Für Rafael Nadal kommt die Sandplatzsaison zu früh

Die Nächste Problem­stelle: Nach vielen Blessuren etwa am Fuß und an den Knien hat Nadal nun Hüftschmerzen. Bild: AFP/SID/MANAN VATSYAYANA

Sportmediziner über Nadal-Verletzung: „Spricht für eine schwere Muskelverletzung“

Bei den Australian Open verletzte sich Rafael Nadal an der Hüfte. Sportmediziner Johannes Holz erklärt, wie der Spanier diese Verletzung überwinden kann.

Interview Gabriele Hellwig
Erschienen in Ausgabe 04/2023.

Herr Holz, Rafael Nadal hat sich an der Hüfte verletzt. Genauer: am Iliopsoas-Muskel. Wo befindet sich dieser Muskel?

Der Musculus iliopsoas gehört zu den inneren Hüftmuskeln. Er besteht aus zwei Muskeln, dem Musculus psoas major und dem Musculus iliacus. Die Muskeln setzen an einem Knochenvorsprung des Oberschenkelknochens an und verlaufen bis zur Lendenwirbelsäule. Es handelt sich um die einzige muskuläre Verbindung zwischen Wirbelsäule und Oberschenkelknochen. Dies erklärt auch die große Bedeutung, die dieser Hüftbeuger für den Körper hat. 

Welche Bedeutung hat er konkret?

Er ist der wichtigste Muskel für die Hüftbeugung. Ohne ihn könnte man nicht Tennis spielen. Man braucht diesen Muskel, um den Rumpf zu beugen und wieder aufzurichten. Und um mit langen schnellen Schritten zum Ball zu rennen. Zudem ist der Musculus iliopsoas auch an anderen Bewegungen beteiligt, zum Beispiel wenn man den Oberschenkel nach außen dreht. Außerdem sorgt der Hüftbeuger für Stabilität im Hüftgelenk und im Rumpf.

So kam es zur Nadal-Verletzung

Wie kommt es zu solchen Hüftver­letzungen wie bei Rafael Nadal?

Hüftverletzungen sind bei Tennisspielern durchaus verbreitet. Das liegt an den plötzlichen Richtungswechseln und vielen Stopps, die der Tennissport mit sich bringt. Vor allem extreme Ausfallschritte oder kraftvolle Seitbewegungen der Beine belasten die Hüfte sehr. Bei einer abrupten Bewegung werden Muskeln – aber auch Sehnen – überdehnt und können einreißen. 

Muss Nadal deswegen so lange pausieren?

Es hängt davon ab, wie stark der Muskel verletzt ist. Man unterscheidet zwischen einem Muskelfaserriss, Muskelbündelriss und Muskelabriss. Wie der Name schon sagt, zerreißen bei einem Muskelfaserriss einzelne Muskelfasern im Muskel. Bei einem Muskelbündelriss werden ganze Faserbündel verletzt. Und bei einem Muskelriss – der schwersten Form – ist der komplette Muskel durchtrennt. Je nach Schweregrad der Verletzung ist es ratsam, zwei bis sechs Wochen lang keinen Sport zu treiben. In Einzelfällen kann auch eine längere Sportpause empfehlenswert sein. Nadal selbst sprach von einer „bis zu achtwöchigen Pause“. Alles spricht also für eine eher schwere Muskelverletzung. 

Nadal-Verletzung: So behandelt man Muskelrisse

Wie werden solche Muskelrisse behandelt?

Nach der Verletzung sollte Erste Hilfe nach der PECH-Regel erfolgen:
P – dem Muskel sofort Pause gönnen.
E – Eisbehandlung oder zumindest Kühlung.
C – Compression, das englische Wort für Kompression. Es bedeutet: einen Tape-Verband anlegen, um den Muskel ruhig zu stellen.
Und schließlich H – für Hochlagern. Dadurch wird die Durchblutung in der Akutphase vermindert.

Der Arzt verordnet meistens nicht-steroidale, entzündungshemmende Schmerzmittel. Bei starker Schwellung kann eine Lymphdrainage sinnvoll sein. Sobald die Beschwerden zurückgehen, beginnt die Physiotherapie. Bei einem kompletten Muskelriss ist in der Regel eine Operation erforderlich. Dabei werden die gerissenen Muskelpartien wieder vorsichtig zusammengenäht oder am knöchernen Ursprung mit dem Sehnenansatz refixiert.

Werden die Sehnen auch oft in Mitleidenschaft gezogen?

