Zum Tode von James Loehr: Mental-Pionier für die Tennisstars
James Loehr war einer der Ersten seiner Zunft: Durch ihn rückte in den 80er-Jahren die Sport-Psychologie in den Fokus des Tennissports – und half vielen Stars.
Den Namen James Loehr hörte ich Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal. Ich war ein tennisverrückter Teenager, der jede freie Minute auf Tennisplätzen am linken unteren Niederrhein verbrachte, als mein damaliger Trainer mir das Buch „Tennis im Kopf“ von Dr. James Loehr in die Hand drückte: „Lies das!“ Ich war mit 15 Jahren kein großer Leser, aber dieses Buch fesselte mich und ich inhalierte es tatsächlich an einem Wochenende weg. Danach war mir klar: Um besser zu werden, musste ich vor allem im „mentalen Bereich“ zulegen. Wobei ich das Wort „mental“ bis zur Lektüre von „Tennis im Kopf“ noch nie gehört hatte.

Wegbereiter: James Loehr aus den USA brachte systematisches Mentaltraining ins Profitennis.
James Loehr starb mit 83 Jahren
James Loehr verstarb bereits am 20. April 2026 im Alter von 83 Jahren in seinem Haus in Golden, Colorado, USA. Die Todesursache war eine idiopathische periphere Neuropathie, eine Erkrankung des Nervensystems, wie seine Familie mitteilte. Ich hatte seinen Namen seit diesem einschneidenden Lese-Wochenende nie wieder vergessen und musste später auch in meiner beruflichen Laufbahn oft an ihn denken. Loehr war es, der mir Eintritt zu einer bis dahin komplett verschlossenen Tür des Tennissports öffnete: der Kraft des Geistes. Bei aller Faszination: Loehr konnte mich als Jugendlicher nie vollends überzeugen, ich glaubte am Ende doch mehr an die Kraft von ausgefeilter Technik und ausdauernder Athletik. Er war – das muss man rückblickend eingestehen – seiner Zeit einfach voraus. Loehr war der Pionier der Sportpsychologie.
In den späten 70er-Jahren, als Loehr begann, sich auf ein entscheidendes, aber übersehenes Weichteilgewebe bei Athleten zu konzentrieren – das Gehirn –, war diese Idee in den USA „so willkommen wie ein gerissener Oberschenkelmuskel“, textete jüngst die New York Times. „Sportpsychologie existierte praktisch nicht“, sagte einmal Monica Seles, die ehemalige Nummer eins der Weltrangliste im Damentennis und eine Schülerin von Loehr. „Niemand wollte über die mentale Seite irgendetwas hören. Die Trainer sagten einfach: ‚Komm mit deinen Nerven klar.‘“
Tennis war seine Parade-Disziplin
Loehr arbeitete im Laufe seiner Karriere mit Athleten aus nahezu allen Sportarten – darunter die Golfer John Daly, Mark O’Meara und Nick Faldo; die NBA-Stars Grant Hill, Penny Hardaway und Jason Williams; der Boxer Ray Mancini und Eisschnellläufer Dan Jansen. Tennis aber war seine Parade-Disziplin, auch weil er selbst Tennisspieler war. Er spielte im Team der Regis University von Denver, wo er 1964 auch seinen Abschluss in Psychologie machte.
Zunächst war Loehr in einem kommunalen Gesundheitszentrum in Colorado tätig. Eines Tages fragte Joe Vigil, ein Freund, der das Leichtathletikteam der Adams State University in Alamosa, Colorado, trainierte, ob Loehr seinen Athleten helfen könne, bessere Leistungen zu erzielen. Loehr erinnerte sich später daran, ihm gesagt zu haben, dass er „Menschen helfen könne, die mit psychischen Problemen kämpfen, aber gesunden Menschen zu helfen, in irgendetwas außergewöhnlich gut zu werden, lag völlig außerhalb meines Wissensbereichs“. Aber sein Freund ließ nicht locker und verwies darauf, dass „die Anwendung der Psychologie auf die menschliche Leistungsfähigkeit ein riesiges neues Anwendungsfeld sein wird.“
Tatsächlich kündigte er bald darauf seinen Job und setzte alles auf eine Karte: 1978 eröffnete der dreifache Vater in Denver eine Praxis für Sportpsychologie. „Es gab keinen Karriereweg, keine Kollegen in anderen Praxen, mit denen man Ideen hätte austauschen können, und nur wenige relevante Ausbildungsmodelle, denen man hätte folgen können“, schrieb Loehr 2000 in der Fachzeitschrift The Sport Psychologist. „Ich hatte keine Ahnung, wie schwierig es sein würde, in diesem Bereich eine erfolgreiche Karriere aufzubauen.“
Durchbruch mit Tom Gullikson
Sein Durchbruch kam 1982, als der damalige US-Profi Tom Gullikson, Loehr um Hilfe bat. Gewieft wie er war, erklärte er sich bereit, Gullikson kostenlos zu betreuen, wenn dieser im Gegenzug mit Sportjournalisten über ihre Sitzungen sprechen würde. Schon damals sollte sich Gullikson laut Loehr auf das konzentrieren, was später zu einem zentralen Bestandteil seines mentalen Coachings wurde: die Momente zwischen den Punkten! Denn dann schwirren den Sportlern am häufigsten negative oder falsche Gedanken durch den Kopf, die sie aus der Balance bringen konnten. Loehr wies nach, dass solchen Situationen physiologische Stressreaktionen wie etwa eine erhöhte Herzfrequenz auslösten.
