von Novak Djokovic bei den US Open geht. Dass der Ausschluss des Weltranglistenersten beim Grand-Slam-Turnier in New York laut Regelbuch die einzige und richtige Entscheidung war, darüber darf es keine zwei Meinungen geben – auch wenn die serbischen Medien und der Großteil der Djokovic-Fans das anders sehen. Es gab weitaus größere Fehlverhalten auf einem Tennisplatz, die nicht zu einer Disqualifikation geführt haben, aber wenn eine Person körperlich verletzt wird, sollte es keinen Ermessensspielraum geben.

Djokovic entgeht Disqualifikation bei French Open 2016

Djokovic spielte schon seit Jahren auf dem Platz mit dem Feuer, indem er seinen Frust an Bällen und Schläger ausließ und Ballkinder anbrüllte. Nun hat er sich erstmals verbrannt. Ein Blick zurück: Bei den French Open 2016 im Viertelfinale gegen Tomas Berdych schleuderte er seinen Schläger aus Frust zurück in Richtung Plane und hätte den Linienrichter getroffen, wenn dieser nicht geschickt ausgewichen wäre. Statt der möglichen Disqualifikation bei einem Treffer gab es nur eine Verwarnung für Djokovic. Wenige Tage später gewann er erstmals die French Open und schaffte den Karriere-Grand-Slam.

Auf Fragen von Journalisten, ob sein Temperament auf dem Platz irgendwann Konsequenzen haben könnte, wenn der Ball oder Schläger mal eine Person treffen würde, reagierte Djokovic meist mit Sarkasmus. „Es könnte auch in der O2-Arena schneien, aber es tut es nicht“, entgegnete Djokovic bei den ATP Finals 2016 ungehalten auf eine kritische Nachfrage eines britischen Journalisten.

Ein paar Zentimeter machen den Unterschied

Wie eng Glück und Unglück beieinander liegen, hat die Disqualifikation von Djokovic gezeigt. Bei den French Open 2016 hatte er großes Glück, weil der Linienrichter ausgewichen ist. Bei den US Open hat es ihn nun erwischt – als erst sechsten Spieler im Profitennis, der bei einem Grand-Slam-Turnier disqualifiziert wurde. Wäre sein Ball ein paar Zentimeter weiter an der Plane gelandet, hätte es sicherlich nur eine Verwarnung gegeben.

Djokovic hätte den Ball überall ins leere Arthur Ashe Stadium feuern können, er hat es aber nicht getan. Kurioserweise wäre es wohl nicht zu einer Disqualifikation gekommen, wenn das Match auf einem Außenplatz gespielt worden wäre. Denn bei den US Open kommen nur auf den beiden größten Plätzen Linienrichter zum Einsatz, die anderen Plätze nutzten die Technik „Hawk-Eye-Live“.

Schlechtes Krisenmanagement von Djokovic

Ein Unfall wie der von Djokovic kann zwar vorkommen, er sollte es aber nicht. Den größeren „unforced error“, den er begangen hat, war die obligatorische Pressekonferenz zu schwänzen und wortlos die Anlage zu verlassen. Der Frust des „Djokers“ über die Disqualifikation ist verständlich, aber die Nummer eins im Herrentennis sollte genügend Rückgrat haben, um sich den berechtigten Fragen der Journalisten zu stellen.

Das Krisenmanagement von Djokovic war schon bei der Adria-Tour ein Desaster, nun unterlief ihm der nächste Fauxpas. Der Serbe ist eigentlich als guter Verlierer auf dem Platz bekannt, aber der schlechte Stil mit dem Schwänzen der Pressekonferenz wird vielleicht mehr an ihm kleben bleiben als die Disqualifikation. Da ändert auch nicht eine Entschuldigung, die er auf seinen sozialen Medienkanälen hinterherschob.

View this post on Instagram

This whole situation has left me really sad and empty. I checked on the lines person and the tournament told me that thank God she is feeling ok. I‘m extremely sorry to have caused her such stress. So unintended. So wrong. I’m not disclosing her name to respect her privacy. As for the disqualification, I need to go back within and work on my disappointment and turn this all into a lesson for my growth and evolution as a player and human being. I apologize to the @usopen tournament and everyone associated for my behavior. I’m very grateful to my team and family for being my rock support, and my fans for always being there with me. Thank you and I’m so sorry. Cela ova situacija me čini zaista tužnim i praznim. Proverio sam kako se oseća linijski sudija, i prema informacijama koje sam dobio, oseća se dobro, hvala Bogu. Njeno ime ne mogu da otkrijem zbog očuvanja njene privatnosti. Jako mi je žao što sam joj naneo takav stres. Nije bilo namerno. Bilo je pogrešno. Želim da ovo neprijatno iskustvo, diskvalifikaciju sa turnira, pretvorim u važnu životnu lekciju, kako bih nastavio da rastem i razvijam se kao čovek, ali i teniser. Izvinjavam se organizatorima US Opena. Veoma sam zahvalan svom timu i porodici što mi pružaju snažnu podršku, kao i mojim navijačima jer su uvek uz mene. Hvala vam i žao mi je. Bio je ovo težak dan za sve.

A post shared by Novak Djokovic (@djokernole) on

Der „Djoker” schlägt sich selbst

Wie geht es nun weiter mit Djokovic? Der Serbe hatte in seinen jungen Karrierejahren den Ruf eines Spaßvogels. Andy Roddick kritisierte ihn sogar dafür, zu viele Matches aufzugeben und nicht bis zum Ende zu spielen. Inzwischen hat sich Djokovic den Ruf eines Kriegers mit mehreren Leben auf dem Platz erarbeitet. Gut möglich, dass den „Djoker“ der Rückschlag nach dem verpassten US-Open-Titel, der nur Formsache schien, ihn noch mehr anstacheln wird in Hinblick auf die Rekordbücher.

Vor den US Open hieß es, dass der Serbe nur sich selbst schlagen könne. Das hat er mit seiner Disqualifikation getan. Ich bin mir sicher, dass Djokovic die meisten Rekorde brechen wird und als erfolgreichster Spieler in die Tennisgeschichte eingehen wird. Das macht ihn aber nicht gleichzeitig zum größten Tennisspieler. In Sachen Größe liegen ihm Roger Federer und Rafael Nadal noch weit voraus.


    • schneegans

      Man muss den Mann nicht hassen, um glasklar zu sehen, dass er als Familienvater seinen Kindern ein schlechtes Vorbild ist. (Erfolgsgier schraubt die Frustrationstoleranz enorm nach unten.) Er lebt ihnen außerdem vor, dass man nicht verlieren und als Sieger und Millionenverdiener ein unantastbares Ego beanspruchen darf, für das Ausnahmegesetze zu gelten haben. Da unterscheidet er sich in keinster Weise von anderen Egos aus Politik und Wirtschaft.


Schreibe einen neuen Kommentar