Die Sehnen verbinden die Muskeln mit dem Knochen. Sie haben die Aufgabe, die Kraft der Muskeln auf das Skelett zu übertragen. Sie müssen eine große Belastung aushalten, sind aber schlecht durchblutet und dadurch sehr anfällig. Häufig kommt es zu Entzündungen. Durch eine ruckartige kraftvolle Bewegung beim Tennis kann eine Sehne auch reißen. Allerdings liegen in diesem Fall meistens Vorschäden vor. So macht eine chronische Überlastung die Sehnen brüchiger und anfälliger. Solche vorbelasteten Sehnen neigen schon bei geringen Überlastungen zum an- oder durchreißen.

Schmerzen an der Hüfte: Die Ursachen dafür sind vielfältig.Bild: Getty Images

So beugt man Hüftverletzungen vor

Wie werden diese Sehnenschäden behandelt?

Bei Sehnenproblemen hat sich vor allem die Eigenbluttherapie mit ACP (Autologous Conditioned Plasma) bewährt. Es handelt sich um körpereigene Wachstumsfaktoren, die speziell aufbereitet und direkt in das entzündete Sehnengewebe appliziert werden. Die ACP-Therapie unterstützt die körpereigene Heilung. Physiotherapie, hier das sogenannte exzentrische Training, ist ebenfalls empfehlenswert. Sind Sehnen komplett gerissen, müssen sie genäht werden. 

Wie kann man Verletzungen am Iliopsoas-Muskel in der Hüfte vorbeugen?

Regelmäßige Dehnübungen sind empfehlenswert, denn oft liegen Muskelverkürzungen vor. Verkürzte Muskeln erhöhen beim Tennis das Risiko für Muskelrisse. Eine ­klassische Dehnübung für den Hüftbeuger ist zum Beispiel der Ausfallschritt. Oft ­liegen auch muskuläre Dysbalancen vor. Im Hamburger OrthoCentrum überprüfen wir dies nach einer Verletzung und erstellen gegebenenfalls ein spezielles Übungsprogramm. Natürlich sollte auch der Tennistrainer im Falle einer Verletzung integriert werden, damit die Spieltechnik optimiert werden kann. So ­können eventuelle Fehlbelastungen vermieden werden.

Nadal-Verletzung: Gut zu wissen

Woher kommen Hüftschmerzen?
Nicht nur Muskel- und Sehnenprobleme kommen als Ursache für Hüftschmerzen bei Tennisspielern infrage – ein Überblick:

Hüftarthrose: Die „Coxarthrose“ ist eine der häufigsten Ursachen für Hüftschmerzen. „Arthrose entsteht oft durch chronische Überlastung des Gelenks“, sagt Holz. Bei der Hüftarthrose nutzt sich das Gelenk ab. Der Knorpel, der das Gelenk wie eine Schutzschicht umgibt, wird weniger, bis die Knochen direkt aufeinanderreiben. Folgen: Schmerzen und Bewegungseinschränkungen.  

Schleimbeutelentzündung: Liegt der Schmerzbereich im äußeren Bereich der Hüfte, ist oft eine Schleimbeutelentzündung (Bursitis trochanterica) die Ursache. Möglicher Auslöser ist eine Überbelastung des viel beanspruchten großen Gesäßmuskels. Dadurch wird der direkt darunterliegende Schleimbeutel gereizt. 

Impingement: Das englische Wort „to impinge“ bedeutet: auftreffen, zusammenstoßen. Beim sogenannten „femoroacetabulären Impingement“ ist das normale Bewegungsspiel im Hüftgelenk durch eine ungünstige Gelenkmechanik gestört. Das bedeutet: Hüftkopf (Femur) und Hüftpfanne (Acetabulum) stoßen schon bei normalen Bewegungen schmerzhaft aufeinander. In der Regel ist das sogenannte FAI angeboren. Dr. Holz: „Beschwerden entstehen oft erst später im Laufe des Lebens, zum Beispiel wenn die Hüfte beim Tennis ständig stark belastet wird.“ 

Zyste: Unter einer Zyste wird ein Hohlraum im Körpergewebe verstanden, der mit Flüssigkeit gefüllt ist. An vielen Stellen im Körper können sich Zysten bilden. So auch im Hüftkopf oder in der Hüftpfanne, und zwar direkt unter dem Gelenkknorpel. Ist das Gelenk in der Folge gereizt, können Bewegungen im Hüftbereich schmerzhaft sein. Die genauen Ursachen sind nicht bekannt, möglich ist zum Beispiel eine Entzündung.

Unser Experte

Unser Experte Dr. Johannes Holz.

Dr. Johannes Holz ist Sportmediziner und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie im OrthoCentrum Hamburg. Dr. Holz besitzt große Expertise in der operativen und konservativen Behandlung von Hochleistungssportlern und Freizeitsportlern.

Weitere Infos: www.orthocentrum-hamburg.com