Daraus entwickelte er seine „16-Sekunden-Kur“: Gullikson sollte nach jedem Punkt eine Reihe von Schritten durchlaufen. Zuerst die Schultern zurückwerfen, dann aufrecht und selbstbewusst stehen; dabei den Blick auf die Saiten des Schlägers richten, tief atmen, um die Herzfrequenz zu senken; anschließend zur Grundlinie stolzieren (Loehr nannte das später den „Matadoren-Gang“), dem Gegner den Rücken zudrehen und die Strategie für den nächsten Punkt planen, statt über den vorherigen nachzudenken; und schließlich ein Ritual durchführen – zum Beispiel den Ball vor dem Aufschlag fünfmal aufspringen lassen.
„Das wurde zu einer Vorlage dafür, wie man die Zeit managt, die entscheidend dafür ist, ob man den nächsten Punkt erfolgreich spielt. Im Profitennis sind die Unterschiede zwischen Sieg und Niederlage extrem klein, daher hat man bessere Chancen, wenn der Kopf stimmt“, erklärte Gullikson damals der verblüfften Sportjournaille. Nur die wenigsten hatten auch nur eine Ahnung davon, was Loehr mit dem Athleten tatsächlich anstellte. Körpersprache, Ritualisierungen, Energie-Management, Selbstgespräche – all diese früher noch eher unbeachteten Aspekte führte Loehr in den Tennissport ein und revolutionierte ihn damit nachhaltig. Heute ist es ganz normal, dass die Profis die Zeit zwischen den Ballwechseln nutzen, um den letzten Punkt abzuhaken und sich auf den nächsten voll zu fokussieren.
„Psycho-Doping“ für ein Tennismatch
Stress und Versagensangst machen, so Loehr, „Spitzenleistungen physiologisch unmöglich“. Dieser Teufelskreis, in dem sich negative Emotionen und zunehmend schlechteres Spiel wechselseitig hochschaukeln, lasse sich während der Matches kaum noch verscheuchen. „Dazu braucht es Strategien, die man am besten vor dem Spiel trainiert hat“, riet Loehr damals. Der SPIEGEL bezeichnete Loehrs Methoden einmal als „Psycho-Doping“, das dabei hilft, in einem drei oder vier Stunden langen Tennismatch, „sich nicht von den Emotionen“ leiten zu lassen – gerade weil das Spiel zu gut „70 Prozent aus Pausen“ besteht, die zu Selbstzweifeln einladen würden.
Der Erfolg gab Loehr recht. 1983 gründete er eine Praxis für mentale Leistungsoptimierung in einem Tenniszentrum, das US-Legende Jimmy Connors gehörte. Zwei Jahre später stellte ihn der berühmte Nick Bollettieri ein, um mit Spielern an seiner Akademie in Bradenton, Florida, zu arbeiten. Dort arbeitete er mit Monica Seles und Jim Courier. Im Laufe der Zeit coachte er auch Pete Sampras, Andre Agassi, Sergi Bruguera, Martina Navratilova, Arantxa Sanchez-Vicario, Mary Joe Fernandez und Gabriela Sabatini. Seit Einfluss auf das Tennis der 90er-Jahre war ähnlich hoch wie der von Star-Coach Bollettieri. Bollettieri staunte selbst über seinen Schützling Andre Agassi nach einer Behandlung von Loehr: „Er winkt den Zuschauern nicht mehr zu. Andre will nur die Schlacht gewinnen.“
Mentales Training als Leistungsfakor
James Loehr hat nicht nur einzelne Spieler verbessert – er hat das Denken im Tennissport verändert: vom Glauben an „Talent und guten Nerven“ hin zu einem systematischen Verständnis von mentalem Training als erlernbarem Leistungsfaktor. Er ist eine der Schlüsselfiguren dafür, dass Sportpsychologen und Mental-Coaches im Profisport inzwischen selbstverständlich sind.
Das Buch, das mir mein Trainer vor mehr als 30 Jahren in die Hand gedrückt hat, muss noch in irgendeiner Kiste im Keller liegen. Es ist höchste Zeit, es mal wieder herauszusuchen – auch wenn seine Erkenntnisse von damals längst zum Basiswissen selbst von Amateurspielern wie mir zählen.
