Rolex Paris Masters – Day Six

Novak Djokovic: Die total verkorkste Saison

Mit seiner Disqualifikation bei den US Open in New York ist das Pandemie-Jahr 2020 für Novak Djokovic zu einem „Seuchenjahr“ geworden.

Wirbel um seine Impf-Aussagen, Instagram-Live-Auftritte mit dubiosen Heilern, das Corona-Chaos auf seiner eigenen Showkampf-Tour, die Abspaltung mit einer eigenen Spieler-Gewerkschaft von der ATP-Tour – und jetzt der Rauswurf als haushoher Top-Favorit bei den US Open: Die Kritik an Novak Djokovic ist 2020 so groß wie noch nie. Er sehnt sich nach der Anerkennung der Fans, aber momentan ist er die große Reizfigur im Herrentennis. Da gerät es schon fast zur Randnotiz, dass er bis zu seiner gestrigen Disqualifikation kein Match im laufenden Jahr verloren hatte.

In der Titelgeschichte der aktuellen tennis MAGAZIN-Ausgabe haben wir versucht zu begreifen, warum Djokovic so ist, wie er ist. Woher kommt sein riesengroßer Ehrgeiz? Warum reizt er die Grenzen seiner Trainingsmethoden soweit aus, dass er sich auf Pfade begibt, die vielen als unseriös oder sogar gefährlich erscheinen? Wir haben mit ehemaligen Weggefährten, Ex-Trainern und Kennern des Serben gesprochen, um das „Rätsel Djokovic“ zu entschlüsseln

Djokovic

AUFMACHER: Aktuelle Titel-Story der Print-Ausgabe (tennis MAGAZIN 9/2020)

Und so beginnt die Cover-Story:

Wo anfangen, wenn man die Geschichte von Novak Djokovic erzählt? Bei der skandalösen Adria-Tour, bei der man die Bilder von feiernden Spielern in einer Disco und vollgestopften Arenen nicht aus dem Kopf bekommt? Weil sie so gar nicht in die Corona-Zeit passen. Oder bei den außergewöhnlichen Erfolgen des „Djokers“ auf dem Tennisplatz? Bei den bizarren Methoden, den eigenen Körper immer weiter zu tunen? 2010 etwa ließ sich Djokovic von dem Ernährungsberater Igor Cetojevic eine Scheibe Weißbrot auf den Bauch legen. Die anschließende Diagnose – Glutenunverträglichkeit – hatte zur Folge, dass er sein komplettes Leben änderte.

Djokovic als Kind in München-Oberschleißheim

Wo also anfangen, um sich einem Menschen zu nähern, der zurzeit eher für seine Aussagen neben dem Platz kritisiert wird als für seine überragenden Auftritte auf dem Platz? Vielleicht in seiner Jugend. In der Niki Pilic-Akademie in Oberschleißheim, im Norden von München vor rund 20 Jahren.

Ein früherer Weggefährte, der auch Profi werden wollte, aber schnell einsehen musste, dass er es nicht schaffen würde, erinnert sich an einen eher introvertierten, schüchternen Jungen. Dennis Betzholz, heute Journalist in Kiel, hätte 2001 nicht im Traum gedacht, dass er sich mit einer künftigen Nummer eins das Zimmer teilt. „Dann hätte ich bestimmt ein Foto von uns beiden gemacht“, sagt er grinsend. Was ihm aber auffiel: Professionalität. „Er war enorm fokussiert“, sagt Betzholz. Morgens ging der 14-jährige Novak joggen, abends noch ins Gym. Sein Bett war stets gemacht. Wenn es eine kleine Sünde gab, dann dass er „gerne auf meinem PC gedaddelt hat“. Als der zwei Jahre ältere Betzholz einmal nach Hause fuhr, habe ihn Novak höflich gefragt, ob er in der Zeit an seinem Computer spielen dürfe.

Zu der Zeit kassierte Djokovic schon sechsstellige Verträge von seinem Ausrüster. Es war klar, dass er gut werden würde, aber niemand wusste wie gut. Wahrscheinlich nur er selbst.

Der junge Djokovic: „Ich werde die Nummer eins“

Der junge Novak Djokovic sagte nicht wie die meisten Spieler, die von einer großen Karriere träumen: „Ich will die Nummer eins werden.“ Er sagte: „Ich werde die Nummer eins.“ So erinnert das Dirk Hordorff. „Der Beste der Welt zu werden, war kein Wunsch von Novak, es war für ihn völlig klar, dass er es werden würde“, sagt der frühere Coach von Rainer Schüttler und heutige Vizepräsident im Deutschen Tennis Bund (DTB). Hordorff habe dieses Potenzial anfangs nicht gesehen. Anders etwa als bei Rafael Nadal. Als der Spanier 15 war, sei ihm klar gewesen: „Der wird die Nummer eins.“ Bei Djokovic habe er keine besonderen Waffen gesehen, allenfalls die Rückhand, die an die von Yevgeny Kafelnikov erinnerte. Aber die Vorhand war „hässlich“ und beim Aufschlag hätte man einen Hut daneben stellen können.

Djokovic

TITEL- UND REIZFIGUR: Novak Djokovic auf dem aktuellen tennis MAGAZIN-Cover.

Was der DTB-Mann damit meint: Wenn Djokovic in einer beliebigen deutschen Fußgängerzone mit seinem Service aufgetreten wäre, hätte er nicht viel Geld einsammeln können. „Faszinierend“, findet Hordorff heute, dass sein damaliger Schützling Schüttler schon früh bei Djokovic erkannt habe: „Der hat die richtige Einstellung, der hat das Selbstbewusstsein. Der kommt in die Top Ten.“

Es war bei einem sechs Wochen langen Trainingslager, das Hordorff mit Spielern wie Schüttler und Lars Burgsmüller in Bad Homburg absolviert hatte, als er Djokovic kennenlernte. Der 16-jährige Serbe, damals noch mit sportlicher Heimat in der Pilic-Akademie, war als Sparringspartner dabei. Er übernachtete in Hordorffs Gästezimmer, holte sich Rat von dem erfahrenen Coach. Zum Abschluss des Camps fuhren sie zum Einladungsturnier nach St. Anton, wo starke ATP-Profis spielten. Als es abends eine Players Party gab, fragte Djokovic Hordorff, ob er dorthin gehen solle. „Klar“, antwortete der, „du lernst die anderen Spieler kennen, trinkst ein Bier.“ Djokovics Antwort: „Du hast mich nicht verstanden: Ich wollte wissen, ob das für meine Karriere gut ist.“

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